Kritik Roman: Die Schönen und Verdammten, von F. Scott Fitzgerald (1922, engl. The Beautiful and Damned) – 6 Sterne – mit Hintergründen, Kritiken, Links & Video

New York in den 1910er-Jahren: Junger Schnösel angelt sich hohle Nuss. Er sorgloser Erbe; sie selbstsüchtig, aber ultimativ dekorativ, ein must-have. Geld spielt keine Rolle, jedenfalls bald nicht mehr, wenn Opa hoffentlich den Löffel ab- und das Erbe freigibt. Der Trauerfall wird herbeigesehnt, denn die Göttergattin ist high maintenance.

Doch nach der Hochzeit kriselt die Beziehung der Jung-Egomanen. Sie leben über ihre Verhältnisse, während Opas Erbe etwas außer Sichtweite gerät. Zumal der alte Herr die alkoholschwangeren Exzesse seines Enkels nur begrenzt goutiert.

Scott Fitzgerald verarbeitet viele Motive aus der Beziehung zu seiner Frau Zelda, verteilt aber seine eigenen Eigenschaften auf mehrere Figuren im Buch: So erlebt die Hauptfigur die Liebesgeschichte, doch als Nebenfigur agiert ein Dichter mit ebenfalls Fitzgeraldschen Zügen, der seinen ersten Roman herausbringt und dann zum Geldverdienen Kurzgeschichten nachschiebt (das hatte Fitzgerald gerade hinter sich).

Stil:

Überwiegend erzählt Fitzgerald aus Sicht des jungen Mannes, Anthony Patch. Gelegentlich wechselt er jedoch die Perspektive, liefert mehrfach ein paar Seiten Theaterstück und eine Geschichte in der Geschichte. Das wirkt relativ heterogen.

Zudem ziehen sich die ersten 80 Seiten deutlich: Die Liebesgeschichte zeichnet sich erst vage ab, und drei junge Männer diskutieren blasiert über Theater und Literatur. Manchmal klingt es hier nicht nach Leben, sondern nach starrer Typenkunde und Name-Dropping. (Fitzgeralds Ehefrau Zelda kritisierte selbst öffentlich „the literary references and the attempt to convey a profound air of erudition“ (zitiert aus der Fitzgerald-Biografie von Bruccoli.)

Das garniert Fitzgerald noch mit abfälligen Randbemerkungen über arbeitende Klassen und Juden. Man kann das Buch trotzdem nicht einfach aus dem Fenster werfen, denn der Autor streut immer wieder exzellente Einzeiler und Beobachtungen ein – und ob nun aus Anthony und Gloria etwas wird, will man allmählich auch wissen.

Mix aus Stilen:

Dieser Mix aus Stilen und das kulturelle Namedropping erinnern deutlich an Fitzgeralds  Romanerstling Diesseits vom Paradies (1920, engl. This Side of Paradise, Fitzgeralds erfolgreichster Roman zu seinen Lebzeiten). In Die Schönen und Verdammten ufert das gelehrte Gerede weniger aus; es ödet zwar immer noch an, ist aber nach 80 von 350 Seiten halbwegs überstanden.

Dann kommt der Roman in ruhigere Fahrwasser, aber man fühlt sich bei diesem Autor nie so in sicheren Händen wie sagen wir bei Hemingway, Conrad, Greene oder bei Fitzgeralds eigenem Nachfolgestück, Der große Gatsby (1925). Oder auch wie bei Richard Yates, dessen alkoholisierte New Yorker Helden auf schiefer Ebene deutlich an Die Schönen und Verdammten erinnern (und die wie Fitzgeralds Figuren im aktuellen Kino Leonardo diCaprio verkörpert) (zunehmender Alkoholismus spielt auch in Fitzgeralds letztem vollständigem Roman, Zärtlich ist die Nacht von 1934, eine Rolle).

Szenen einer Ehe:

Etwa ab Seite 80 ist Die Schönen und Verdammten wirklich lesbar, etwa ab Seite 120 oft exzellent – sobald die Beziehung erstmals kriselt. Doch ein Teil des Reizes entsteht auch, weil so vieles aus dieser Zweierkiste mutmaßlich autobiografisch ist:

Fitzgerald liefert packende Szenen einer Ehe und großspuriger Unvernunft. Er wechselt zwischen genauen Beschreibungen einzelner Szenen und analytischen, gleichwohl sehr flüssigen Zusammenfassungen. Der Ton stimmt nun immer, die Kapitelübergänge sind teils große Klasse. New York wird sehr lebendig, die einzelnen Stadtviertel stehen stets für bestimmte soziale Schichten.

