Eisenbahn-Weltreise: Ghost Train to the Eastern Star, von Paul Theroux (2008) – 6 Sterne

Eine Zugreise 2006 von London nach Tokio und zurück – mit einigen längeren Flug-Abschnitten dazwischen. 1973 war Paul Theroux eine ähnliche Strecke gereist und sein Buch darüber, Basar auf Schienen, engl. The Great Railway Bazaar von 1975, wurde ein großer Erfolg.

Lange Strecke:

Dem Basar auf Schienen schickte Theroux weitere Eisenbahnbücher hinterher, unter anderem über China und Südamerika, bis er schließlich hier in Ghost Train to the Eastern Star die Railway-Bazaar-Route neu abreiste. Dieses Nachfolge-Buch erschien 2008; diesmal fehlen unter anderem Iran, Afghanistan, Pakistan, dafür gibt es neu Georgien, Turkmenistan, Kambodscha, Nordvietnam, einen Landgang in Sibirien).

Der Vorgänger, Basar auf Schienen, lebt nicht von Ortsbeschreibungen und Landeskunde, sondern von den Begegnungen unterwegs. Schon auf frühen Etappen, vor Istanbul, traf Theroux unterhaltsame, gesellige Käuze, die sich bestens in sein Buch einfügten. Diesmal jedoch ist die Reise bis Indien öde, allenfalls die Tristesse in vielen postkommunistischen Zügen weckt ein bisschen Interesse – und Therouxs üblichen misanthropischen Grant.

Umso ausführlicher schwärmt Theroux nur von Istanbul, berichtet auch von seinen Begegnungen dort mit den Autoren Orhan Pamuk (der einige Theroux-Bücher kennt) und Elif Shafak (auch Elif Şafak) und schildert unterhaltsam sogar einen unspektakulären Zahnarztbesuch – der Mann kann schreiben. Viel später zieht Theroux mit den Autoren Haruki Murakami in Tokyo und mit Pico Iyer in Kyoto um die Häuser – Dialoge und Begegnungen sind die Highlights in Therouxs Büchern.

Freilich hat man den Eindruck, dass die Autoren sich gegenseitig unterstützen und in Gebieten herumspazieren, die druckbares Material versprechen. Entsprechend überzeugt der Besuch bei Arthur C. Clarke in Sri Lanka weniger: der Mann sitzt im Rollstuhl.

Banale Verallgemeinerungen:

Ghost Train to the Eastern Star ist deutlich länger als der Vorgänger The Great Railway Bazaar. Es liegt nicht nur daran, dass Theroux sich mehr Zeit nahm – rund sieben statt rund drei Monate (wahrscheinlich hatte er auch mehr Geld). Theroux zitiert im Europa-Teil und darüber hinaus auch mehr Dichterworte, die manchmal etwas mühsam zusammengeklaubt wirken.

Zudem schreibt er mehr wohlfeile Verallgemeinerungen ins Manuskript:

„Most writing about travel takes the form of jumping to conclusions…“;

„some betrayals are forgivable, but others you never quite recover from“;

„public holidays… are hell: no one working, shops and schools closed, natives eating ice cream…“

Stattdessen hätte ich lieber mehr Dialog gelesen. (Und ich selbst mag Feiertage auf Reisen sehr, weil man Einheimische entspannt und austauschfreudig im Park und an Wasserfällen trifft.)

Theroux geht mehr auf Entdeckung:

Vor allem braucht Theroux mehr Buchseiten, weil er sich längere „Landgänge“ gönnt, länger in Städten bleibt, statt immer nur Zugkilometer runterzureißen. So gibt es atmosphärische Berichte aus Georgien, Turkmenistan, Myanmar, aus Russland, Japan und vor allem Indien.

Dieses Land ist Theroux erkennbar sympathisch. Ähnlich wie V.S. Naipaul, aber oberflächlicher, schildert Theroux ein zeitgenössisches Indien, das nach der „Finsternis“ vergangener Jahrzehnte streckenweise modern und zuverlässig wirkt – die komfortablen, püntklichen Züge sind auf jeden Fall nach Therouxs Geschmack und erstmals trifft er interessante Gesprächspartner direkt auf der Schiene.

Im ersten Buch hatte Theroux indes weitaus mehr interessante Reisepartner direkt im Waggon: bei der zweiten Reise wird er, wie er selber schreibt, als alter, tätowierter, schnarchender Rucksacktourist wahrgenommen; zudem bucht er nun gern die teuerste Kategorie mit mehr Privatsphäre und weniger interessanten Begegnungen.

Theroux im Call Center:

Einer der besten Buchabschnitte ist Therouxs Reportage aus einem Call Center in Bangalore – ein Modethema westlicher Autoren und Kinomacher Mitte der Nuller Jahre. Indien ist exotisch und abwechslungsreich, die Bevölkerung anglophon, diskussionsfreudig und exzentrisch; was will ein Reiseautor mehr, da nimmt man auch Stress und Dreck in Kauf.

