Sachbuchkritik: Franklin and Winston, von Jon Meacham (2003) – 7/10

Jon Meacham schreibt hoch informiert und sehr leicht lesbar, mit vielen Zitaten aus der Umgebung der Hauptfiguren. Allerdings könnte er Fachausdrücke in den Zitaten erklären, z.B. non-belligerency und cash&carry.

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Meacham fokussiert so eng auf die zwei Hauptfiguren, dass man vom Kriegsverlauf weniger hört als vonnöten, sogar von Pearl Harbor. Vermutlich setzt Meacham den Kriegsverlauf samt aller Finessen als bekannt voraus, er liefert auch keine Karten.

Der erste Churchill-Besuch bei Stalin erscheint in ungefähr zwei Sätzen (das frühe gescheiterte Roosevelt-Stalin-Date beschäftigt den Autor mehr, ebenso wie Winstons Churchills zweite Stalin-Reise, diese vor allem aus Roosevelts Perspektive); von den abenteuerlichen und gefährlichen Umständen der Atlantiküberquerungen schweigt Jon Meacham ganz. Im Anhang steht noch einmal eine knappe Chronologie der Churchill-Roosevelt-Treffen, besser wäre eine historische Zeitleiste parallel zum Lauftext.

Auch die jeweilige Innenpolitik beleuchtet Meacham kaum, sieht man von den 1940er und ‘44er Wahlen in den USA ab (dass Großbritannien zuletzt 1935 gewählt hatte, thematisiert der Autor nach meiner Übersicht nicht). Ich glaube, der Ausdruck “Great Depression” fällt gar nicht. Biografische Einzelheiten wie Roosevelts „snub by Porcellian“ reminisziert der US-amerikanische Verfasser unerklärt.

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Home Story vom Fanboy:

Übrigens habe ich den Verdacht, dass Meacham ein Roosevelt-Fanboy ist, trotz gelegentlicher Kritik an FDR (u.a. ungenügende Unterstützung von Afroamerikanern und verfolgten Juden sowie menschliche Schwächen gegen Lebensende). Immer wieder mokiert sich Meacham (mit Roosevelt) über Churchills Schwadronieren, auch wenn der auf hohem Niveau schwadroniere.

Das Buch klingt momentweise überraschend unpolitisch, teils nach Home Story, es menschelt und vierbeinert – so befasst sich Roosevelt einen Absatz lang mit einem Windel-Lieferdienst für seinen Enkel, und wir hören von Roosevelt-Hund Fala (“excited“). Trotz solch RTL2-/Tiktok-artiger Petitessen betont der Autor in der Danksagung:

I was fortunate to be able to draw on several previously unavailable or largely untapped sources

auf beiden Seiten des Atlantiks. Auch bei diesen Trouvaillen geht es weniger um politische Enthüllungen, sondern z.B. um Roosevelts bilaterale außereheliche Beziehung.

Viele Zitate:

Meine Taschenbuchausgabe hat nur wenige blasse Schwarz-Weiß-Fotos, teils undatiert. Die Aufnahme von Churchill und Roosevelt auf dem Dach bei Marrakesch beschreibt Meacham, aber er zeigt sie nicht – unbefriedigend.

Zum Ausgleich gibt es ausführliche Zitate der Hauptfiguren und vieler Wegbegleiter, so dass sich der Text sehr lebendig anfühlt, fast wie eine Homestory, samt gelungener Churchill-Aperçus, allerdings auch einem Klospruch. Eindrucksvoll klingt Churchills beständiges, subkutan verzweifeltes Werben um den zögerlichen Roosevelt in frühen Kriegsjahren – doch auf manch drängende Depesche aus London antwortete der hartleibige FDR nicht mal.

Wir hören knapp, dass Roosevelt von Churchill Freiheit für die Inder verlangte, aber es gibt keinen Satz über Churchills oder mehr noch Roosevelts Haltung zur Rassentrennung in den USA. Der Autor flicht einen mehrseitigen Exkurs über die Haltung Englands und der USA zur Judenvernichtung ein – ein Fremdkörper im Buch, da weitgehend dialogfrei und ohne Einzelakteure.

Jon Meacham beschreibt den Stil des britischen Premiers treffend:

classic Churchill – long, well argued, and passionate yet practical

Zu Beginn sucht der Author seitenlang Parallelen zwischen beiden Akteuren in ihren jungen Jahren, das wirkt herbeigeholt, besonders deutlich in dem (originell gemeinten?) Satz:

Gallipoli and polio changed their lives.

Persönlich vom Kritticker:

Liest man im Jahr 2026 über Roosevelt und Churchill im Krieg, denkt man bei Churchill in London an Selensky in Kiew, und man vergleicht Roosevelts Ideale mit denen von Trump (in seinen Artikeln für die New York Times positioniert sich Jon Meacham klar).

Meine Lieblingssätze von Jon Meacham:

The tone of the friendship between Roosevelt and Churchill grew autumnal in 1944.

Amiable, there to serve, undemanding, Watson was part of the wallpaper of Roosevelt’s life.

Allerdings nennt der Autor seine Protagonisten generell nur beim Vornamen, sogar in einer Bildunterschrift wie hier:

Eleanor and Clementine delivering a joint radio address at Quebec, September 1944

 Assoziation:

  • Meacham schreibt noch flüssiger als in seiner Jefferson-Biografie; aber dieser Eindruck mag auch durch das Thema bedingt sein (entweder das Thema ermöglicht tatsächlich flüssigeres Formulieren oder ich nehme es nur als flüssiger wahr, weil es eingängiger ist); in beiden Büchern scheint der Biograf heimlich in den jeweiligen US-Präsidenten verliebt
  • Der Churchilloge Martin Gilbert ist einer der wenigen Historiker, deren Namen im Lauftext und nicht nur im Anhang erscheint, und in der Danksagung erwähnt Meacham explizit Gilberts Buch In Search of Churchill
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