Rezension 60er-Jahre-Roman: Miss Blackpool, von Nick Hornby (2014, engl. Funny Girl) – 4 Sterne

Fazit:

Der Roman klingt nicht realistisch und lebendig wie andere Hornby-Bücher: Hornby macht nie glaubhaft, warum das Mädchen aus Blackpool in Nordengland Schönheitskönigin wird, dann blitzartig TV-Profis in London überzeugt und warum ihre dümmliche TV-Serie 18 Millionen Zuschauer vor die schwarzweiße Mattscheibe lockt. Hornby behauptet das einfach, fast ohne Beleg. Nichts ist funny.

Behaupten statt zeigen:

Ein Beispiel für Behaupten statt Zeigen: Auf Seite 197 heißt es,

Dennis had been in love with Sophie for far longer than he would ever admit

Bis dahin hatte das Buch Dennis und Sophie schon mehrfach beruflich zusammengeführt – und Nick Hornby hat zuvor Dennis‘ Gefühle für Sophie nie auch nur angedeutet. Sie werden einfach auf Seite 197 deklariert.

Oder: Von Dennis und Sophie heißt es später allgemein:

He made her laugh.

Das erfahren wir auf Seite 290 und müssen es wohl so schlucken – bei den vielen bisherigen Begegnungen der zwei Handlungsträger hatte Hornby das Lachen noch nie erwähnt, geschweige denn eine anregende Äußerung von Dennis und Sophies Reaktion darauf. Hornbys Behaupten statt Zeigen und mehr noch das allzu späte Behaupten, wenn er es für seinen Plot braucht, erinnert an die Drehbuchschreiber aus dem Roman, die für ihre Handlung manchmal eine „sudden, new and desparate invention“ einbauen (S. 298).

Perspektivwechsel:

Verblüffend auch, wie ungemein selbstbewusst die Neu-Londoner Hauptfigur „Miss Blackpool“ mit potentiellen TV-Produzenten redet, und es passt nicht zu ihrer sonstigen Persönlichkeit, soweit man überhaupt eine Persönlichkeit erkennt. Gibt es mal Dialoge, klingen sie oft matt, die wenigen Szenen aus der TV-Komödie im Buchmittelpunkt öd. Seltsam auch, wie das TV-Ehepaar die Rollen vor der Kamera und im wahren Leben nicht recht trennen kann.

Nick Hornby (*1957) schreibt überwiegend aus der Perspektive der Hauptfigur, wechselt gelegentlich irritierend aber auch in andere Köpfe. Teils schwenkt er zu ganz anderen Figuren um, etwa zu einer Auseinandersetzung zwischen dem TV-Produzenten und einem Literaturkritiker, der mit der Produzentengattin schläft – sie führen die Debatte geschliffen vor laufender Kamera in einer Diskussionssendung, offenbar musste Hornby das Szenario unbedingt unterbringen. Ein anderer Nebenschauplatz ist ein schwuler Skriptautor, der nebenbei einen Roman über sein Leben schreibt.

Manche dieser Dialoge springen wunderlich hin und her und man fragt sich, ob zwischendurch eine Seite fehlte. Im Epilog mit 70jährigen Hauptfiguren im Jahr 2014 kippt die Sache tief ins Kitschige.

Außerdem fragt man sich: Warum habe ich das zu Ende gelesen und nie ans Aufgeben gedacht?

Nostalgie:

Gewiss unterhält der Roman besser, wenn man in den 60ern in England aufwuchs und die Entwicklung bekannter Schauspieler oder TV-Serien verfolgte. Zwar nennt Hornby im Roman ein paar echte Schauspieler der Zeit, aber ich fand keinen Hinweis, dass Miss Blackpool/Funny Girl eine individuelle Biografie nachzeichnet.

Meine engl. Penguin-TB-Ausgabe von 2015 zeigt rund ein Dutzend SW-Bilder aus den 60er-Jahren – TV-Stars, Gebäude, Plakate. Ich kenne nur die engl. Version und kann die Eindeutschung von Isabel Bogdan und Ingo Herzke nicht beurteilen. Seit 2020 wird der Roman als britische TV-Serie entwickelt.

Freie Assoziation:

  • Eine Heranwachsende in den frühen 60er Jahren beschreibt Nick Hornby auch im Drehbuch An Education – mit weitaus besseren Dialogen (einige Aspekte der fiktiven Filmarbeiten in Miss Blackpool scheinen inspiriert von den tatsächlichen Dreharbeiten für An Education, wenn ich Hornbys Vorwort in An Education richtig verstehe)
  • Regelmäßige Eheberatung ist auch ein Thema in Hornbys Drehbuchroman Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst (2018, engl. State of the Union)Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst (2018, engl. State of the Union); einen Ehestreit über die Medien gibt es auch in Hornbys Kurzgeschichte Jeder liest Drecksack/Everyone’s Reading Bastard
  • Romane aus der Londoner Medienszene wie Hummer zum Dinner von Helen Fielding, Everyone’s gone to the Moon und (nur dies circa in den 60er Jahren:) Gegen Ende des Morgens
  • Das US-Musical Funny Girl (1968) mit Barbra Streisand hat mit dem Aufstieg im Showgeschäft ein paar oberflächliche Parallelen zu Hornbys Geschichte (die im Engl. ebf. Funny Girl heißt), aber keine direkte Verbindung.
  • Ebenfalls keine Verbindung zum Hornby-Roman hat Anthony McCartens Roman funny girl (kleingeschrieben, bei Amazon).

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