Sachbuchkritik: Nomaden der Arbeit (2017, engl. Nomadland), von Jessica Bruder – 8/10

In mühelos fließender, unaufdringlicher Prosa liefert Jessica Bruder abwechselnd Tiefenportraits, Ökonomie und Soziologisches sowie viele kurze Fallbeispiele und ein paar eigene Erlebnisberichte von der Arbeitsfront. Sie mischt die Themen elegant – nie walzt der Text Schwerpunkte zu breit aus, nie klingt Jessica Bruder andererseits sprunghaft. Ein paar betont beiläufige Schwarz-Weiß-Fotos zeigen die Hauptfiguren.

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Die Journalismus-Lehrerin schreibt zudem jederzeit übersichtlich und wertfrei. Sie nimmt sich weitgehend heraus aus der Geschichte, bringt aber ein aufschlussreiches Kapitel über ihr eigenes, altes Wohnmobil, dass sie  für die Recherche anschaffte und monatelang bewohnte – sicher hätte sie ohne dieses Mobil längst nicht denselben persönlichen Zugang zu all den Arbeitsnomaden („workampers“) gefunden. Ihre eigenen Arbeitseinsätze bei den Zuckerrüben und bei Amazon schildert Bruder eher als Kuriositäten denn als Erniedrigung.

Lady Linda:

Trotz vieler scheußlicher Fakten klingt Bruder nie wütend oder aktivistisch; dies liegt auch an ihrer (unrealistisch?) liebenswerten Hauptfigur Linda, 63, die scheinbar stets gute Laune hat, Campernachbarn zum Pfannkuchen zusammentrommelt und in der Verfilmung sich selbst spielen durfte. Ihre Nachbarn bezeichnen Linda als „social hub“, die ideale Zielperson für Journalistin Bruder.

Dazu kommen unterhaltsame Nebenfiguren mit verblüffendem Sarkasmus und drolligen Namen für ihre Gefährte. Der Zusammenhalt in der Workamper-Szene mit ihren „tribes“ klingt herzerwärmend, für mich fast unrealistisch.

Die englische Buchfassung enthält US-Spezifika wie“ concealed carry women’s handbags“; mich interessiert, was die deutsche Übersetzung daraus macht (gemeint sind Handtaschen, in denen sich verdeckt eine Feuerwaffe transportieren lässt). Außerdem grübelte, ob man den englischen Buchtitel auch „no mad land“ lesen kann/soll.

Persönlich vom Rezionär:

Ich habe mich gefragt, warum ich das packende Sachbuch nicht mit 9/10 oder 10/10 Sternen bewerte. Vielleicht ist mir das Buch doch etwas zu gefühlig und persönlich, und ich wünschte mir mehr soziologische Durchdringung, vielleicht auch mehr Anklage. Bei Jessica Bruder klingt es fast wie ein bittersüßes road movie.

Einerseits bleibt sie gegenüber den Arbeitgebern sehr nüchtern, andererseits befreundet sie sich mit vielen Arbeitsnomaden, hilft ihnen wesentlich im Alltag, handelt also heftig gegen das viel zitierte Reporter-Motto „Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten“; das bringt mich eher auf Distanz, und dass heute „immersive Reportagen“ à la Bruder Konjunktur haben, stimmt mich auch nicht gewogener.

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