Romankritik: Der Sommer der Wildschweine, von Birgit Vanderbeke (2014) – 7 Sterne – mit Pressestimmen

Klar, der neue Vanderbeke, das ahnt man schon: es spielt sicher wieder in Südfrankreich, ist pseudo-naiv erzählt und schnell vorbei. Und so kommt es auch (145 luftig bedruckte Seiten).

Witzig und überraschend packt Birgit Vanderbeke diesmal jedoch viele moderne Themen in den Urlaubsbericht einer modernen Familie: Es geht um Modedesign, 3D-Design, Tierschutz à la PETA, Lautsprecherbau, Facebook, Veranstaltungsplanung, Stricken, Suchmaschinenoptimierung und Fracking – einerseits detailliert, aber auch unterhaltsam.

In ihrem naiven Hausfrauenton schleppt Vanderbeke auch reichlich Redundanz und Weitschweifigkeit ein. Manche Motive kehren später überraschend wieder und verbinden sich sogar – schön. Andere Themen wiederholt sie viel zu oft.

Über zwei Drittel des Buches dräut Vanderbeke zudem aufdringlich von der bevorstehenden Umwälzung – ohne Näheres zu offenbaren, ohne dass viel passiert. Stattdessen schwafelt und schwafelt die Autorin über dies und das, Quadratmeter im Flüchtlingslager, der Jugendschwarm der Tochter, das Gefühl ohne Internetzugang.

Feinsprachlich gibt es Ungenauigkeiten, die das Lektorat übersah. Auch inhaltlich wunderten mich Kleinigkeiten:

  • erst übernachten sie wegen einer kaputten Autobremse im Feld, dann fahren sie anderntags doch mit dem kaputten Auto in die Werkstatt (oder wurden sie abgeschleppt?)
  • sie haben fast eine Woche kein Internet in ihrem Domizil, und diese Netz-affine Familie kommt nicht auf die Idee, in einem Café oder bei der Ferienhaus-Agentur online zu gehen?

Nicht, dass ich Vanderbekes üblichen Stil sehr mag, speziell nicht die besonders weitschweifige Variante im Sommer der Wildschweine; aber im Vergleich zu vielen anderen aktuellen deutschsprachigen Autoren finde ich sie gut lesbar, und sie hat definitiv ihren eigenen Sound. Ihre Buch-Familie zwischen Strickmode und Webdesign ist sympathisch, originell, ohne schrill zu werden.

Aber es stimmt natürlich: Würde Vanderbeke nicht vom sonnigen Mediterranien berichten, sondern aus Frankfurt, Estland oder der Äußeren Mongolei, dann hätte sie einen Leser weniger.

Geschwätzigkeit“ vs. „wahre Wonne“ – zwei Kritiken:

Süddeutsche Zeitung:

So locker sich der kleine Roman herunterlesen lässt, so löchrig ist er gestrickt. Der Vanderbeke-Sound, ein am Mündlichen orientierter Plauderton, hat seine frühere Kunstfertigkeit längst verloren. Was einmal Stil war, ist nur noch der Aufhänger für Geschwätzigkeit… Birgit Vanderbeke beliefert den deutschen Literaturmarkt seit geraumer Zeit mit einer Prosa, die an der Wiedererweckung der Idylle arbeitet. Da wird das Handwerk gegen den schnellen Konsum verteidigt, die Selbstversorgung gegen landwirtschaftliche Massenproduktion, soziale Netzwerke und Tauschbörsen gegen die weltweite Vernetzung des Kapitals. Das ist ein ehrenwertes Unterfangen. Auch Schriftsteller müssen ihren Lebensunterhalt verdienen… die Katastrophen-Rhetorik entspringt eher den Erfordernissen des eigenen Stils und dem Marktkalkül als der Beobachtung.

Das graue Sofa:

Leo erzählt ihre Geschichte nicht nur sehr amüsant, sondern auch höchst assoziativ, kommt vom Hundertsten ins Tausendste, findet aber immer ihren roten Faden wieder… sie plaudert und assoziiert sich hier durch ihre Geschichte, dass es eine wahre Wonne ist. Dabei scheint sie bei Kaffee oder Wein mit dem Leser auf einer lauschigen Terrasse zu sitzen, jedenfalls spricht sie den Leser direkt an und nimmt immer mal wieder seine möglichen Reaktionen und Einwände vorweg. Und zuhören kann man Leo wirklich gut. Ihre Erzählung kommt daher wie eine gute Kabarettnummer, es gibt unglaubliche Bezüge, Running Gags, falsche Verallgemeinerungen, das gesamte Repertoire unterhaltsamen Erzählens

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