Rezension Roman: So wirst du stinkreich im boomenden Asien, von Mohsin Hamid (2013, engl. How to Get Filthy Rich in Rising Asia) – 5 Sterne

Das Erfolgsbuch des Erfolgsautors begeisterte auch die Profikritik. Es hat ein paar kurze, markante Dialoge und gelegentlich kleine, hübsche Szenen. Ansonsten passiert nicht besonders viel: ein armer pakistanischer Dorfjunge kommt in die Großstadt Lahore und wird allmählich reich; auf jeder neuen Stufe ringt er mit Dreck, Gewalt und Korruption, bis zum verklärten Ende Jahrzehnte später. Frauen spielen nur Nebenrollen.

Stilistische Besonderheiten:

Unique Selling Point des Buchs ist sein Sound: Hamid schreibt großmäulig und zugleich weckt er gelegentlich Anklänge an ein Ratgeberbuch – jedoch nur ein bis zwei Absätze bei jedem Kapitelanfang, ansonsten generell nicht; darum übertreiben andere Rezensionen den Ratgeberanklang m.E. Wohl wegen des Ratgebermotivs redet der Autor über die Hauptfigur in der zweiten Person („du fährst zurück …“).

Das tönt insgesamt ziemlich angeberisch und nur begrenzt romantauglich. Vielleicht ist der Roman ja auch wegen der ermüdenden „du“-Anrede so kurz. (Mein englisches UK-TB von Hamish Hamilton hat nicht nur aufgeblähten Sound, sondern auch dito Aufmachung: Es ist so luftig auf so dickem Papier bedruckt und mit so vielen Leerseiten zwischen den Kapiteln, dass es irreführend die Dicke eines üblichen Taschenbuchs erreicht.)

Die Anrede mit „du“ ist auch nicht neu, das lieferten vor Hamid schon andere stilistisch versierte Autoren. Man denkt u.a. an Jay McInerneys Ein starker Abgang/Bright Lights, Big City (1986) und an Lorrie Moores Kurzgeschichten aus Leben ist Glückssache/Self-Help (1985) (und hier haben wir schon einmal das Selbsthilfethema). Westliche Leser lädt Hamids „du“ wohl weniger zu Identifikation ein, denn die Hauptfigur ist ein Pakistaner in Pakistan, der sich fortwährend mit pakistanischen Problemen plagt.

Weitere Schwächen:

Irritierend: Während der Autor weitgehend aus Sicht der männlichen Hauptfigur („du“) erzählt, wechselt die Perspektive gelegentlich auf andere Personen, zwei von ihnen wirken zudem eher unrealistisch. Störend hinzu kommt bei Hamid eine präpubertäre Fixierung auf Körperfunktionen, vor allem solche der unteren Darmgegend. Dieses Thema kehrt unnötig immer wieder und macht den Roman als Beilage einer Mahlzeit ungenießbar.

Den Angeberton verstärkt Hamid noch, indem er einmal scheinbar überlegen davon raunt, wie man die Hauptfiguren durch ihre Laptopkameras ausspionieren könnte – ohne dass dieses Motiv eine Rolle für die Handlung spielt oder wiederkehrt. Ein- oder zweimal sagt der Autor seinen Protagonisten auch besserwisserisch einen Schicksalsschlag in der Zukunft voraus, von dem sie natürlich noch nichts ahnten; soll ich beeindruckt sein?

Gleichwohl ist das leicht lesbar und wohltuend schnell vorbei.

Weitere Assoziationen:

  • Ein dreckiger Dorfjunge praktisch ohne Chance arbeitet sich auf dem nordindischen Subkontinent weit nach oben, das beschrieb auch Aravind Adiga im Weißen Tiger (2008), und zwar viel besser als Mohsin Hamid (zwischenzeitlich haben beide Hauptfiguren mit Transportgewerbe und Mord neben einem Auto zu tun)
  • Der großmäulige Ton des Erzählers weckt Gedanken an die Sinatra-Biografie Frank: The Voice (2010) von James Kaplan
  • Steven Kwans Roman-Reihe Crazy Rich Asians erinnert vom Titel an Mohsin Hamids How to Get Filth Rich in Rising Asia, spielt aber in Singapur unter Superreichen.

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