Schön auch eine Phase, in der die Eheleute an getrennten Orten leben: Fitzgerald schildert die Zeit erst aus der Sicht des Mannes und dann erneut mit einem sehr stimmigen Wechsel aus Sicht seiner Frau, mit interessanten Diskrepanzen.

Literaturwissenschaft:

Ich hatte die englische Taschenbuch-Ausgabe von Oxford World’s Classics (kenne also die zwei deutschen Übersetzungen nicht). Mein Taschenbuch enthält eine gelehrte Einführung des Fitzgeraldologen Alan Margolies plus Literaturliste und lange Zeittafel.

Dazu viele Anmerkungen zu Romandetails. Knapp erläutert werden dort nicht nur die vielen Broadway-Shows, Restaurants und Gedicht- und Romananspielungen aus dem Haupttext, sondern auch so kryptische Dinge wie Central Park oder Atlantic City; was dagegen die Rolle einer „debutante“ ist und was „coming out“ hier konkret heißt, erklärt Margolies nicht.

Der Haupttext hat gleichwohl einige störende Tipp- und Sprachfehler. Laut „Note on the Text“ liegt die „first edition, first printing“ zugrunde. Allerdings nennt Margolies bereits hier ein gutes Dutzend Romanwörter, die für das Oxford-Taschenbuch korrigiert oder aktualisiert wurden – warum dann nicht auch die unschönen Tippfehler? Margolies selbst macht in seinem Vorwort nicht nur Tippfehler, sondern auch inhaltliche: er schreibt das fiktive Buch Demon Lover der falschen Romanfigur zu.

Und offen bleibt eine Frage, die sich auch die Hauptfigur selbst stellt: Who was Mr. Crawford?

Verfilmungen:

  • 1924: mit Kenneth Harlan and Marie Prevost (IMDB)
  • 2010: aktualisierte australische Fassung (IMDB, Trailer unten)
  • 2017: evtl. mit Keira Knightly, Gerücht

„Viel zu lang…“ – deutschsprachige Kritiker:

FAZ:

… viel zu lang… „Die Schönen und Verdammten“ war als einziger von F. Scott Fitzgeralds Romanen noch nicht ins Deutsche übersetzt worden. In diesem Jahr ((1993)) sind gleich zwei Übersetzungen erschienen: Renate Orth-Guttmann hat das Buch für den Manesse Verlag, Hans-Christian Oeser für Diogenes übertragen. Ein Vergleich der beiden Fassungen ist lehrreich. Am auffälligsten ist die unterschiedliche Tonlage… undiszipliniert und arm an ästhetischen Ideen

NZZ:

Ein bemerkenswertes Leseerlebnis… Der große Wurf eines Wunderkindes, drei Jahre vor The Great Gatsby.

Literaturkritik.de:

In der Tat wurde der Roman von seinen frühen Kritikern nicht zuletzt wegen der schonungslosen Darstellung der Alkoholsucht der beiden Hauptfiguren, Anthony Patch und seiner Frau Gloria, scharf angegriffen… Dabei ist ihm jede Wortakrobatik fremd… mit bestechendem Blick und bildhaft-lyrischer Sprache werden die winzigsten Erschütterungen von zwei auseinanderdriftenden Gefühlswelten beschrieben

„Well written…“ – englische Kritiken:

New York Times 1922:

It would not be easy to find a more thoroughly depressing book than this… slow-moving narrative is the record of lives utterly worthless utterly futile. Not one of the book’s many characters, important of unimportant, ever rises to the level of ordinary decent humanity. Not one of them shows a spark of loyalty, of honor, of devotion, of generosity, of real friendship or of real affection… So far as its style is concerned, much of the novel is well written, and Anthony’s gradual loss of his mental curiosity, his gradual degeneration into „a bleak and sordid wreck“ is convincingly depicted, though to the reader he never seems one-third as intelligent as the author apparently thinks him. The long conversations between Anthony and his two friends, Maury Noble and Dick Caramel, are often merely tedious and pretentious, in spite of the fact that now and then one of them does make a remark which is fairly clever.

The New Republic 1992:

Gloria, admirably sharp at first, deliquesces and loses her personality as Mr. Fitzgerald grows intimate with her, until toward the end we find her speaking very little like her earlier self, and far too much like him… innumerable asides, semi-epigrammatic descriptions of or slaps at the times we live in… The book is alive with epigrams, so many that one half suspects that their origin is less in a perpetually ironic state of mind than in a facility and joy in turning them out. It is a lively and amusing talent but, infecting as it does many of the characters, it tends to epigrammania.

Starkritiker H.L. Mencken 1922:

…a hundred signs in it of serious purpose and unquestionable skill. Even in its defects there is proof of hard striving.



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