Autor Stephen Ambrose textet sehr flüssig. Er flicht auf angenehme Weise die Originalzitate der Expeditionsleiter ein, vor allem Meriwether Lewis mit stillem Charme, uneitler Selbstbeobachtung und skurrilen Schreibweisen. Wiederholt bringt Ambrose auch Urteile anderer Historiker, auch widersprüchliche Meinungen.
Ambrose schreibt chronologisch von Anfang bis Ende und verzichtet auf Zeitsprünge und dräuende Vorahnungen; weniger am Leserwohl orientierte Autoren würden mit Lewis’ frühem Tod einsteigen, oder mit der Rückkehr in die Zivilisation. Zwischendurch hat der Autor ein paar kürzere Grundsatzkapitel über Lewis als Ethnograph oder über die Situation in der Hauptstadt – auch hier berichtet Ambrose geschmeidig, nicht trocken.
Das ganze Leben:
Ambrose erzählt nicht nur die Expedition, sondern auch Jugend und Militärzeit von Meriwether Lewis und dessen Zusammenarbeit mit Thomas Jefferson in Washington – man könnte auch von einer Lewis-Biografie reden; nach der Expedition folgen Kapitel über Lewis in Washington, Philadelphia, St. Louis und über seine Publikationspläne.
Co-Kapitän Clark erhält weit weniger Zeilen und erscheint auch nicht im Buchtitel, anders als Thomas Jefferson, der den Westen nie sah (es gibt eine aufschlussreiche Geschichte über Clark als Sklavenhalter). Dabei ist Ambrose kein Lewis-Fanboy: er wirft dem berühmten Entdecker mehrfach schwere Fehler, Diebstahl und Unachtsamkeit vor, besonders bei dem Abstecher in die Marias:
All in all, it had been a big mistake from the start. Many things went wrong, and nothing had been accomplished.
Ambrose lobt aber gleichzeitig Lewis’ wissenschaftliche Neugier, Ausdauer und Führungsqualitäten.
Zudem lernen wir seitenlang die Hintergründe der Whisky-Rebellion ab 1774 kennen, auch die umständlichen Reisevorbereitungen. Die eigentliche Reise mit dem Boot ab Pittsburgh beginnt erst nach etwa 97 von 470 Seiten Haupttext (Anhang nicht mitgezählt). Ab hier entwickelt das Buch einen enormen Zug, Weglegen fällt schwer, auch bei den letzten Kapiteln in Washington, Philadelphia, St. Louis.
Gern freut sich Autor Stephen Ambrose (1936 – 2002) über kleine Anekdoten und vernachlässigt Hintergründe. Jovial berichtet der Biograf, wie schon der kleine Meriwether seine Eltern verblüffte oder wie er als Soldat vergammeltes Bärenfleisch goutierte; von einem der seltenen Heimatbesuche heißt es,
no anecdotes survive from the visit.
Teils wirkt das Buch zu faktenorientiert. Ambrose leiert die Notizen der Expeditionsleiter Lewis und Clark herunter. Zur Stimmung in der Mannschaft sagt er wenig. Mehrfach wurden einfache Soldaten ausgepeitscht, weil sie während ihrer Wache geschlafen oder Whisky gestohlen hatten – wie sich 100 Peitschenhiebe auswirken auf die Moral, dazu kein Wort. Ambrose interessiert sich fast nur für die Chefs Lewis und Clark.
Nach meiner Übersicht in den meterlangen Endnoten verwendet Ambrose nur bereits Veröffentlichtes – Biografien und umfassend editierte und kommentierte Quellenausgaben – und spürte keine neuen Quellen und Archivschätze auf. Er hat quasi wie eine KI vorliegende Veröffentlichungen neu und gut kombiniert; das passt zu Vorwürfen, Ambrose habe in seinen früheren Büchern zum 2. Weltkrieg plagiiert und Quellen einseitig verwendet.
Im Vorwort klingt es, als hätten Stephen Ambrose und Ehefrau Moira jeden Meter der Expeditionsroute abgewandert/-gepaddelt. Er rühmt seine Frau auch als gute Erstkritikerin.
Immer wieder betont Ambrose seine Bewunderung für Thomas Jefferson. Er schreibt auch, Jefferson habe Indianer verehrt und nichts von Afro-Amerikanern gehalten; die langjährige Beziehung zu Sally Hemings tut Ambrose als Gerücht ab. Bei Ersterscheinen seines Buchs 1996 gab noch kein DNA-Gutachten, das die Beziehung sehr wahrscheinlich machte. Als Ambrose 2002 eine neue Einleitung schrieb, war das Gutachten bekannt, doch am Haupttext änderte sich offenbar nichts.
