Spionagebuch-Kritik: Garbo, der Spion, von Arno Molfenter (2014) – 5 Sterne

Ja, Molfenter erzählt einen dramatischen Spionagefall: Ein spanischer Hühnerzüchter foppt 1941 die deutsche Nazi-Abwehr mit frei erfundenen Nachrichten aus England und lässt sich von den Engländern noch als Doppelspion anwerben; der Mann trug offenbar wesentlich zu den erfolgreichen alliierten Landungen in Nordafrika und der Normandie bei. Molfenter entdeckte viel interessantes Material in den Archiven, interviewte 2012 Angehörige der Akteure und sichtete ihre Unterlagen.

Tolle Geschichte, zumal am Rand Winston Churchill, George VI., Dwight D. Eisenhower, Wilhelm Canaris, Kim Philby und Graham Greene agieren; Greene fand hier offenbar die Inspiration zur Spionage-Klamotte Unser Mann in Havanna. Dazu kommen spannende Einblicke ins operative Geheimdienstgeschäft kriegführender Nationen.

Sehr schade nur, dass Molfenter nicht gut erzählt, auch wenn er es nach Lehrbuch probiert:

  • Er beendet Kapitel mit Cliffhanger und lässt auf die Auflösung warten, blendet teils erst einmal zurück.
  • Er liefert wie ein Journalist atmosphärische Details, die eigentlich keine Rolle spielen, wie bei dieser morgendlichen Spionagekonferenz in London (Seite 20 der Piper-Hardcover-Ausgabe von 2014):

Der Raum war noch eiskalt von der Nacht. Milnes Kollege, Desmond Bristow, hatte erst vor wenigen Augenblicken das Holz im Kamin angezündet.

Dieses Auspolstern historisch relevanter Fakten wirkt hier aber nicht. Es klingt jedes Mal, viele Male, gewollt, wie nach Rezept eingesetzt, die Details sind irrelevant und werden nicht weiter verwendet. Z.B.a. S. 64:

Jetzt, am Ende der Trockenzeit, war der Fluss, den er unter sich sah, nur ein Rinnsal.

Das tut aber nichts zur Sache, die Hauptfigur Pujol geht über eine brauchbare Brücke, Wasser spielt keine Rolle, was interessiert uns der Fluss.

Zwar betont Molfenter in der „Editorischen Notiz 2“, die Dialoge seien „nicht fiktiv“ (S. 262), das nach und nach freiwerdende Geheimdienstmaterial enthülle Mengen verblüffender Details; auch dem General-Anzeiger versicherte Molfenter, „alles ist belegt, und ich habe auch nichts hinzuerfunden.“ Aber was ist mit den folgenden Sätzen über einen deutschen Oberst (S. 183) in angespannter Lage? Der Militär, Zitat,

atmete hörbar tief aus. Er beugte sich über den Schreibtisch und rieb sich kurz mit dem Zeigefinger die Stirn.

Diesen Vorgang belegt Pujol zudem nicht mit einer der häufigen Endnoten. Woher weiß er das also? Oder erfindet er in einem historischen Buch?

Auf der Klippe:

Hier ein Beispiel für einen von vielen Cliffhangern. Kapitel 5 endet so (S. 104):

Die Gefahr für Pujol und Harris kam plötzlich aus einer ganz anderen Richtung, und sie traf beide völlig überraschend.

Selbstverständlich erklärt anschließend der Anfang von Kapitel 6 nicht zuerst die neue Gefahr, sondern lässt uns zunächst weiter schmoren (und wer schließlich die Auflösung kennt, hält die Gefahr nicht für so „überraschend“). U.a. Kapitel 8 endet auf S. 148 nach dem selben Schema. Auf mich wirken solche Cliffhanger aufdringlich dramatisierend.

Dazu kommen weitere sprachliche Schwächen: Gelegentlich erscheinen zu viele Eigennamen oder Ortsnamen innerhalb weniger Zeilen, so dass der Überblick abhanden kommt. Und die Hintergründe in der ersten Hälfte zu einzelnen kleinen Akteuren und Institutionen sind zwar interessant – doch manchmal reiht Molfenter mehrere Biografien oder mehrere Hintergrundthemen aneinander und verliert die Haupthandlung aus dem Blick. Molfenter lässt sich von seinem Material überwältigen.

Hilfsverben und Schachteln:

Zudem vermeidet der Autor (der die Münchner Journalistenschule durchlief, bei BBC, ARD und Zeit arbeitete) Hilfsverben nicht wo möglich, ja er konzentriert sie sogar in einzelnen Absätzen wie auf S. 30 (alle Hervorhebungen von mir):

Sie _hatte_ einen beträchtlichen Anteil daran, dass die Putschisten unter General Franco Spaniens demokratisch gewählte Regierung besiegt _hatten_. Bis heute gilt die völkerrechtswidrige Bombardierung und Zerstörung der Stadt Guernica durch die Legion Condor, die weltweites Entsetzen ausgelöst _hatte_, als eines der dunkelsten Kapitel des spanischen Bürgerkriegs.

Das Beispiel zeigt nicht nur den sorglosen Umgang mit blassen, überhäufigen Hilfsverben, sondern auch den typischen, umständlich geschachtelten Satzbau. Die Doppelpein unnötiger Hilfsverben in Wiederholung beschert u.a. auch S. 65f:

Der Bedarf an neuen Soldaten _war_ so groß, dass die Ausbildung sehr kurz _war_.

Weitere Beispiele für gedoppelte Hilfsverben liefern u.a. S. 68 oben, S. 71 unten. Hier noch Seite 249:

Beruflich _hatte_ Pujols weiteres Leben nach dem Desaster seiner Farm in Venezuela, die er _hatte_ verkaufen müssen, einer Achterbahnfahrt geglichen.

