Kritik Biografie: Thomas Jefferson. The Art of Power, von Jon Meacham (2012)– 7/10

Der Autor schreibt flüssig und mitvollziehbar, das Lesen fällt jederzeit leicht und prickelt nie richtig. Jon Meacham konzentriert sich weitgehend auf Thomas Jefferson als Politiker und Staatsdenker und schreibt über das Privatleben nur wenig – auch wenn er Jeffersons Beziehung zu seiner Sklavin und sein  Nachstellen verheirateter Frauen durchaus schildert, ebenso wie die Sorge für seine Kinder.

Allerdings glaubt  der Verfasser zu wenig an Bild und Grafik: er schildert umständlich vorvergangene Jefferson-Generationen, statt einen Stammbaum zu zeigen (der *Roman* Sally Hemings hat Stammbäume). Und Meacham  präsentiert nur eine verwaschene historische Landkarte, wenn eine aktuelle Landkarte mehr gesagt hätte (schließlich erwähnt der Autor selbst das heutige County, in dem Thomas Jefferson aufwuchs).

Der Biograf betont auf mehreren Seiten das Vorbild des Vaters und dessen Einfluss auf den späteren US-Präsidenten. Doch woran der Vater starb, als Jefferson erst 14 war, sagt Jon Meacham nicht.

Geistesmensch:

Immer wieder betont Jon Meacham, dass Jefferson ein Mann des Geistes, der Tat und auch des Genusses war:

Jefferson craved talk of the latest in science and the arts and adored conversation with the beautiful women, politicians, and men of affairs who made the world run

Er betont Jeffersons Neigung zu  Dichtung, Musik und Philosophie wie auch seine dezidierten Gedanken über Freiheit.

Regelmäßig erscheinen Jefferson-Zitate wie:

I am for freedom of religion…….. For freedom of the press………….. I am for encouraging the progress of science in all its branches…

Dazu Jeffersons Versöhnlichkeit gegenüber politischen Gegnern, sein Agieren “without bombast or drama”, nicht “viscerally and showily“, und seine Warnungen vor Nepotismus, verfassungswidrigem Handeln und zu viel präsidentieller Macht: diese Jefferson-Biografie von 2012 liest sich wie ein Anti-Trump-Programm.

Ein freundlicher Blick:

Jedenfalls behandelt der Autor Thomas Jefferson sehr freundlich und zustimmend. Er zitiert viel zeitgenössisches Lob für Jefferson, während zitierte *Kritik* meist grob bis verrückt klingt – Verleumdung von Parteigegnern und hate mails von Wutbürgern.

Jon Meacham:

This book, I hope, neither lionizes nor indicts Jefferson 

Doch diese Biografie klingt nach „lionizing”. Wer Meacham liest, um die eigene *Abneigung* gegen Jefferson zu bestätigen, wird enttäuscht und sollte schnell eine negative Rezension schreiben. Die zwei Amtszeiten Jeffersons kommen im Buch relativ kurz, doch schildert Meacham Jeffersons  Rentnerzeit in Monticello ehrfürchtig detailliert, fast hagiografisch.

Jeffersons Beziehung zur Sklavin Sally Hemings und seine als Sklaven anwesenden Kinder findet Meacham zwar

to say the least, an odd way to live

Doch Jefferson ”was a creature of his culture”; Thema beendet.

Wissenslücken:

Manches erklärt Jon Meacham nicht vernünftig. So erzählt er nebenbei, dass Jefferson jede Sekunde von einem Sklaven begleitet wurde und dass sein Leibsklave Jupiter neben ihm einschlief, wenn Jefferson spätabends noch Briefe schrieb – zu diesem offenbar verbreiteten Arrangement hätte ich gern mehr gehört.

Jefferson setzte sich allgemein für die Freiheit des Menschen und mehrfach gegen Sklavenhandel ein, hielt sich aber seine eigenen Sklaven samt Liebhaberin; diesen Widerspruch behandelt Meacham kaum. Einmal hat Jefferson den Cherokee-Häuptling Ontassete zu Gast, hört ihm beim Beten zu, auch hier kein Wort über interethnische oder politische Implikationen, auch im Hinblick auf spätere Kriege gegen Indianerstämme im Westen.

Aus dem Nichts erscheint zu Jeffersons Lebzeit der ”French and Indian War, also known as the Seven Years’ War or the Great War for the Empire“ – der Autor erwartet offenbar, dass wir schon Bescheid wissen. Auch wer den britisch-amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, das Impressment, den „Quasi-Krieg“ mit Frankreich oder den Krieg mit England ab 1812 schon kennt, ist im Vorteil; Jon Meacham erwähnt diese Konflikte, erklärt sie aber kaum.

Die zwei Präsidentschaften Jeffersons behandelt Meacham verblüffend kurz, vor allem die zweite Amtszeit, die fast nahtlos an die erste anschließt. Man hat den Eindruck, der Verfasser wolle jetzt zu Ende kommen.

Sprache:

Jon Meacham schreibt flüssig bis elegant, ohne penetrant zu werden, durchgehend angenehm. So einige historischen Zitate musste ich mir von der KI erklären lassen, ebenso wie einzelne Sätze des Verfassers, etwa

Parliament had stood down from the stamp duties, but passed the Declaratory Act asserting its view…

Seltsam unterstellend klingen Formulierungen wie 

the bride he thought he wanted… Jefferson was too much in love (or thought he was)…

Immer wieder flicht Jon Meacham längere Zitate in den Lauftext ein, in denen von „he”, „I” oder „you” die Rede ist – doch den Sprecher nennt der Autor erst nach dem Zitat, man kann die referenzierten Personen zunächst nicht zuordnen. Moderiert er ein Zitat doch einmal *vorab* an, endet die Anmoderation mit Punkt statt  Doppelpunkt; auch das ginge klarer.

Siehe hinten:

In den Endnoten liefert der Autor manchmal mehrere Absätze Hintergrund zu seinem Haupttext, dann wieder nur bibliographische Angaben. Dabei verweist der Verfasser im Haupttext nicht per hochgestellter Ziffer auf die Endnote – man muss auf gut Glück nach hinten blättern und gucken, ob Endnoten zu einer bestimmten Seitenzahl und Zeile existieren und ob diese Endnote dann eine inhaltliche Vertiefung bringt oder nur einen faden Quellenhinweis; keine glückliche Lösung.

Assoziation:

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