Romankritik: Drei Frauen, von Georges Simenon (1959) – 4 Sterne – mit Medienstimmen

Die junge, selbstbewusste Fallschirmspringerin und Rennfahrerin Sophie lebt mit einer labilen Freundin und einer Haushälterin zusammen. Da muss die fast vergessene Großmutter aufgenommen werden – sie kommt in die zweite Dienstbotenkammer. Zwischen den Frauen entsteht eine Art Machtkampf; zum Beispiel konfisziert Sophie den Konservenvorrat ihrer Großmutter, um Gäste zu bewirten; es gibt ein wenig Zickenkrieg, etwas Sex & Drugs & Nikotin.

Vor allem aber passiert lange nichts, außer halb psychologisierenden Dialogen und vagen Rückblicken auf andere Männer und Jahrzehnte. Georges Simenon (1903 – 1989) schreibt wie immer knapp und schmucklos, aber mit reizvollen, markanten Details.

Die Einfühlung in Frauen am Rand des Nervenzusammenbruchs schmalzt indes. Die durchweg weiblichen Hauptfiguren zeichnet Simenon dabei silbrig und seltsam charakterlos – Sophies Mitbewohnerin Lelia gilt sogar ihren Bekannten als „die Immaterielle“ (S. 117). Lediglich die Haushälterin Louise hat eine klarere Linie, gilt dem deutschen Verlag aber nicht als Hauptfigur (sonst hieße das Buch „Vier Frauen“; das Original heißt „La vieille“, Die Alte, und in der engl. Übersetzung „The Grandmother“, so wie eine frühere dt. Übersetzung ebenfalls „Die Großmutter“ hieß – alles trifft den Buchinhalt besser als „Drei Frauen“).

Ich hatte das Diogenes-TB mit Linde Birks Übersetzung von 1978, „1999 für eine Neuausgabe überarbeitet“, letzte Copyright-Angabe 2008. An manchen Stellen schien die Übersetzung wunderlich, ich hätte gern das Original verglichen – das darf bei einer Übersetzung nicht passieren (sofern der Primärtext ok ist).

Der Text auf der U4 verblüfft:

Drei Frauen, zwei Generationen, eine WG… Die Fallschirmspringerin Sophie und die Künstlerin Lelia sind beste Freundinnen und beide so selbstbewusst und erfolgreich…

Meine Meinung zu dieser Inhaltsangabe:

  • Die Haushälterin spielt auch eine Rolle, also sind es vier Frauen (und womöglich drei Generationen)
  • von einer WG würde ich nicht sprechen
  • Sophie und Lelia sind kaum als beste Freundinnen zu bezeichnen
  • Lelia ist keine „Künstlerin“, und sie ist gewiss nicht „selbstbewusst und erfolgreich“

Medienstimmen:

Heidtmanns Bücher gibt 5 von 5 Sternen:

In der modernen Zeit, die Simenon in »Drei Frauen« (vormaliger Titel: “Die Großmutter”) schildert, sind die Familien zerbrochen, und alle leben verstreut ihr eigenes Leben.

Litges.at:

Theodor Adornos Sentenz „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ mag einem dazu vielleicht noch einfallen… Simenons reiner Frauenroman: Intim, schonungslos, alkoholgeschwängert und ein Zeugnis von seiner famosen Kenntnis weiblicher Kriegsführung. Warum Linde Birk den Originaltitel (La vieille – Die Alte) in „Drei Frauen“ geändert hat, bleibt ein Rätsel.

Kirkus Review:

Minor psychological Simenon… An initially intriguing situation, rather murkily fleshed out… the clean translation shows off Simenon’s expertise at leanly achieved atmosphere and his impressively un-dated knack for rounded female characterization. Interesting.

Swiftlytiltingplanet:

Perhaps one of the more puzzling Simenon novels I’ve read so far, and certainly not my favourite. But that said, I’m still mulling over some of the book’s implications.


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