Kritik Biografie: Ludwig I. von Bayern, Ein Ringen um Freiheit, Schönheit und Liebe, von Egon Caesar Conte Corti (ungek. Ausgabe 1937) – 7 Sterne – mit Vergleich

Schon auf Seite 13 der ungekürzten 1937er-Ausgabe beklagt Ludwigs Leibarzt bei seinem Schützling die „unmäßige Neigung zum Frauenzimmer“. Egon Caesar Conte Corti (1886 – 1953) spickt seine dicke, eingängige Ludwigbiografie mit vielen pikant/pikierten Zitaten, die Ludwig und seine Umgebung sehr präsent machen.

Die menschliche Figur:

Der Biograf interessiert sich für das Menschlich-Allzumenschliche. Auch heiteren Volksmund zitiert er gern, und Ludwigs lyrische Ergysse. Zum Schwerpunkt dieser Biografie schreibt Corti (S. 4, Hervorhebung wie im Buch):

Das Hauptgewicht aber ist bei Vernachlässigung weniger bedeutsamer innenpolitischer Angelegenheiten auf die menschliche Figur des Königs gelegt.

Dass Ludwig I. schon als Teen alles Schöne liebte – auf der Leinwand und auf zwei Beinen -, das erzählt Corti so lebendig wie einen Roman und mit einem Hauch Spott. Die geschichtlichen Turbulenzen zwischen Frankreich, Preußen, Österreich, Russland und England zumal in Ludwigs Kindheit habe ich jedoch nicht recht verstanden, ebenso wenig alle Details zwischen Frankreich, Bayern, Österreich, Sachsen und Tirol bis zum Wiener Kongress 1815 oder den deutschen Krieg 1866.

Und Corti gönnt uns keine Landkarten dazu 😫 – ein grober Mangel. Die ausklappbare Stammtafel am Buchende verwirrt eher, das könnte man viel besser machen. Ortsnamen, Schlachten und Schlachtenausgänge („Königgrätz“) sollte der Leser schon kennen.

Einige Themen, die Corti nach meiner Erinnerung nicht behandelt (ich bin aber dement): Umbenennung aller Kreise von Flussnamen zu historischen Namen; neues Staatswappen; Baiern vs. Bayern; teutsch vs. deutsch; Adelstitel nur noch auf den Erstgeborenen zu vererben. Ausführlich lässt Corti dagegen Napoleon und Ludwig II. auftreten.

Rustikales Parlando:

Bestsellerautor Corti schreibt relativ gut lesbar und im Präsens – das macht’s frischer, wenn auch gefühlt weniger seriös. Er verzichtet auf Blabla und Verallgemeinerungen und schreibt gelegentlich blumig, aber passend, z.B. über den 81jährigen, immer noch rastlosen Ludwig in Paris (S. 664f):

((…)) während Ludwigs Feuergeist mit äußerster Lebenskraft das Letzte aus dem Körper herausholt ((…)) Auch aus der Ferne verfolgt Ludwigs bayrisches ((sic)) Herz mit Unruhe die Vorgänge in der Heimat.

Corti spickt sein rustikales Parlando mit vielen spannenden Zitaten – zum Glück des Biografen war Ludwig I. „einer der fleißigsten Briefschreiber, die je gelebt“ (S. 2), ein Tagebuch für die Nachwelt führte „Louis“  zudem, dazu sein Schwulst in Reimen.

Corti konstruiert mehrfach ganze Bühnendialoge, etwa zwischen Ludwig Kronprinz und Napoleon, gestützt auf Notizen der Protagonisten. Spätere Kapitel klingen wie ein Briefroman mit Heinrich von der Tann als Ludwigs Gegenpart. Die Lola-Montez-Episode erscheint als Psycho-Polit-Krimi, ohne dass Corti aufdringlich dramatisiert. Der Leser? Mittendrin statt nur dabei.

Durch die Ludwigschen Kulissen stapfen allerlei Münchner Straßennamen – Miller, Klenze, Gärtner, Pocci, Görres, Schelling, Ringseis, Schwanthaler, Lenbach, Kaulbach, Zenetti, Schenk, Graf Arco-Valley etc. Sicherheitshalber nachgeschlagen habe ich einige Fremdwörter Cortis, u.a. ultramontan, Prärogativ, apokryph, Pompadour, Salva Guardia und morganatisch.

Sehr eigentümlich:

Corti bedauert nur, Ludwig schreibe „sehr eigentümlich, recht holprig und mit vielen Partizipien gespickt“; darum habe der Biograf, wo Ludwigs Stil (S. 3, Hervorhebung wie im Buch)

allzu arg, ja fast unverständlich wurde ((…))) das eine oder andere Wort der Dokumente im vorliegenden Texte verbessert, nie ist aber durch eine solche Formveränderung der wahre Sinn auch nur im geringsten berührt.

Corti verändert also O-Ton 🤔? Grummel.

