Rezension Teheran-Memoiren: Lipstick Jihad: A Memoir of Growing Up Iranian in America and American in Iran, von Azadeh Moaveni (2005) – 8 Sterne

Azadeh Moaveni wächst mit iranischen Eltern in Kalifornien auf und kommt, gut 20 Jahre alt, erstmals dauerhaft nach Teheran, Hauptstadt des Iran. Dort arbeitet sie als Journalistin für das US-amerikanische Time-Magazin. Moaveni schildert ihren Alltag in der iranischen Hauptstadt ungefähr zur Jahrtausendwende (Khatami in Teheran, Bush junior in Washington, 9/11). Dabei klingt sie lebendig, persönlich, sarkastisch, zynisch, cool, menschlich, empört, jung – und immer gut lesbar.

Lippenstift und Geheimpolizei:

Vom Privaten zum Politischen und zurück: Da geht es tatsächlich um Lippenstift, ums komplizierte Essengehen mit dem verhassten, unpraktischen Kopftuch, um verbotene sichtbare Zehen, ums Flirten im Reich der Mullahs, aber auch um Tränen mit Khatami, um die verblüffend allwissende Geheimpolizei, die derb-brutale Basiji-Sittenpolizei und andere staatlich-religiöse Banditen und Wegelagerer. Zudem hat Moaveni unterhaltsame Verwandte und Bekannte in Teheran, die locker einige Buchseiten füllen, allein schon mit ihrem verlockenden täglichen Abendessen.

Der Leser landet in einer fremden, irritierenden Welt voll gegensätzlicher Eindrücke. Dazu liefert die Autorin ein paar interessante Kapitel über Exil-Iraner in USA. Iran außerhalb Teherans erscheint dagegen gar nicht, ebensowenig wie Teherans Arbeiter und Bazaaris. Moaveni bewegt sich weitgehend in der oberen städtischen Mittelschicht – und spricht beruflich mit höchsten Politikern und Geistlichen.

Gedruckte Gefühlsausbrüche:

Viele Teheranerinnen flüchten vor den Zumutungen der Mullahs in Joga- oder Fitnessgruppen, himmeln indische Gurus an und lassen die Nase richten. Die große Mehrzahl der Teheraner, so klingt es, lehnt die Religionsherrschaft ab; manche Sammeltaxifahrer halten nicht für Geistliche an. Und Moaveni verschweigt auch ihre eigenen Gefühle nicht, ihren Frust, die Belastung in einer Stadt voller Staus, Umweltverschmutzung und Verfolgung, voll absurder und gefährlicher Hürden für Journalisten, und ewig in Kopftuch und unförmige Gewänder gewickelt.

Manchmal fragt man sich, ob eine Time-Reporterin so offen über sich selbst schreiben sollte – aber im Interview schilderte Moavini ihre Erleichterung, die eigene Person einbeziehen zu können; außerdem brauche man für das amerikanische Lesepublikum eine eindeutige Identifikationsfigur, am besten mit amerikanischen Wurzeln.

Spannender Bericht:

Die Iran-Amerikanerin Moaveni bezeichnet sich selbst oft nur als „Bindestrich“ und hadert mit ihrer kulturellen Heimatlosigkeit, mit den enttäuschten Erwartungen in Teheran und dem andererseits hohlen Bild, das westlichere muslimische Orte von Dubai bis Los Altos, CA, präsentieren.

Insgesamt ein spannender, aufwühlender, trotz des sehr persönlichen Blickwinkels aufschlussreicher Bericht aus einer lebendigen, widersprüchlichen, bizarren Metropole voller lebendiger, gebildeter Menschen, die sich auch von 20 Jahren „Revolution“ nicht unterkriegen lassen.

Moavini war beteiligt an Iran Awakening: A Memoir of Revolution and Hope, der Autobiographie der persischen Nobelpreisträgerin Shirin Ebadi. Mit Honeymoon in Tehran: Two Years of Love and Danger in Iran schrieb Moaveni eine packende Fortsetzung zu Lipstick Jihad, und ihre aktuellen Iran-Artikel findet man leicht online, zum Beispiel in Time oder beim Guardian (ihre Webseite http://azadeh.info berichtet nur bis 2011).

Auch das Teheran-Buch City of Lies von Ramita Navai passt hierhin, das Moaveni positiv rezensiert hatte. Ein US-iranisches Leben fast wie bei Azadeh Moaveni schildert Tara Bahrampour in To See and See Again: A Life in Iran and America.


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