Romankritik: Fabian / Gang vor die Hunde, von Erich Kästner (1931) – 7 Sterne

Viele verblüffende, unterhaltsame Dialoge und kuriose Capricen; gelegentlich meint man, der Autor klopfe sich ob seiner funkelnden, knappen Bonmots und Aperçus diskret selbst auf die Schulter, betrachte sein streng unangepasstes Personal und speziell den unorthodox liebenswerten Alter-Ego-Protagonisten mit viel Wohlwollen.

Zur Handlung: Liederliche Weiber und verdrossene Spießer in Berlin. Auf den ersten vier Fünfteln passiert wenig, Erich Kästner hält das Interesse jedoch mit originellen Zitaten und Figuren wach. Das letzte Fünftel dann dramatisch, melodramatisch. Die Hauptfigur Fabian erscheint etwas zu betont kauzig-sympathisch, distanziert und moralisch.

Kästners bestes Buch für Erwachsene. Schade, dass er sich nach 1945 nicht mehr aufgerafft hat.

Ergänzung zur Ausgabe des Originals, Gang vor die Hunde, von 2013:

2013 brachte Kästner-Biograf und Kästnerologe Sven Hanuschek den Original-Fabian unter dem von Erich Kästner (1899 – 1974) wohl einst gewünschten Titel, Gang vor die Hunde, neu heraus. Erstmals liest man zwei zunächst gestrichene Kapitel und allerlei andere gestrichene Details; ein Ersatzkapitel fällt heraus. Damit wird der Roman erotischer, politischer und lakonischer.

Im umfangreichen Anhang dokumentiert Sven Hanuschek akribisch die Unterschiede zwischen nicht veröffentlichter Urfassung und veröffentlichter Erstfassung bis hin zu allerlei Ein-Buchstaben-Änderungen (auch wenn er sich gegen „Mikro-Philologie“ verwahrt, S. 246 des Atrium-TBs). Bemerkenswert: Kästners Urfassung verwendet durchgehend Dativ-e, die erste gedruckte, redigierte Fassung dagegen nicht. Dativ-e-Barock vom Autor der Neuen Sachlichkeit, sieh an.

Außerdem liefert Hanuschek Erich Kästners Fabian-Vor- und Nachworte aus allerlei Jahrzehnten. Einige der Hanuschek-Kommentare zum Roman standen schon in Hanuscheks Kästner-Biografie Keiner blickt dir hinter das Gesicht.

Ich habe mit etwa sieben Jahren Abstand erst den lange bekannten Fabian und dann dessen Urfassung Gang vor die Hunde gelesen. Ich fand den Roman auch beim zweiten Mal sehr unterhaltsam und peppig getextet – man merkt, dass Kästner für Kabaretts schrieb. Die in der Urfassung laufend cool vorgebrachten Amoralitäten waren mir dabei fast zu aufdringlich – etwa „Fette nackte Frauen“ in einem Traum (S. 141) oder S. 92:

Da vorn ist ein Lokal, wo parfürmierte homosexuelle Burschen mit eleganten Schauspielern und smarten Engländern tanzen und ihre Fertigkeiten und den Preis bekannt geben, und zum Schluss bezahlt das Ganze ein blondgefärbte Greisin, die dafür mitkommen darf.

Außerdem dachte ich: Hauptfigur Herr Fabian ist einem so nah wie ein Ich-Erzähler, trägt Kästner-biografische Züge und gutmenschelt viel zu aufdringlich – bemuttert als Sohn die Mutter und bemuttert arbeitslos einen Arbeitslosen.

Der Roman hat zudem kaum Spannung, driftet mit Jakob Fabian larmoyant durch Berlins Kneipen, Kaschemmen und liederliche Häuser, schleppt sich handlungsbogenfrei von Episode zu Episode, lebt (recht gut) von Dialogen, Bonmots, Aperçus, Sottisen, milden Erosschocks und Feinbeobachtung. „Dieses Buch nun hat keine Handlung“, sagt Kästner selbst (S. 237). Dann aber heißt es plötzlich (S. 175):

Er riß die Tür auf und jagte die Treppe hinunter ((…)) und sagte: „Fahren Sie, so schnell Sie können!“

Solch Dramatik kommt völlig unvermittelt und verstört fast. Wirklich lebhaft wird die Geschichte aber auch jetzt nicht. Hier läuft jetzt eine Selbstmordgeschichte ab, die zu weiner-/lächerlich klingt: Der Grund für den Selbstmord ist schon mild lachhaft – und dann erweist sich der Grund auch noch als Fehlinformation („es war nur ein Scherz gewesen!“, S. 199). Danach wird die einst so lakonisch selbstspöttische Hauptfigur fürchterlich grämlich und weint bei Muttern (S. 212).

Einzige Wohltat: Was immer Kästner schreibt, das erlösende Kapitelende ist nicht fern – er packt 24 Kapitel auf gerade mal 223 Seiten Netto-Haupttext.

Allerdings schreitet die Chronologie mit jedem Kapitel gleichmäßig fort, meist um wenige Stunden. Nie springt der Autor mal ein paar Tage oder Wochen weiter. Das wirkt etwas monoton.

Der Roman soll Ende 2020 als Kinofilm herauskommen (Stand September 2020), Buch und Regie Dominik Graf, Hauptdarsteller oh weh Berlingockel vom Dienst Tom Schilling. Verblüffend nur, dass es (nach meiner Übersicht) nicht längst einen Film gibt – der Roman hat peppige Dialoge und deftige Szenen, die sich leicht drehen lassen, und alle in Berlin, wo sowieso immer alle sind (und ein bisschen Dresden)

Freie Assoziation:

Lichter der Großstadt, coole Sprüche und fröhliche Amoralität (speziell in Gang vor die Hunde), das erinnert an frühe New-York-Romane von Jay McInerney wie Bright Lights, Big City und Ich nun wieder.

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