Buchkritik: India: A Portrait, von Patrick French (2011) – 7 Sterne – mit Presse-Links

Auf 440 engbedruckten Seiten, inklusive Fußnoten und Stichwortverzeichnis, berichtet Patrick French über Indien seit 1947 unter drei Hauptüberschriften: Politik, Wirtschaft, Gesellschaft. Veröffentlicht 2011, entstanden die meisten Buchteile 2009 oder früher.

Fazit:

French liefert einen interessanten Einblick in das komplexe Gebilde Indien seit der Unabhängigkeit und schreibt dabei meist flüssig. Die Themen wirken jedoch zusammengewürfelt – eher wie eine Kette von Reportagen, Geschichtsabrissen und Leitartikeln, nicht wie ein schlüssiges Buch.

Die Aufteilung in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft erscheint nachträglich übergestülpt und wird dem Inhalt nicht gerecht. French ergänzt gleichwohl die exzellenten Indien-Bücher von V.S. Naipaul, William Dalrymple und Aravind Adiga (der Frenchs Buch auch rezensierte, s.u.); die Qualität dieser Autoren erreicht French jedoch nicht ganz. Parallelen bei den politischen Berichten gibt es auch zwischen French und Mark Tullys India, The Road Ahead.

French portraitiert Indien nicht nach Regionen. Die meisten seiner Geschichten siedeln in Uttar Pradesh und Delhi, einige in Tamil Nadu und Karnataka. Mumbai oder Kerala erscheinen selten, Rajasthan, Orissa oder Gujarat gar nicht. Auch Umwelt oder Künste behandelt French nicht. Hinduismus und Islam spielen wichtige Rollen im Buch, Christen fehlen.

Bizarre Details:

French mischt allgemeine Schilderungen mit persönlichen Erlebnissen, schildert Geschichtliches ebenso wie Erlebnisse im indischen Wahlkampf, mit Freude an bizarren Details. French, verheiratet mit der indischen Cheflektorin Meru Gokhale (Tochter der Autorin Namita Gokhale), hat viel Zugang zu hohen Politikern (sein Buch über den indischen Weg in die Unabhängigkeit, Death or Liberty, erschien 1997).

Gelegentlich klingt French zu salopp oder verächtlich. Mitunter verwendet er Wörter wie „lately“ oder „recent“, aus denen der gemeinte Zeitabschnitt nicht deutlich hervorgeht. Ähnlich wie in seiner exzellenten Naipaul-Biographie ist French durchgängig gut lesbar, mitunter fesselnd.

Die Fußnoten erscheinen auf 22 Seiten am Buchende. Meist sind es reine Quellenhinweise, gelegentlich aber interessante weiterführende Anmerkungen, die in den Lauftext gehören.

Vom Mahatma bis Narendra Modi:

Im ersten Teil – Politik – schildert French zunächst die regierenden Familien seit der Unabhängigkeit, von Nehru über Indira bis zu Rajiv und Sonia Gandhi. Der Wahlsieger von 2014, Narendra Modi, erscheint gelegentlich als vielversprechender Aufsteiger, seine Organisationen BJP und RSS bespricht French ausführlich; den 2014 abgetretenen Manmohan Singh lernen wir ausführlicher kennen.

Im Politik-Abschnitt analysiert French auch, welche Politiker durch Familienbeziehungen in die Lokh Sabha, das indische Unterhaus, gelangten. Das Ergebnis – untermauert durch Prozentzahlen, Balkengrafiken und Fallbeispiele – erschüttert.

Der Wirtschaftsteil beginnt mit den Finanzbeziehungen zwischen England und Indien 1947 und einer überraschenden Nebenrolle für John Maynard Keynes. Ausführlich beschreibt French die bizarrende, lähmende Planwirtschaft der 60er bis 80er Jahre und die Erfolgsgeschichte eines kleinen tamilischen Seifenproduzenten.

Naxalites und Silicon Valley:

Dann redet French über Naxalites und Maoisten, portraitiert den superreichen Industriellen Sunil Mittal, schildert Weinanbau in Nordmaharashtra und moderne Sklaverei; Mumbai selbst kommt im Wirtschaftsteil kaum vor. French vermeidet das Modethema Call Center, bringt aber andere Trendthemen: eine Reportage über Dabbawallas in Mumbai (die Lunchbox-Auslieferer, die auch im Film Lunchbox erscheinen) und ein Inder in Diensten von Yahoo im Silicon Valley.

