Rezension: Alles, was ist, von James Salter, (Roman 2013, engl. All That Is) – 7 Sterne – mit Pressestimmen

James Salter (1925 – 2015) schreibt ernsthaft, aber jederzeit eminent lesbar, raunt mystisch altersweise und atmet Gravitas in dicken Wolken – man denkt gelegentlich an den mittleren V.S. Naipaul etwa in An der Biegung des großen Flusses. Bei den Kriegshandlungen zu Beginn tönt Salter zu pompös, wie mit Wochenschau-Pathos  (ich kenne nur das englische Original und kann die Eindeutschung nicht beurteilen).

Figurenreigen:

Zwar steht der Buchlektor Bowman im Mittelpunkt, und James Salter erzählt die Geschichte ab etwa 1945 in New York im Prinzip chronologisch. Doch der Autor fährt immer wieder neue Akteure auf, samt mehrseitigen Rückblenden in Details ihres Vorlebens, erzählt sogar fiktive Romane nach.

Manchmal wirkt es wie gesammelte Versatzstücke, die Salter in früheren Romanen nicht verwerten konnte, vieles rein zufällig aus der Verlagsbranche. Dieses Schwenken erscheint eigentlich abschweifend, doch angesichts des meisterlichen Erzähltons passt es noch – ein loser, aber sorgfältig arrangierter Reigen, der All That Is einen eigenen Rhythmus gibt.

Mehr Dialog:

Dieser Erzählstil ist im Prinzip bekannt aus Salters Autobiografie Verbrannte Tage/Burning the Days, 1997 – ebenso wie einzelne Figuren. In All That Is/Alles, was ist bringt Salter jedoch mehr Dialog. In beiden Büchern haben die männlichen Hauptdarsteller auch immer wieder äußerst bewegende Frauen-Begegnungen, ohne dass der Grund für die Anziehung so richtig klar wird.

Die Szenen sind oft kurz, markant und meisterlich. Und sie sind immer privat: Politik, Gesellschaft oder Wirtschaft spielen keine Rolle. Kriegsausgang, Regierungswechsel oder Kubakrisa figurieren gar nicht, der Kennedy-Mord kommt in einer Pflichtmeldung. Außer für Privates interessieren sich die Akteure nur für Kultur wie Bücher, Malerei und ein wenig klassische Musik, aber nicht für die Entwicklung der Popkultur.

Die Atmosphäre im Nachkriegs-New York lässt an Richard Yates denken, oder sogar an F. Scott Fitzgerald, der von einem anderen Nachkriegs-New York erzählt hatte. Die Ostküsten-Schauplätze, die alten Männer mit jüngeren Frauen und das Ehebrechen erinnern an die fast zeitgleich erschienen neueren Kurzgeschichten von David Gates, klingen aber hier weniger mechanistisch und weniger nach Altherrenerguss, trotz detaillierter Bettszenen. Viele Scheidungen und Umzüge, wenig Ankommen.

„Der kühl-melancholische Sound…“ – die Kritiker:

Alles, was ist erhält von Profikritikern in Deutschland, USA und England fast nur Lob. Die deutschen Profi-Kritiker der bekanntesten Publikationen (s.u.) kommentieren die Eindeutschung des US-Romans nicht. Leserkritiken sind durchwachsen (s.g.u.).

Die Zeit, Ursula März:

Bowman hat den Tod erlebt, ist ihm durch Zufall entronnen und führt sein Leben durchaus mit Genuss- und Liebesfähigkeit, aber er dringt nicht ins Leben ein. „Er gehörte nicht dazu.“ Aus diesem Stigma der Vergeblichkeit ergibt sich der kühl-melancholische Sound von Salters Prosa. Ihre atemberaubende Meisterschaft aber erweist sich an der Erzähltechnik des unfixierten Entgleitens, die das indifferente Leben des Protagonisten nachbildet. Mitten im Satz, mitten in einer Passage tauchen Menschen aus dem Nebel auf, die nichts zum eigentlichen Gang der Erzählung beitragen außer einer weiteren Scheidungszahl und genauso wieder verschwinden. Die Jahre Philip Bowmans addieren sich, wie sich viele der Sätze einfach addieren, und diesen wie jenen mangelt es auf eine leise Art an einem festen Zentrum und einem definierenden Zusammenhang… Was Salter auf dreizehn Seiten in der Darstellung des entfesselten Kriegs gelingt, ist literarisch unübertroffen… ein Alterswerk, das seinesgleichen sucht

Der Spiegel, Thomas Andre:

