Rezension Memoiren von Ex-Bäuerinnen: Und dann habe ich den Hof verlassen, von Ulrike Siegel (Hg., 2011) – 7 Sterne

„Erstaunlich ist“, sagt Ex-Bäuerin Bettina lange nach Aufgabe der Landwirtschaft, „dass nicht nur wir Erwachsenen, sondern auch die Kinder morgens immer noch keinen Hunger haben, da wir es gewohnt waren, erst nach dem Stall zu frühstücken“ (S. 38).

Zum Weinen in den Wald:

Bettinas Familie verließ den Hof aus finanziellen Gründen, blieb aber zusammen. Das gibt’s nur drei- oder viermal im Buch. Weit häufiger geht die Frau allein weg, weil Beziehungen zerbrechen, und da klingen die Geschichten immer wieder bitter: der Mann greift sich die Betriebshelferin, es gibt Streit um Kinder und Geld, die BSE-Krise zerfetzt das Geschäftsmodell, die Schwiegermutter wird zum Feind, das Dorf zum Minenfeld; obwohl frau doch 15 Jahre lang auf dem Hof und bei allen Vereinen rackerte, eigenes Vermögen investierte.

In mehreren Berichten geht die Frau zum einsamen Weinen in den Wald, der Hofhund ist wiederholt bester Freund, Familientherapien scheitern, widerlicher Rechtsstreit tobt um „meinen Teil des Hausrates, um die Herausgabe meines Geschäftseigentums, um meinen Teil des Zugewinns, um Trennungsunterhalt und nachehelichen Unterhalt“ (S. 99). Der Wiederaufbau gelingt mit „professionellen Therapeuten“ (S.62).

Die Frauen leben nach dem Auszug teils beengt mit Gebrauchtmöbeln, die Matratze auf dem Boden; sie trauern den Tieren, dem Garten und teils ihren Kindern nach. Einstige Selbstversorgerinnen müssen lernen, gekauften Lebensmitteln zu vertrauen.

Eigene Geschichten:

Offenbar haben die 16 Frauen ihre Geschichten selbst aufgeschrieben, der Stil wirkt aber durchweg ähnlich und durchweg reizlos, mit aktuellem Einstieg und langer Rückblende danach, stets mit faden Formulierungen wie „sonstige Aktivitäten machen“ (S.7). Immer wieder bleiben Fragen offen (auch bei nicht-heiklen Themen), und Herausgeberin Ulrike Siegel hätte nachhaken müssen. Andererseits ist es mutig, in Deutschland solche Geschichten des Scheiterns auch nur in Andeutungen zu veröffentlichen. Ich habe das gern gelesen.

Die Geschichten spielen ausschließlich in den alten Bundesländern, mit Schwerpunkten in Niedersachsen und Baden-Württemberg. Überwiegend geht es um konventionelle Landwirtschaft, v.a. Milchvieh und Schweine, gelegentlich um Ferienwohnungen und Bio (z.B. S. 70).

Natürlich hören wir nur die Seite der meist enttäuschten Frau, keine pluralistische Darstellung. Gelegentliches Plattdeutsch erscheint überflüssig auch auf Hochdeutsch (z.B. übersetzt Ulrike Siegel „Du wöörst good to min Dochter passen“, S. 23). Doch Fachausdrücke wie „Dolen“ (S. 100) oder „DLG“ erklärt die Herausgeberin nicht.

Vergleich der Ulrike-Siegel-Bücher „Und plötzlich war ich Bäuerin“ (2010), „Und dann habe ich den Hof verlassen“ (2011) und „Einen Hof verlässt man niemals ganz“ (2013):

Die Bücher ähneln sich sehr stark. In allen drei Büchern erzählen 16 bis 18 Frauen je acht bis 20 Seiten lang aus ihrem Leben als Bäuerin oder von der Zeit danach. Die drei Bücher sind jeweils rund 154 bis 176 Seiten lang. Alle Geschichten sind sprachlich ähnlich und glanzlos, aber doch leicht lesbar. Nur im Band „…niemals ganz“ sieht man Fotos der erwachsenen Frauen. Obwohl die Texte teils oberflächlich klingen und man unentwegt vertiefen möchte, fesseln die Einblicke.

Mindestens eine Frau, „Bettina, Agraringenieurin in Baden-Württemberg“, erscheint nach meiner Übersicht in zwei oder drei Bänden; sie erzählt ihre Geschichte in Fortsetzungen, aber mit Rückblenden, so dass man vorhergehende Teile nicht kennen muss. Viel lieber hätte ich ihre Geschichte am Stück gelesen – zum Beispiel nur fünf oder acht längere Memoiren in einem Band, ohne dass man im nächsten Buch weiterlesen muss.

Bei anderen Frauen hatte ich in den späteren Bänden das Gefühl, ich kenne sie schon, aber der Name ist neu, etwa bei „Kristine, Laborantin in Schleswig-Holstein“ oder bei „Heidi, Dorfhelferin in Niedersachsen“. Ich würde erst alle drei Bücher beschaffen und dann die Geschichte einer Frau am Stück lesen, auch wenn dabei biografische Details wiederholt werden.

Die Geschichten aus „Und plötzlich war ich Bäuerin“ klingen sehr pro-Landleben. Die Berichte aus „Und dann habe ich den Hof verlassen“ sind konzeptuell etwas länger und deutlich trauriger, weil auch Abschied von und Leben nach der Landwirtschaft erscheinen, oft in Verbindung mit privaten Dramen.

Die Geschichten aus „…niemals ganz“ wirken teils unverständlich, wenn man nicht die Vorgeschichte aus einem „Bauerntöchter“-Band kennt und vielleicht bei den „Bauerntöchter“-Treffen war. Teils haben sie nichts mit Landwirtschaft zu tun, da diese Bauerntöchter längst in anderen Bereichen arbeiten. Sie sind sprachlich vielleicht noch schlechter. Nur in „…niemals ganz“ gibt es Farbe, ein Lesebändchen und zumeist Bilder der Autorinnen (jedenfalls in meiner Print-Ausgabe).

Ostdeutschland, Österreich oder Schweiz erscheinen in zwei der drei Bände gar nicht und in „…niemals ganz“ nur am Rand. Der Schwerpunkt liegt auf Niedersachsen und Baden-Württemberg (Heimat der Herausgeberin), NRW und Bayern tauchen seltener auf. Allerdings treten bundesweit regionale Unterschiede kaum hervor, zumal es wenig kulinarische oder sprachliche Spezialitäten gibt. Es geht überwiegend um konventionelle Landwirtschaft mit Milchvieh, Schweinen und etwas Getreide, gelegentlich um Bio, Direktvermarktung, Hofladen, Ferienwohnung.

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