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Sprache:
Die sehr kauzige Schreibweise in den vielen Originalzitaten ist teils schwer zu durchschauen, doch Autor Stephen Ambrose zitiert stets lustvoll die kuriose Original-Schreibung und lobt bei den prächtigsten Blüten „a marvelous spelling“. (Thomas Jefferson schreibt schwer verständlich blümerant, aber korrekt – zumindest in den Ausgaben, die ich las; die Expeditionsleiter Lewis und Clark schreiben sprachlich weit schlichter, aber orthografisch chaotisch.)
Wiederholt bringt Ambrose Sätze wie
((Lewis, Clarke were)) the first two Americans to see the Rockies.
Indianer (die den Expeditionsleitern schon von den Rocky Mountains erzählt hatten) zählen demnach nicht als „Americans“; und die anderen Expeditionsteilnehmer auch nicht. Einmal macht Ambrose Werbung für geführte Bootsfahrten durch die White Cliffs, für Ambrose die schönste Landschaft, die er je sah und darum bereits zehnmal bereiste.
Der historische Lewis um 1805 wie auch der fast zeitgenössische Ambrose um 1995 verwenden in Verbindung mit den Wörtern „gun“ und „rifle“ weibliche Pronomina wie „she“ und „her“.
Ambrose 1996 nennt häufig heutige Ortsnamen für Routenpunkte (“in present-day Fort Canby State Park“). Trotzdem fand ich benannte Orte 2026 mit Ambrose’ Angaben nur schwer.
Vergleich der Expeditionsbücher von Stephen Ambrose und Craig Fehrman:
Stephen Ambrose ist übersichtlicher und stringenter. Craig Fehrman sollte man erst danach lesen, er liefert schöne zusätzliche Details und zahlreiche Perspektivwechsel, die Neulinge massiv verwirren können.
Stephen Ambrose konzentriert sich stark auf Meriwether Lewis, sein Buch wirkt fast wie eine Lewis-Biografie, in sich geschlossen wie ein Abenteuerroman; Fehrman wechselt dagegen die Hauptfigur in jedem Kapitel und schafft so ein viel breiteres, aber auch sehr heterogenes Bild. Im Vergleich zu Ambrose schreibt Fehrman weit weniger über Thomas Jefferson und schon gar nicht so bewundernd.
Nur Fehrman zeigt heutige woke Sensibilität; Ambrose schreibt deutlich männlicher, wie Karl May. So lesen wir nur bei Fehrman, dass Sacajawea eher eine Sklavin und keine Ehefrau aus freien Stücken war; nur Fehrman liefert ausführliche Hintergründe zu Indianern und Afroamerikanern. Ambrose berichtet weit ausführlicher über die Vorbereitungen in Virginia und Washington wie auch über Lewis‘ Zeit nach der Expedition als Verwalter von Louisiana. Lewis’ mutmaßlicher Selbstmord Jahre nach der Expedition erscheint bei Fehrman nur knapp.
Ambrose zitiert historische Dokumente von Clark und Lewis weit ausführlicher als Fehrman, teils aus Freude an der skurrilen Rechtschreibung. Ambrose spekuliert auch viel intensiver darüber, warum es von Lewis für einige Monate keine Aufzeichnungen gibt (das erwähnt Fehrman kaum) und warum Lewis gegen jede Planung und Zusage nie ein Buch über seine Reise herausbrachte.
Fehrman sagt,
I found a lot of new documents about the expedition
Dazu gehört ein Interview mit Wolf Calf, der sich einen Kampf mit Meriwether Lewis lieferte, sowie laut Fährmann weitere mündliche Überlieferungen.
Route und Karten online:
Für mich die vielleicht beste Onlinekarte mit Lewis-Clark-Route, wegen der markanten Topografie und heruntergedimmter heutiger Infrastruktur, und doch Google Maps: https://trailresearch.org/article/lewis-and-clark-route/
Allerdings fehlen nach meiner Übersicht Linien für Louisiana Purchase und Continental Divide sowie eine Suchfunktion; die Höhenlinien geben Fuß an. Die Karte lässt sich auf Satellitenbild ohne Beschriftung umschalten.
- Weitere zoombare Routenkarte beim Nationalparkservice: https://www.nps.gov/lecl/planyourvisit/maps.htm
- Weitere zoombare Routenkarte: https://experience.arcgis.com/experience/87266b6613aa443cb437ef26c2077fff/
- Alternative: KML-Route herunterladen ebenfalls hier: https://trailresearch.org/article/lewis-and-clark-route/ ; erforderlichenfalls in GPX umwandeln z.B. hier: https://www.gpsvisualizer.com/convert_input ; und z.B. hochladen im Kartendienst Mapy.com mit knackig topografischer Wanderkarte auf Basis von OSM.
Assoziation zum Buch:
- Frauentausch, Staunen über den schwarzen Mann und Senioren, die bitte bald sterben sollen – alles wie in Grönland
- Links zu scheinbar allen Teilnehmern gibt es auf der englischen Wiki-Seite Corps of Discovery
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