Buchrezension: Der Weg nach Surabaya, von Christoph Ransmayr (Reportagen & Dankreden, 1997) – 7 Sterne

Auf rund 230 Seiten bringt Christoph Ransmayr 16 Reportagen und Kurztexte über nahe und ferne Gebiete, entstanden zwischen 1979 und 1996. Das Titelstück berichtet zwar aus Indonesien; doch die Mehrzahl der Artikel handelt von Europa: jeweils mehrfach Deutschland und Österreich, dann auch Italien und Polen; oft geht es um alte Menschen in Dörfern.

Gut geschrieben:

Die ersten vier Stücke sind meisterlich: Im Merian-Bericht über die Hallig Hooge reiht Ransmayr die Bewohner des Inselchens – nein, der Hallig – auf wie an einer Perlenkette, und nebenbei fädelt er die Geschichte des eigenwilligen Fleckens mit ein. Die Atmosphäre ist klar und eindeutig. Ähnlich erscheint der Text über den oberbayerischen Weiler Habach.

Der Stil ist so aus der Zeit gefallen, dass ich mich beim ersten Bericht unwillkürlich fragte: Gibt’s so eine Sprache wirklich noch? Gibt’s den Merian noch? Und diese Hallig Hooge?

Umso mehr verblüffen bei aller Perfektion gelegentliche Tippfehler und Dativ nach „wegen“. In mindestens zwei Stücken redet der Autor von sich selbst störend in der dritten Person.

Lakonie oder Spott:

Ransmayr komponiert überlegt, schreibt leicht betulich und mit einem Hauch Lakonie, Distanz oder gar Spott. Vielleicht kann man ihn auch für konservativ halten. Jedes Wort und jedes Komma sitzt, und nach zuletzt bitteren Enttäuschungen mit neuen deutschsprachigen Autoren (Magnusson, Treichel) bin ich sehr angenehm überrascht.

Auf den ersten 80 Seiten führen vier Reportagen in entlegene deutsche und österreichische Weiler. Die inneren Bilder, die Ransmayr dabei erzeugt, erscheinen unwillkürlich in Sepia. In Sepia, mit Körnung, Vignettierung und ein paar Flecken dazu. Versunkene Welten.

Tatsächlich nostalgische Fotos zeigen zwei Beiträge über Süditalien und über 90jährige. Diese grobkörnigen, exzellent komponierten Schwarzweißbilder von Herwig Palmer bzw. Willy Puchner beweisen mehr Empathie als der lapidar gleichmütige Autor Ransmayr.

Nostalgisch:

Die Sprache ist reindeutsch ohne einen Anglizismus, nur selten spalten Gedankenstriche Sätze in mehrere Teile, und Ransmayr bemüht sich offenkundig um nostalgische Begriffe wie Dampfdreschmaschine, Rechenmacher, Bürstenbinder, Knopfharmonika, eiserne Dreifüße, Korbflechter; das Ausgedinge erscheint im Mostviertel-Aufsatz aufdringlich oft. Ein Dativ-e produziert Ransmayr aber nur in Überschriften oder deutlich parodistischer Absicht.

Ist Ransmayr erzkonservativ – oder sein Thema? Offenen Spott bringt er nur gelegentlich, so als Begleiter einer kaisertreuen Reisegruppe von Österreichern; dort veralbert er nicht nur die k.u.k. Pilger, sondern auch die Habsburger Familie selbst; auch die polnischen Mariengläubigen nimmt er nicht ernst. Die eher satirischen Stücke dieser Auswahl entstanden jeweils für das 1991 eingestellte Blatt TransAtlantik.

Die ersten vier Aufsätze spielen in Deutschland und Österreich, dann weitet sich der Blick nach Italien und Polen, es endet mit Südafrika, Indien und Indonesien. Die ersten vier Stücke wurden für Geo, Merian und Extrablatt geschrieben; die letzten sind Dankreden bei Preisverleihungen. Die Zeitschriften-Arbeiten sind deutlich besser.

Kritik:

Und auch aus einem weiteren Grund ist es sinnvoll, dass Ransmayr hier nur wenige seiner Reportagen und Kurztexte anbietet: Die lakonische Monotonie (Melancholie, Säuerlichkeit) bezaubert nicht über lange Strecken. Ein Ransmayr in einer Zeitschrift ist ein Highlight. Geballter Ransmayr zwischen Buchdeckeln ermüdet.

Die FAZ hält Ransmayr für

„bedachtsam und überaus skrupulös.“

Die NZZ entdeckte

„eine sachliche Präzision, eine erzählerische Wucht und ein sprachliches Gelingen, die die Unterscheidung von Belletristik und Journalistik hinfällig machen.“

Gelegentlich erinnerte mich Ransmayrs Stil – die Ruhe, das Interesse an Kleinigkeiten – an die Reisebücher von V.S. Naipaul. Doch Naipaul wirkt offener, weniger mit dem Plan, das Gesehene in ein vorhandenes Konzept einzufügen, die Sprache vermeidet Effekte.

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