Romankritik: Der stille Ozean, von Gerhard Roth (1980) – 7 Sterne – mit Video

Gerhard Roth beobachtet minutiös und ruhig – er seziert fast wie unter dem Mikroskop (das im Buch eine Rolle spielt). Doch gelegentlich spricht Roth gespreizt, die Sätze und Absätze werden zu lang, die Wörter zu eigen („Gezweig“). Häufig hatte ich das Bedürfnis, ganze Absätze oder Seiten erneut zu lesen, weil sie im ersten Anlauf an mir vorbeigerauscht waren.

Auch wenn der Ich-Erzähler nur von der Großstadt Graz in die nahe Südwest-Steiermark zieht: Momentweise erinnerte mich Der stille Ozean an meine mediterranen Auswanderer-Bücher, insonderheit an Patricia Atkinsons La Belle Saison: Die Hauptpersonen gehen jeweils allein (nicht als Paar) in eine neue, süd-ländliche Umgebung, und sie werden jeweils zur morgendlichen Fasanenjagd eingeladen, bei der (zu) billiger Wein fließt.

Beachtlich: Der Ich-Erzähler nimmt sich weitgehend zurück, ist weitestgehend Beobachter, erzählt kaum von seiner Vergangenheit. Auch die Sprache ist extrem reduziert, ohne jeden Effekt, ohne Variation, aber nicht blutleer. Die einzige Effekthascherei ist vielleicht der zauberhafte Buchtitel „Der stille Ozean“, beim Verlag strikt in Großbuchstaben geschrieben. Gelegentlich erinnerte mich der genau beobachtende, ruhige Stil an Naipauls Länder-Bücher, allerdings liefert Roth kaum allgemeine Hintergründe, sondern nur unmittelbar Beobachtetes (es sei denn, ihm werden Hintergründe erzählt). (Umso mehr Hintergründe bringt der gut zum Stillen Ozean passende Roth-Band Im tiefen Österreich. Dieses Buch zeigt auch, ohne ausdrücklich darauf zu verweisen, einzelne Akteure, Orte und Details aus dem Roman.)

Die vielleicht doch etwas monotone, schmucklose Sprache produziert manchmal unklare Bezüge: Bei Szenen mit mehreren Personen weiß der Leser nicht immer genau, wer mit „er“ gemeint ist.

Gerhard Roth (*1931) schildert das südweststeirische Landleben hervorragend. Er sympathisiert kaum mit seinen Objekten, schildert vielmehr nüchtern auch Verlogenheit, Doppelzüngigkeit, Armut, Aggression und einen spröden Dorfpfarrer von St. Ulrich. Es gibt ebenso selbstverständliche Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft.

Spannung erzeugt Roth kaum. Zwar lässt der Ich-Erzähler den wichtigen Grund, der ihn aus Graz in die Landabschiedenheit trieb, bis Seite 158 offen. Doch daraus klopft Roth kaum Drama – ebenso wenig wie aus einem veritablen Kriminalfall gegen Ende. Das Buch schließt dann einfach so, ohne rundes  Finale.

Verfilmt 1983 fürs Fernsehen von Xaver Schwarzenberger mit Hanno Pöschl. Roth zählt Der stille Ozean zum Zyklus Die Archive des Schweigens; dazu gehören auch der Nachfolgeband Landläufiger Tod, der ebenfalls in der Südsteiermark spielt, ebenso wie der bestens zum Stillen Ozean passende Bildtextband Im tiefen Österreich.

Ich habe, nachdem mir der Stille Ozean gefallen hatte, noch Roths Romane Winterreise, Der Plan und Der Strom probiert; diese Bände wirken sehr zäh, mit subtilen, aber oft nicht einzuordnenden Manövern und Beobachtungen.

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