Variante mit Reflexivpronomen (S. 254):

Kühlental hatte _sich_ stets als Überlebenskünstler erwiesen. Er spielte ein menschenverachtendes und für ihn potentiell lebensbedrohliches System gegen _sich_ selbst aus, indem er ihm diente und _sich_ zugleich bestimmter systemimmanenter Mechanismen – Vetternwirtschaft, Verstellung, Hang zu Größenwahn und Realitätsverlust – bediente, um _sich_ selbst der Bedrohung zu entziehen.

Auf S. 47 bringt Molfenter hintereinander „wegen“ mit Dativ und dann mit Genitiv. Alle Aktenzitate von mehr als anderthalb Sätzen zeigt das Buch in einer stilisiert unsauberen Schreibmaschinenschrift, die jedoch eng an die gängigeren Buchstaben der sonstigen Erzählung anschließt – das wirkt heterogen, zu verspielt.

Verwirrende Angaben:

Ein weiteres Problem liefern die Zwischenüberschriften, stets nach dem Schema „Lissabon, 26. April 1941“. Diese Orts- und Zeitangabe erscheint auch als lebender Kolumnentitel über jeder rechten Seite bis zur nächsten Zwischenüberschrift. Aber die Angabe trifft nicht immer zu:

So beginnt der Teil „Lissabon, 26. April 1941“ in der Mitte der Seite 28. Schon unten auf der Seite heißt es: „Zufrieden kehrte er nach Madrid zurück und rief in der deutschen Botschaft an.“ Doch noch bis Seite 36 gibt es keine neue Zwischenüberschrift, und die Kolumnentitel melden „Lissabon“, obwohl die Akteure sich ab S. 28 unten in Madrid bewegen.

Unter den Zwischenüberschriften „23. Juni 1943“ und „24. Juni 1943“ (in diesem Buchteil manchmal regelwidrig ohne Ortsangabe) erscheinen Dinge, die an einem einzigen Nachmittag stattfanden. Alles sehr irritierend.

Tolle Geschichte:

Das ist so schlecht geschrieben, dass man es bald weglegen müsste – hätte Molfenter nicht so ein starkes Stück zu berichten: Wie der Spanier und seine britischen Führungsoffiziere die deutsche Abwehr Mal um Mal verluden; wie die Deutschen dem Spanier Codes liefern, die sogleich den britischen Codeknackern in Bletchley Park helfen; wie die temperamentvolle spanische Ehefrau alles auffliegen lassen will und eiskalt ruhiggestellt wird; wie seine jüdischen Wurzeln einen deutschen Geheimdienstler gefährden. Zudem bestürzt schon das Vorleben des Spaniers, der im heimischen Bürgerkrieg wortwörtlich zwischen die Fronten geriet und vor Gewehrläufen stand.

Man fragt sich bald, warum der Zweite Weltkrieg noch drei Jahre dauerte, wenn die Londoner Agenten die Deutschen derart verladen konnten. Dazu jedoch kein Wort. Und man möchte wissen, was der Spanier für ein Mensch war. Warum riskierte er Heimat, Frau, Kinder? Trieben ihn Geld, Politik, Humanismus, Freude am Spiel? Wie kam der mutmaßliche Nazigegner Pujol zu der Chuzpe, sich den Deutschen anzudienen, um sie zu foppen? Pujol entwickelt in diesem Buch nie die geringste Persönlichkeit, wirkt wie eine mechanische Spielfigur – über Jahrzehnte. Deutsche Geheimdienstler kondolieren mitfühlend zum Tod fiktiver britischer Spione, doch vom Innenleben der lebenden Hauptperson Pujol erfährt man nichts.

Offene Fragen:

Weitere Dinge bleiben offen. Mit welcher Technik wurde da gefunkt? Pujol überträgt offenbar Texte, aber auch Reproduktionen von Dokumenten – stand da ein Scanner in seinem Londoner Haus, oder ging das per Papierbrief? Der SW-Fototeil zeigt wenige, interessante Bilder und Typoskripte. Vermisst habe ich eine realistische Landkarte zur Landung in der Normandie und den weiteren Gebieten, vor denen Pujol die Deutschen bewusst irreführend warnte. Die gezeigte Original-Landkarte der Nazis bringt nichts. Molfenter schildert diese Landung ausführlich, die Karte hätte helfen können.

„Pujol hatte einen großen Beitrag zum Erfolg des D-Days geleistet“, schreibt Molfenster auf S. 186 und Pujol erhielt einen hohen britischen Orden. Aber wie groß ist seine Leistung wirklich? Zwar haben er und seine Frau sich auf eigene Faust bei den Deutschen in Lissabon und Madrid etabliert; doch in England angekommen, wirkt Pujol wie eine Marionette von MI5 und MI6, die alle Texte für ihn schreiben. Dies erhellt auch aus Molfenters Sätzen über Pujol und seinen spanischsprechenden, britischen Betreuer Harris (S. 195):

Tomás Harris legte weiter nach. In einem extrem langen Brief, der direkt an Kühlental adressiert war, schrieb Pujol…

Soweit ich es sehe, gibt es Mitte 2018 Molfenters Buch von 2014 über einen v.a. englischen Vorgang nicht auf Englisch, allerdings auch keine andere neuere rein historische Darstellung (nur eine Fiktionalisierung von Robert Wells mit dem Titel Overlord, Underhand). Molfenter, heute UNO-Pressesprecher, schrieb zwei weitere Sachbücher über Spionagefälle im zweiten Weltkrieg; die Themen würden mich eigentlich interessieren.

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