Obwohl French den Tycoon Sunil Mittal persönlich trifft, klingen die entsprechenden Seiten wie ein blasser Lexikoneintrag – überhaupt reißen die Reportageseiten nicht mit. Etwas lebendiger erscheint immerhin die Begegnung mit einem Arbeiter, der 21 Monate in Stahlketten geschweißt war.

Religiöse Schwerpunkte:

Im Wirtschaftsteil noch deutlicher als im Politik-Abschnitt zuvor mischt French unterschiedliche Themen etwas willkürlich – man hat den Eindruck, dass er Zufallserkenntnisse und schon für Zeitschriften Recherchiertes im großen Stil unterbringen will.

Der Gesellschaftsteil beginnt mit dem Kastenwesen – einzelne Betroffene, unter ihnen Dr. Ambedkar, und indische Wissenschaftler, die dem indischen Gen nachsteigen. Es folgen haarsträubendes Polizei-Fehlverhalten (Opfer ist Frenchs Zahnarzt, Nebenfigur ein Onkel seiner Frau), Pakistans Weg zu einer stärker religiös geprägten Regierung, die Rolle der Muslime in Indien.

Pankaj Mishras Kritik:

Mehrere Rezensenten erwähnen Pankaj Mishras French-Verriss in OutlookIndia:

Patrick French’s armchair exercise parrots the rosy Western view of India, shunning rigour and ignoring depth for shallow deftness

French antwortete darauf vehement an gleicher Stelle. Mishra veröffentlichte eine weitere Rezension hier.

Weitere Rezensionen:

Es gibt einen vagen Konsens, dass Frenchs Naipaul-Biographie The World Is What It Is sein hier besprochenes Indien-Buch übertrifft; auch Naipauls eigenes drittes Indien-Buch, A Million Mutinies Now, wird oft über Frenchs Indien-Buch gestellt. Ich teile diese Meinungen.

HansBlog.de:

French liefert einen interessanten Einblick in das komplexe Gebilde Indien seit der Unabhängigkeit und schreibt dabei meist flüssig. Die Themen wirken jedoch zusammengewürfelt – eher wie eine Kette von Reportagen, Geschichtsabrissen und Leitartikeln, nicht wie ein schlüssiges Buch.

The Economist:

 a rich colouring of contemporary characters and events, many of them sharply observed at first hand. The book is crammed with elegant portraits

Tehelka:

The writing is superb. Yet one feels like a tired, satiated tourist replete with anecdotes

The Guardian, Priyamvada Gopal:

Intimacy with ordinary Indian lives rarely surfaces… French illuminates no unlit corners and tells no untold stories

Ebenfalls im Guardian, hält Aravind Adiga Naipauls Indien-Buch A Million Mutinies Now und Edward Luces In Spite of the Gods für besser:

French’s prose style, which came so close to perfection in his Naipaul biography, has become over-ripe here, and we sometimes run into disasters

BBC Blog:

Splendid…

DNA India:

Combines conventional historical narrative with the trained eye and anecdotal tale-telling of a traveller…

The Telegraph (Kolkata):

he has stitched together a series of snapshots…. I found myself less engaged by French’s take on politics than in his conversations with Delhi gigolos

The Indian Express:

Its immediacy gives it much of its power, less a portrait and more an enormous photograph. It might not age well

Business Standard:

the book is based on a number of articles written over the years. As a result, one chapter doesn’t flow into another. Each is a book in itself…

SF Gate:

Combines deep research about the country’s history with a series of vignettes culled from French’s street-level reporting.

New Republic:

Even when French is not consciously romanticizing India, he cannot help but view it as larger-than-life, which is another form of mythmaking… French is a fine stylist

Los Angeles Times:

French relies on sketches of individuals to carry his arguments…These sketches are always swift and vivid, if sometimes familiar…

The New York Review of Books:

Less an explorer than a tour guide, this Englishman has a collection of notebooks, anecdotes, insights, and clippings

Kirkus Reviews:

A rollicking, ambitious journey through Indian history and mores… A perfectly chaotic encapsulation…

Christian Science Monitor:

Instead of „Eat, Pray, Love,“ this is more like „Analyze, Interpret, Understand,“ with a wonky British scribbler

New York Times:

“India” feels longer than its 398 pages… he thinly scatters what ideas he has on arid ground. This is not a book to set one’s antennae atwitter…

The Telegraph:

A disjointed, incoherently structured, sloppy and unsatisfying book that bears the hallmarks of another rush job…


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