Buchkritik: Altaich, von Ludwig Thoma (1918) – 7 Sterne

Die Geschichte kommt langsam in Fahrt, die Dörfler unter sich praktizieren zu viel (so Thoma) „ländliche Wohlhäbigkeit“. Doch sobald die ersten auswärtigen Sommerfrischler im hinterwäldlerischen Altaich aufschlagen, beginnt der interkulturelle Spaß. Da treffen großspurige Kleinbürger und ölige Galane auf verschnarchte Postwirte und gschaftlhuberige Dorfkrämer. Boy meets girl. Die Bayern werden wegen ihres Akzents nicht verstanden, die Berliner wegen ihres Sprechtempos. Thoma schildert das mit süffiger Ironie.

Figuren:

Gelegentlich schweift Ludwig Thoma zu weit aus, flicht andere Geschichten in die Haupthandlung. So etwa zu Beginn der Stammbaum der Müllerfamilie des Martin Oßwald – bloß weil Sohn Konrad später Bilder für die Altaicher Touristenwerbung malen und ein bisschen um die Berlinerin Henny werben darf. Auch die Backstory der Mizzi Hallberger ist zu lang. Die Geschichte der Oßwalds liest sich teils gefällig, mit interessanten Dorf-Charakteren, die nicht jedes Klischee erfüllen. Dann wieder walzt Thoma die Ironie und die Dialoge zu breit aus, die Figuren wirken wie Cartoons.

Wie in einem Bauerntheater stellt Thoma markante, gegensätzliche Käuze auf die Romanbühne, so den bärbeißigen Postwirt Blenninger und seinen altersmüden Hund Tiras, den geschäftstüchtigen Krämer Natterer und den verträumten Maler Konrad Oßwald. Frauen agieren teils willensstark und ungewöhnlich vernünftig und EQ-betont im Hintergrund, bekommen aber wenig Dialog und keine Hauptrolle (außer in den Herzen schmachtender Verehrer). Ludwig Thoma schreibt eine multiple Bromance.

Zum Ende rundet sich das sommerfrische Idyll allzu gefällig – Ludwig Thoma produzierte eine leicht lesbare, amüsante Geschichte ohne viel Tiefgang. Sie wirkt wie ein Bauernstadl und wurde verfilmt, vertheatert und verhörspielt.

Ton:

Ludwig Thoma (1867 – 1921) schreibt geruhsam, wenn auch nicht weitschweifig – weit gediegener als seine Satiren zehn Jahre zuvor. Das liest sich gefällig. Oberbayerisches Bairisch gibt’s nur in den Dialogen, nicht in der Erzählstimme, und kaum köstliche Beschimpfungen. Die Queen des Oberbayernsounds bleibt Lena Christ, v.a. mit ihrer Rumplhanni.

Mitunter scheint sich Thoma ausgiebig am eigenen Bairisch zu erfreuen, wie bei den maulfaulen Dialogen der Knechte Martl und Hansgirgl. Er nimmt aber auch Schwäbisch, Berlinerisch und Wienerisch auf die Schippe.

Freie Assoziation:

  • Der Ausbau einer Bahnlinie um einen Seitenstrang bringt nicht nur in Altaich Veränderung, sondern auch in Ludwig Thomas Erfolgsstück Die Lokalbahn
  • Die Berliner Kleinfamilie in Altaich scheint mit der Italien-reisenden Berliner Kleinfamilie aus Thomas Satirensammlung identisch zu sein
  • Ein stiller kunstsinniger Jüngling geht vom Dorf nach München und folgt dort seiner Berufung – das gilt für Konrad Oßwald in Ludwig Thomas Altaich – er wird Maler – und für den Bildhauer Mathias Bichler im gleichnamigen Roman von Lena Christ
  • Bayerisches Dorfleben weniger „stadelnd“ gibt’s bei Lena Christ und Oskar Maria Graf

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