Singapur-Roman: Saint Jack, von Paul Theroux (1973) – 7 Sterne

Paul Theroux hat es wieder raus: Die schwüle Atmosphäre, die finsteren Gassen voller Ratten und Gangster, die Malaiien, Chinesen, Inder, Engländer im Singapur der 70er – er zeichnet dieses Bild lebhaft plastisch, mit staubtrocken-coolen Dialogen.

Mittelalte Männer der unteren Mittelschicht bringen die Zeit in einem mittelprächtigen Club herum. Sie sind die Macher und Macker hier: Sie wiederholen die Witze von gestern und plustern sich auf beim Gin. Frauen existieren nur als Prostutierte oder Hausdienerin, nie als Partnerin oder auch nur als Bekannte.

Macker-Stadl:

Der Ich-Erzähler ist um die 50; wegen des Visums hat er sich von einem chinesischen Händler anstellen lassen, nebenbei verbandelt er westliche Besucher und östliche Liebesdinnerinnen in der Tropenmetropole. So richtig deftig wird das Buch jedoch nicht und die eindrucksvollsten Seiten beschreiben die verächtliche Arroganz des chinesischen Arbeitgebers gegenüber seinem US-Angestellten. Die Atmosphäre ist weit männlich-verschwitzter als etwa in den Tropenbüchern von Graham Greene oder Joseph Conrad.

Zweimal enthält das dünne Buch von 1973 (dt. und engl. Titel Saint Jack) einen Mini-Krimi und zwischendurch öfter mal Situationskomik – insgesamt gibt es aber keine durchgehende Handlung. Eher störend fand ich die seitenlangen Rückblenden und Grübeleien. Wegen des herablassend-coolen Umgangsenglisch der Saint-Jack-Macker habe ich weniger verstanden als bei vielen anderen englischen Romanen.

Ähnliche Bücher von Theroux, und die Verfilmung:

Wer Therouxs frühe Belletristik aus schwülen, entlegenen Tropenstätten mag, sollte auch The Consul’s File (angesiedelt in Südmalaysia) und die in Afrika spielenden Girls at Play und Fong and the Indians probieren; diese Bücher sind weniger räudig als Saint Jack und ironisch-heiterer, qualitativ reicht aber nur The Consul’s File an Saint Jack heran.

Peter Bogdanovichs gleichnamige Verfilmung des Romans von 1979 zeigt ein schwüles, gar nicht glamouröses Singapur. Ben Gazzara in der Hauptrolle wie auch Denholm Elliot als William Leigh haben viel mehr Ausstrahlung und Leben als ihre Buch-Pendants bei Paul Theroux; die Handlung wurde deutlich umgebaut. Ben Slater erzählt im Buch Kinda‘ Hot, wie der Film unter einem Vorwand in Singapur gedreht wurde; es gibt auch ein paar unbekannte Details zur Entstehung des Romans, aber Theroux spielt keine große Rolle in dem Buch; zum Buch gibt es auch einen interessanten Blog.


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