Doch seine legendäre Verächtlichkeit und Arroganz bewahrt Theroux auch in Indien. Über eine unsympathische Inderin im Zugabteil: „humourless beaky face“; „physically ugly“; „more babbling“; „hairy arms“; „hairy troglodytic woman shrieking abuse“; „yawning fangy and open-jawed“; „impressive nose“; „sourpuss“; „sunken eyes“. Ähnlich kanzelt er später die Chinesen insgesamt ab.

Meine Bedenken gegen mehrmonatige Zugreisen um der Zugreisen willen habe ich schon in meiner Rezension zu Basar auf Schienen geschildert. Doch diesmal bekommen die Erkundungen außerhalb der Bahngleise deutlich mehr Gewicht:

Länder wie auf einer Perlenkette:

  • Turkmenistan – bizarres Absurdistan, abstoßende Diktatur, die Durchreisende amüsiert
  • Singapur – gut funktionierende, aber politisch strangulierte Metropole; Theroux verlor hier in den 60er Jahren eine Dozentenstelle und wie schon im ersten Buch folgen lange politische Abhandlungen, die anhaltende persönliche Verletztheit suggerieren
  • Thailand – nicht viel los, aber sauber und grundsympathisch; nur hier könnte Theroux sich niederlassen (ich auch, aber nicht mit Theroux als Nachbar); das versichert Theroux noch einmal auf der letzten Buchseite
  • Kambodscha – sympathisch bis mystisch; Theroux bedient die alten Klischees von Angkor-Wat-Tempeln und Khmers-Rouges-Gräueln; gut geschrieben, aber er verwechselt die Namen Rannaridh und Sihamoni und liefert ein paar weitere Ungenauigkeiten (englische Rezensenten weisen auf weitere Fehler in anderen Abschnitten hin)
  • Vietnam – sympathische, fleißige Bevölkerung, Theroux konzentriert sich auf Kriegserzählungen und Kriegsfolgen und kritisiert die US-Regierung stark (wie er später auch die Bombardierung Japans im zweiten Weltkrieg sehr kritisch wiedergibt und Pearl Harbor nur nebenbei erwähnt)
  • China – ein hektischer Alptraum, bekommt viel Verachtung und wenige Zeilen, hier kein geschichtlicher Rückblick
  • Japan – Theroux mag den Schnee im Norden, fremdelt ansonsten deutlich
  • Russland – vor allem Rückblick auf die Unterdrückung der UdSSR-Zeit, ein Besuch im Gulag

Interessanter Rückblick auf die erste Reise:

Ghost Train to the Eastern Star liefert interessante Nachträge zur ersten Reise, so die Auswirkungen auf Therouxs erste Ehe (auch in Vorworten zu neueren Bazaar-Ausgaben zu lesen) oder den weiteren Lebensweg einiger Reisebekanntschaften. Zudem gibt es Parallelen zu Dark Star Safari, Therouxs Afrika-Reisebuch Anfang der 0er-Jahre:

In Ghost Train wie in Dark Star Safari erwähnt Theroux immer wieder, dass er unterwegs an einer Erzählung arbeitet; in beiden Bänden (wie auch in früheren Erzählungen, etwa in Mein anderes Leben) trifft Theroux unterwegs zufällig Leser seiner Bücher (eine Art Schleichwerbung). Wir erfahren auch, dass er das wirkliche Geschehen im ersten Band etwas umbaute, um mehr Dramatik zu erzeugen; das schmälert die Glaubwürdigkeit der weiteren Berichte.

Das Afrika-Überland-Buch Dark Star Safari (2002) wirkt im Vergleich zu Ghost Train (2008) deutlich pessimistischer, übellauniger und angestrengter, hier hatte Theroux viel mehr Probleme und schlechte Laune als in den Zügen zwischen London und Tokio. In Dark Star Safari wie in Ghost Train to the Eastern Star wiederholt Theroux krampfhaft die Begriffe Dark Star beziehungsweise Eastern Star ohne konkreten Anlass, wohl um die nebulösen Buchtitel zu rechtfertigen. Auch in Dark Star Safari trifft Theroux einige Dichter, unter anderem Nahgib Mahfous und Nadine Gordimer, aber die Begegnungen in Ghost Train wirken lebendiger.

Fazit:

Im Vergleich zu Reisebüchern anderer Autoren fällt bei Theroux wie immer auf: Es gibt viel Verächtlichkeit, angedeutete Rotlichtausflüge, keinen Humor und keine Fotos (obwohl er in Ghost Train einmal erwähnt, dass er Filme entwickeln lässt (und das auf einer Reise 2006)). Die Mängel stören aber nicht übermäßig: Theroux schreibt sehr atmosphärisch über seine Begegnungen; warum lässt er die politischen Abhandlungen, die Arroganz, die hohlen Verallgemeinerungen und die Sexshops nicht einfach weg? Highlights sind für mich die brillant geschriebenen, unterhaltsamen Dialoge, vor allem auf den Streifzügen mit den Autoren Orhan Pamuk, Haruki Murakami und Pico Iyer.



Bücher - Weitere Empfehlungen auf HansBlog.de:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.