Roman-Kritik Chinesen in England: Sour Sweet, von Timothy Mo (1982) – 7 Sterne

Gefühlt 65 Prozent des Buchs von 1982 widmet Mo einer Hongkong-chinesischen Kleinfamilie, die sich mit einer Imbissbude eine Existenz im ärmeren Teil Londons aufbaut – unterhaltsam, einfühlsam und mit trockenem Humor, dazu verblüffende Einblicke und Begegnungen. Es klingt, als sei Mo selbst dabei gewesen und hätte doch die nötige Distanz, die Entwicklung allgemeinverständlich und Roman-tauglich zu beschreiben.

Die Kleinfamilie und die finsteren Gangster:

Vielleicht 35 Prozent behandeln eine chinesische Gangsterbande in London, die Schutzgelderpressung und Drogenhandel betreibt. Dieser Teil klingt humorfrei wie ein finsterer Chinakrimi, ist sehr militärisch und teils brutal gewaltsam. Und: Die Gangstergeschichte hat nur eine äußerst lose Verbindung zur Kleinfamilie. Über weite Strecken gibt es gar keinen Zusammenhang, die Handlungen trudeln nebeneinander her. Mir wäre das Buch ohne Gangster lieber.

Gelegentlich versucht Mo sich an Szenen, die vielleicht in Kinofilmen besser umzusetzen sind als in einem Roman – so die tödliche Schlägerei zweier Gangsterbanden (Mo war einst Boxer und Boxkampfjournalist) oder die ersten privaten Fahrstunden der Chinesin Lily in London. (Verfilmt wurde der Booker-Preis-nominierte Roman 1988 tatsächlich, mit einem Drehbuch von Ian McEwan; der Film ist ernster und psychologischer als der im Vergleich dazu satirisch wirkende Roman.)

Starke Sprache:

Wegen der Themen „London“ und „Immigranten“ fühlte ich mich zeitweise wie bei V.S. Naipaul (einst beim selben Verlag und derselben Lektorin wie Mo), doch Mo hat seinen eigenen Stil: Er schreibt ein sehr gebildetes, aber kraftvolles und spannendes Englisch und packt einzelne, markante Sätze gern mal kraftmeiernd in eigene einzeilige Absätze.

Allerdings leidet Sour Sweet unter der Aufteilung in zwei getrennte Handlungen (Kleinfamilie, Gangster). Nachdem die Kleinfamilie deutlich mehr Raum erhält und meist nichts mit den Gangstern zu tun hat, fragt man sich, warum die Kriminellen überhaupt ins Buch gelangen.

Ich kenne von Timothy Mo auch die Romane Pure und Monkey King; in allen Bänden hält er sein recherchiertes oder erlebtes interkulturelles Wissen nicht ganz im Zaum, packt zu viele unterschiedliche Einblicke in einen Roman. Unterhaltsam, skurril und lehrreich ist er dennoch.


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