James Salters Alterswerk „Alles, was ist“ zeigt US-amerikanische Männerwelten der vierziger bis achtziger Jahre, samt der dazugehörigen grobschlächtigen Phantasien – Frauen sind hier Gespielinnen oder enden als fette Wachteln… eine private Geschichte der amerikanischen Post-Weltkriegs-Zeit bis in die achtziger Jahre hinein unter konsequenter Aussparung der gesellschaftlichen Perspektive und der historischen Wendepunkte… ein Klatschroman, dessen Held unbeteiligt von Liebelei zu Liebelei marschiert… Die viel, und wie man exemplarisch bei Salter sieht, bisweilen zu Unrecht gepriesene Einfachheit, die berühmte Lakonie der Amerikaner klingt oft so: „Er sah ihr nach, sie war jünger und irgendwie besser als andere in der Menge“. Das klingt unbeholfen, und es liegt nicht an der Übersetzung. Die Dialoge der Bildungselite – von ihr handelt der Roman im wesentlichen – sind bei Salter Small Talks der Komplett-Sedierten. Die Menschen in diesem Buch sprechen Botox-Sätze. Irgendein faltenstraffendes Prinzip waltet in ihnen, es ist alles so glatt und oberflächlich… nicht vielmehr als ein pseudo-vieldeutiges Tändeln im leeren Raum der Literatur. Der Bestsellerautor John Irving spricht im Hinblick auf Salter von dessen „rauschhafter Sprache, die Shakespeare ein reines Vergnügen gewesen wäre“. Es muss eine Verwechslung vorliegen.

Frankfurter Allgemeine Zeitung – Patrick Bahners besucht Salter:

Die auffälligste formale Eigenschaft des neuen Romans ist eine Art Zoomverfahren in der Personenregie. Nebenfiguren wie Bowmans Chef Robert Baum, Roger Straus nachgebildet, dem Gründer des Verlags Farrar, Straus and Giroux, werden eingeführt und sogleich unerhört nah herangeholt, durch Schilderung einer Begebenheit, die sie fürs Leben gezeichnet hat… Salters Perfektionismus ist ein ritterliches Stilideal. Er strebt im Schreiben nach Authentizität, will sein „gesellschaftliches oder falsches Selbst“ ablegen. Auch im Gespräch möchte er um jeden Preis das richtige Wort finden. Er spricht langsam, mit Nachhall. Mitten im Sommer liegt Rauhreif auf seiner Stimme… In Salters bürgerlichen Romanen siegen die Passionen über die Interessen. Das Private schlägt das Öffentliche aus dem Feld… Die skandalöse Unmoral von Salters Chroniken der Exzesse

Süddeutsche Zeitung, Johan Schloemann (Videoauftritt):

…vielleicht das Buch des Jahres… einer der tollsten Romane, die ich je gelesen habe… das hat einen unglaublichen Sog, dieses Buch… das Buch liest sich leicht und jugendlich wie kein anderes…

Stern, Christiane Korff:

Auch sein neues Buch hat wieder diesen typischen Salter-Sound: unsentimental. Sinnlich, mit einem starken Sog, der einen immer tiefer in die Geschichte zieht.

New York Times:

With his customary knack for scenes and characters chiseled with a stonecutter’s economy, Salter constructs Bowman’s world out of dozens of glistening miniatures and tossed-off portraits, each bristling with life… while there is a generous amount of carnality, as might be expected from the author of “A Sport and a Pastime,” the sex is always lyrically economical… a crowning achievement

Guardian:

At any rate, the fast-flowing scenes that depict the 40‑year passage from youth to middle age of Philip Bowman, protagonist of All That Is, have a burn and clarity intense even by Salter’s standards… they assert a bright and infectious vitality, and they evoke both an individual life in great depth, and an entire, vanishing world… It’s the world of white, cultured, self-confident, postwar America; east coast mostly, with a dash of the south… There’s a certain amount of mildly porny writing in the sex scenes – „he was like a boy of 18, invincibly hard“ – and despite nods to feminism as the story moves into the 70s and 80s, the underlying attitudes belong to an earlier, more macho era… the book has a wonderfully generous way with point of view, slipping fluidly from Bowman’s angle to that of innumerable secondary and tertiary characters – his publishing colleagues, his in-laws, his lovers (even as they betray him), his writer and artist friends – sometimes for a sustained episode, sometimes just for a brief vignette. In less skilled hands this would be a recipe for a dog’s dinner, but Salter’s fine ear and eye, his sure sense of what makes even a very slight anecdote worth telling, make these proliferating stories both individually enjoyable, and together extremely moving, especially as the passage of time begins to register itself on the cast… Though it’s less than 300 pages long, the sharpness and abundance of observed detail give it an epic quality

