Romankritik: Achtung, Mama ante portas, von William Sutcliffe (2008, engl. Whatever Makes You Happy) – 4 Sterne – mit Video & Pressestimmen


England. Drei Mütter um die 60 besuchen unangemeldet ihre drei jeweils unverheiratet lebenden Söhne und quartieren sich für eine Woche ein. Sie wollen die rätselhaften Wesen, die sie einst großzogen, jetzt alle Mitte 30, endlich kennenlernen:

I just want to find out who you are.

Reden Mütter so? Die Geschichte hat ein paar witzige, aber wenige realistische Momente. Sie wirkt eher wie ein Sozialschachgedankenspiel des Autors: Dass drei Erzeugerinnen unangemeldet ihre drei Sprösslinge für je eine Woche heimsuchen, ist unglaubwürdig genug. Die bisher biederen Frauen stellen dann noch bohrende Fragen, erpressen, kommandieren und spionieren.

Autor William Sutcliffe (*1971) zeigt eine Vorliebe für lange, unlustige Problemdiskussionen. Der Witz kommt nicht aus den Dialogen, eher aus den erklärenden Sätzen des Erzählers. Sutcliffe schreibt gleichwohl sehr flüssig und in einem Englisch, das mich kaum vor Vokabelprobleme stellte (ich kenne nur das englische Original und kann die deutsche Übersetzung von Ann Lecker-Chewiwi nicht beurteilen).

Sutcliffe konstruiert aufdringlich kitschige Momente der Versöhnung, Mutterliebe, Selbsterkenntnis und Abkehr vom Schlechten. Das wirkt wie Vorabendseife oder Bolly-Schmalz. Eine Mutter denkt über ihre eigene Nachricht an den Sohn:

It looked so kitsch and empty…

Diesen Eindruck hat der Leser öfter. Wer von witzigen Jungmännern in England lesen will, ist bei David Nicholls oder Sue Townsend besser aufgehoben.

Die drei Söhne entwirft Sutcliffe demonstrativ unterschiedlich: der frauenverbrauchende Yuppie-Modemensch im Loft; ein schwuler Männer-WG-Bewohner; ein einsamer Bücherfreund mit tragischer Ex-Liebe. Doch während diese äußeren Merkmale auf sehr unterschiedliche Charaktere hindeuten, wirken die drei Männer in ihren Handlungen und Reden alle gleichermaßen diffus.

Und alle lassen sich von ihren hereingeschneiten Müttern ausfragen und herumkommandieren. So erhält Matt, der Männermagazinmacho, von seiner Mutter eine absurde Aufgabe. Der Autor dann über Matt:

He wanted to pass the test. He didn’t know why, but he did.

Der Leser weiß auch nicht, warum Matt wollen sollte. Der Autor will es so.

Die Mütter selbst unterscheiden sich kaum, keine lässt sich an ihrer Rede erkennen, und sie wirken alle gleichermaßen unrealistisch. Gleichermaßen besessen sind sie jedoch von ihrer Mütter- und Großmütterrolle und denken ansonsten höchstens mal an ihre Ehemänner.

Der Autor beschreibt nicht nur das Auftreten der drei Mütter in den drei Männerwohnungen. Gelegentlich blendet er auch in frühere Jahre der Männer zurück. Diese Rückblenden wirken teils willkürlich und unpassend, sie harmonieren nicht mit der erzählten Gegenwart. Manchmal klingt es, als ob der Autor den Roman mit Gewalt verlängern wolle und dazu andere Geschichten aus der Schublade holt und mühsam einpflegt.

Weil Kitsch und heterogene Rückblenden in der zweiten Buchhälfte zunehmen, ging meine Meinung über den Roman im Verlauf der Lektüre linear nach unten.

2014 gab es Meldungen über eine geplante Verfilmung des Romans (Link), doch 2017 war von Ergebnissen nichts zu sehen.

Pressestimmen:

Literaturmarkt.info:

In all diesen drei Beziehungen wird deutlich, dass die Mutter-Sohn-Beziehung etwas ganz Besonderes ist. Dabei wirkt die Szenerie an einigen Stellen leicht skurril. Die Söhne ergeben sich in ihr Schicksal, ohne einen Ausweg zu suchen. Sie, die nichts gegen ihre Mütter unternehmen können, wirken in diesem Geschehen handlungslos. Im Versuch, ihre Kinder besser zu verstehen, wirken die drei Damen leicht dominierend und abschreckend.

Rezension.org:

Ein treffendes und zugleich ungemein kurzweiliges Porträt… Sein Roman ist hierbei zugleich auf der einen Seite von einem beißenden Humor geprägt, hat dabei jedoch auch durchaus seine nachdenklichen und melancholischen Momente. Ein lesenswertes und ausgesprochen kurzweiliges Buch

Guardian:

A convincing, moving portrait of an evolving relationship between a mother and adult son, and elevates this enjoyable comic novel into something more profound.

Kirkus Reviews:

What makes this novel exceptional is that Sutcliffe doesn’t take sides. He depicts the terror of these young men with an accuracy that is no less chilling for being funny, but he also clearly understands the fathomless desperation of motherly love… ((Über Carol, eine Mutter:)) So stolid, so matronly, that she’s nearly ridiculous, but Sutcliffe doesn’t let her turn into a cartoon, and her mission to save her son allows her to discover unknown reserves of vigor and dash… the arguments between Daniel and his girlfriend have a protracted, self-perpetuating, inescapable quality that makes them both authentic and tiresome to read—but Sutcliffe demonstrates a sharp wit and generosity of spirit that more than make up for this novel’s minor shortcomings.

Publishers Weekly:

An excellent comic novel that interweaves the romance, humor and pathos of three complicated families. Though it at first appears to be a simple roast of overly interfering mothers, the novel reveals itself to be a story of every mother’s desire to receive in return some small measure of the love they have given.

  • Leserwertung Goodreads: 3,28 von 5 (375 Stimmen)
  • Leserwertung Amazon.co.uk: 3,8 von 5 (18 Stimmen)
  • Leserwertung Amazon.com: 4,4 von 5 (5 Stimmen, jew. August 2017)

 

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