Die Zitate oben belegen, dass Corti bei allem Schwung doch altmodisch textet: Dativ-e trieft aus allen Ritzen, u.a. S. 112:

dem Feinde ((…)) Auf dem Marsche

Hilfsverben nach Partizip kupiert Corti possierlich. Dazu kommt unschönes „trotz“ mit Dativ u.a. auf S. 14, S. 71, 121, S. 158, S. 180, S. 190, S. 239, S. 294, S. 355, S. 356, S. 366, S. 385, S. 641, S. 644 oder hier 2x auf S. 32:

 Trotz den Niederlagen ((…)) trotz dem Kriege ((…))

Mitunter klingt auch der Österreicher Corti „sehr eigentümlich“, z.B. auf S. 56 über einen Brief Ludwigs:

Selbst wenn er früher eingelangt wäre, hätte er nichts mehr hindern können.

Oder Corti schreibt „über Befehl… über Aufforderung“ (statt „auf“, jew. S. 146), dazu allerlei weitere Wundersamkeiten wie mehrfach „Preßfreiheit“ (u.a. S. 352), „scharmvoll“ (u.a. S. 431), „wurzelechte Trauer“ (S. 583), womöglich Austriazismen.

Teilweise gibt Corti französische, italienische oder lateinische Ausdrücke und Sätze unübersetzt wieder, sogar kyrillisches Griechisch, nur gelegentlich liefert er Fremdsprache und Übersetzung nebeneinander. Schlichte Tippfehler habe ich im ganzen langen Buch nicht gesehen.

Die Ausgabe von 1937:

Ich hatte die Erstausgabe aus dem Münchner F. Bruckmann-Verlag von 1937 mit 698 Seiten plus Falttafel und Bilddruckseiten, davon gut 669 Seiten Haupttext, der Rest Anhang. Alle späteren Ausgaben nach 1937 sind offenbar etwas oder deutlich gekürzt (für den bibl. Tipp Dank an die Amazon-Rezension von Boulangère unter Gollwitzers Ludwig-Biografie): Für Corti-Ludwig-Ausgaben von 1941 oder 1942 werden 611 oder 609 Seiten genannt, für Ausgaben von 1979 oder 1982 (Bruckmann Verlag o. Droemer Knaur) nurmehr 352 Seiten.

Diese 1937er-Ausgabe ist recht lesefreundlich mit einem individuellen lebenden Kolumnentitel für jede einzelne Seite (allerdings ohne Jahreszahl dort) und Fußnoten unten auf jeder Seite. Quellenbelege muss man also nicht hinten im Anhang suchen, und Hintergrundkommentare stehen kaum in den Fußnoten (nur S. 422, S. 631). Auch das Inhaltsverzeichnis geriet mit 8 Seiten sehr genau.

Meine Ausgabe enthält 69 Abbildungen in ordentlicher Qualität auf matt gestrichenem Kunstdruckpapier, vor allem historische Gemälde, ein paar Handschriften, Karikaturen und Fotos von Statuen und Urnen, teils sogar farbig, jedoch keine Landkarten oder neuere Fotos Ludwigscher Bauten. Die 1979er-Ausgabe hat scheinbar andere Abbildungen.

  • Seiten: 698 plus Falttafel und Bilddruckseiten
  • Höhe: 49 mm
  • Gewicht: 1052g

Vergleich der Ludwigografien von Corti (1937) und Gollwitzer (1986):

Egon Caesar Conte Corti legt explizit „das Hauptgewicht ((…)) auf die menschliche Figur des Königs“ (S. 4 der ungek. 1937er-Ausgabe, Hervorhebung von Corti). Heinz Gollwitzer liefert dagegen schon laut Untertitel „eine politische Biographie“ und postuliert: „Das Privatleben des Königs ist nicht der Gegenstand dieser Biographie“ (S. 668 Ausg. Südd. Verlag 1986).

So klingt Cortis Buch teils wie ein Roman, immer an der Person orientiert, mit vielen lebendigen Zitaten, teils dialogisch angeordnet, man fühlt sich nah dran am König. Zugleich wertet Corti nur vornehm zurückhaltend.

Gollwitzer schreibt politisch-historisch mit weit weniger Zitaten. Er klingt spröder, liefert dabei weit mehr Fakten und viele Zusammenfassungen und Übersichten – und schildert darum die letzten 20 Jahre Ludwigs, nach der Abdankung, weitaus kürzer als Corti, erwähnt anders als Corti den Märchenkönig Ludwig II. kaum. Gollwitzer flicht häufig scharfe Wertungen ein.

Kein Buch zeigt auch nur eine einzige Landkarte. Der Corti von 1937 hat 69 Abbildungen und eine Stammtafel. Gollwitzer bietet in meiner Ausgabe außer Umschlag und Frontispiz kein Bild und keinen Stammbaum, aber den weitaus größeren und aktuelleren wissenschaftlichen Apparat.