James Meek in London Review of Books:

It isn’t Salter’s language alone that numbers him among the masters, but it is what strikes you first… Salter sought a wider range of viewpoints, giving us the world as seen from the perspective of many characters, and from the perspective of implied narrators who stand at various distances from the author and characters… All That Is exhibits the characteristic patina of Salter’s writing, the lending of a grandeur to characters’ externality and a golden varnish to inanimate things…. For all its myriad perspectives, and the occasional feeling that what Salter is doing in All That Is is knitting together a set of short stories, there is disappointment in the unbalanced power and success of its central character, Bowman. He experiences setbacks and reversals but there is a sense of his life as a series of loves and sexual conquests which, by the end of the novel, seem repetitive.

Washington Post:

The novel is not plot-driven. Although it covers a large period of time, it is often unspecific about dates, bereft of cultural touch points. No one is anywhere when Kennedy is shot or when Nixon resigns. The men travel on expense accounts — London, Spain — and while there they drink and eat and have sex and muse on art. In the hands of another writer, such material might seem static or trivial. But “All That Is” convinces us that this is all that is… Salter has an unsettling habit of occasionally introducing new chapters with an unspecified “she,” so we aren’t sure which of the sundry objects of affection we’re watching, or when…

L.A. Review of Books:

A novel out of time, a piece of Modernism that’s washed up on our technology-strewn, social-media-saturated shores… Salter excels at descriptions of both place and character… The novel’s side characters come across as more vibrant than the protagonist in beautiful, brief sketches… Salter demonstrates not only mastery at sentencing — perfection is reading these gems aloud — but at narration, skipping from character to character with the ease of a smooth stone across a river… his interest in young women, the daughters of friends and lovers, is kind of creepy. Somewhere after lover number two and before lover number three my interest in his story began to lag. What obstacles lie in Bowman’s way he places there himself through bad decision making, and I wanted to shake him, tell him to wise up, go see a therapist, for my sake as well as his. Bowman gets to be a bit of a bore. What’s more, an undercurrent of chauvinism flows beneath his story. Bowman cheats on his wife, but feels bitter and furious after she leaves him… As the novel progresses, most women, with Bowman’s mother Beatrice a notable exception, suffer the ravages of age, while the men retain an attractiveness. Bowman’s final companion is in her 30s, while he’s a man of at least 60, too embarrassed by his old man legs to go around in shorts, but still handsome and virile… While it is tempting to over-value the classic cut of this tale, reminiscent, as it is, of beloved source material, All That Is feels dated on arrival. Its moments of greatness — and there are many — don’t go far enough to enliven what is, ultimately, a stale tale of a quiet, distant man hoping some woman will open him up, all the while keeping his companions, the world, and, most importantly, the reader, at arm’s length

Financial Times:

After an adrenalin-rush opening with the battle fleet steaming to Okinawa, it’s a long, long trail a-winding through a procession of women, none of whom rise from the ecstatically dampened sheets into living presences, especially not when they open their mouths… The loose ribbon of chronicle that binds all these comings and goings together is of course deliberate. Salter wants nothing so meretricious as a narrative arc to which the more wayward passages of life must be nailed. Instead he wants us to go wandering

Esquire:

One of the great pleasures of Salter is the way he dives into the lives of minor characters, spending a few paragraphs on someone who wondered into the action for a moment, telling you everything you ever need to know about them, then leaving them be. And all in that spare, elegant, shimmering prose, those sentences long and short that seem to expand and compress time itself. „It seems to me that when you read,“ Salter told The Paris Review in 1993, „what you are really listening for is the voice of the writer. That’s more important than anything else.“ He was speaking of Henry Miller, whose voice „makes you linger at his elbow long past closing time…“ One can say the same of Salter’s.

GQ Magazine:

 Stunning… a fitting addition to his canon, his powers still at full force… when NPR recently posted an advance excerpt of All That Is on its website, they appended the following advisory: „This excerpt contains adult content that some readers may find offensive.“ But there is also a hefty indulgence of male fantasy throughout. Men possessing women; young women, beautiful ones, going to bed with older men, routinely; and Bowman’s need for women who put him on a pedestal, women who will make him feel whole, like a man. In the slightly retrograde sexual politics, Salter seems like an emissary from another time, bearing messages across the decades about the constants—love, loss, ego, attraction, sex, adultery

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