Ludwigsfrust:

Verständlicher als die politisch-militärischen Wirren schildert Corti das kronprinzliche und dann königliche Seelenleben, es erscheint zunächst fast wie Zwangsprostitution: Der junge Ludwig verabscheut den großtuerischen Machtmenschen Napoleon, muss ihm jedoch unentwegt die Stiefel lecken, sogar bei der Ehewahl müssen er und seine Schwester Napoleon gehorchen. Seine Seelenpein gießt Ludwig in – so sein Biograf – „ganz grauenvolle Verse“ (S. 153), die immer wieder im Buch erscheinen; als Antidot kredenzt Corti Schönes von Goethe und Grillparzer sowie schön Gehässiges von Heine.

Zudem liegt der junge Ludwig politisch mit Vater Max und Königflüsterer Montgelas über Kreuz, kann jedoch nichts ausrichten und muss seine Opposition in achtsam zugewandte Korrespondenz kleiden.

Ist endlich eine auswärtige Braut gefunden, die Ludwig und Napoleon konveniert, kursieren artige Depeschen zwischen den hochmögenden Verlobten – ausführlich abgedruckt, wenn auch nie eingerückt und damit nicht typografisch exponiert. Gemahlin Therese wird peu à peu an Ludwigsche Verhaltensmuster gewöhnt: Ludwig Kronprinz macht auch als Verheirater sein eigenes Ding, trägt sie nicht 24/7 auf Händen, verbietet Eifersüchteleien weiblicherseits, grounded die Gattin mit serieller  Schwangerschaft, während er in Italien und Griechenland jede(s) Schöne jagt, führt schließlich Polyamorie ein, erkrankt an außerehelicher Limerence, dabei natürlich stramm katholisch.

Nur wenn sie seinen Liebeswahn stören, sägt Ludwig Katholen ab. Er verbohrt sich schließlich völlig, kann Herz, Hirn und Dings nicht trennen, lässt sich von einer Goldgräberin am Nasenring vorführen, erweist sich als charakterlich zum Führen eines Staates ungeeignet.

In diese Fußstäpfchen tritt sein Enkel gleichen Namens und Geburtstags: im letzten Kapitel agieren Ludwig I. und Ludwig II. nebeneinander, und der Nach-Nachfolger zeigt sich genauso realitätsblind (oder krank?) wie Opa. Hier spielt auch Richard Wagner große Oper. Das atemraubende Amtsversagen schildert Corti fast wertfrei, dennoch dramatisch.

Interessant: Der junge Ludwig I. wirkt recht freigeistig und liberal, doch seine Angetraute will er partout vom evangelischen zum katholischen Glauben bekehren. Das gelingt ihm nicht, er bewundert sogar ihren Widerstand, dennoch hält er den Protestantismus des Eheweibs für fatal. Zeitweise verfällt er einem katholischen Wunderheiler.

Später wird Ludwig I. zunehmend konservativ bis reaktionär – politisch, religiös, nicht in punkto Polyamorie.

Damen ohne vollen Namen:

Einmal zu Paris schwurbelt Corti kulinarisch-botanisch (S. 187):

Ludwig ist kein Kostverächter und bricht die französischen Blüten, wo er nur kann.

Mehr nicht. Doch was war genau mit Ludwigs Schwärmereien vor der Eheschließung und erst recht danach? Manch Schöne, sogar Verheiratete  schloss Ludwig ins Herz, reportiert Corti, meist ohne irgendwelche Details zu nennen. Bald nach der Trauung mit Therese folgen Dramen um Damen ohne vollen Namen Schlag auf Schlag:

Schon auf Seite 211 schmachtet Ludwig zum „hübschen, einfachen Wiener Mädchen Toni A.“; S. 215 die „reizende Pfälzerin, Friederike S.“; S. 223 die „Halbengländerin, Sophie F.-C.; S. 227 „Friederike S., die schöne Mannheimerin„; S. 237 „eine reizende Frau Angelina M.“; S. 248 „eine schöne Sängerin aus Italien, Adelaide S.“; S. 277 „die reizende Schauspielerin Helene L.“; S. 332 „die schöne Schauspielerin Katharina Sigl-Vespermann; gleich noch mal S. 332 die „achtzehnjährige Charlotte von Hagn“. Mehr Audienzen gönnt Ludwig echten und falschen Latinas wie Maria Florenzi und natürlich Lola Montez, „ein Kunstwerk der Natur“ (so Corti auf S. 461); die abenteuerliche Jane Digby heißt bei Corti Ellenborough.

Was passierte da und was nicht? Was sagte die Prinzessin, der Vater, das Volk, das Internet? Was twitterte der König retour? Davon berichtet Corti wenig (viel deftiger tischt Rudolf Reiser auf).

Immer wieder klingt Corti so, als wisse er mehr, sei aber zu Diskretion gezwungen, zitiert sogar anonyme Zeugen, die er scheinbar genauer kennt. Vielleicht schützt Corti hier die Vorfahren seiner adligen Bekannten, die ihm ihre Archive öffneten. Auch Klenzes nüchtern decouvrierende Statements bringt er nach meiner Erinnerung nicht (man findet sie bei Reiser). Umso detaillierter reportiert Corti Ludwigs Jagd nach schöner Kunst.

Freie Assoziation:

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