Rezension Kurzgeschichten: Letzte Nacht, von James Salter (2005, engl. Last Night) – 7 Sterne – mit int. Presse-Links

Das schmale Bändchen enthält zehn nicht verbundene Geschichten, je sechs bis 20, meist knapp zehn luftig bedruckte Seiten lang. Einige erschienen zuvor in Esquire, Paris Review oder New Yorker.

Salter schreibt sparsam, flüchtig, federleicht, impressionistisch, fast schon abstrakt. Dabei sitzt jedes karge Wort, ruft Bilder und Eindrücke hervor. Manchmal lässt Salter Bezüge und Zuordnungen unklar, zumindest für mich unklar (ich kenne nur das englische Original, nicht die Eindeutschung). Einige Geschichten zu Beginn driften etwas, runden sich nicht, manchmal wirken die Schwenks auf andere Figuren oder Zeitabschnitte zu willkürlich; doch sie haben immer etwas Bezwingendes, fast mehr als die späteren, eher kompakt durcherzählten, schon zu dramatisch konstruierten Geschichten.

Die Geschichten wirken insgesamt zugänglicher und weniger eigenwillig als in Salters Sammlung Dämmerung/Dusk (1988). Die Figuren – meist arrivierte Mittdreißiger und Ältere in New York und auf Long Island, alle in unbefriedigenden Beziehungen – erinnern an Jay McInerneys Sammlung The Last Bachelor; die Figuren ringen aber bei Salter mehr mit sich selbst und weniger um Status und schnelle Hormonabfuhr. Ehebruch und resigniertes Erinnern glücklicherer Zeiten gehören zum Programm, mehrfach auch unheilbare Krankheiten, mild verrückte Poeten und welkende weibliche Schönheit.

In Such Fun erzählt Salter ein wichtiges Detail erst auf der letzten Seite, es rückt die ganze Erzählung in ein neues Licht – ich habe sie gleich noch einmal gelesen, kein Problem. Freilich haben die Geschichten um Liebe und Verrat in der Beletage von New York auch einen Hauch von Seifenoper, mindestens von Sex and the City.

„Stilistische Souveränität und die tiefe Kenntnis der menschlichen Seele…“ – die Kritiker:

Die Zeit, Martin Lüdke:

Als Beobachter kennt er keine Moral. Seine Helden laufen ins Verderben, und er sieht zu. Die Härte seiner Beschreibung…

FAZ:

…mitunter geraten die Figuren doch allzu schematisch… sehr aufdringlich und effektheischend

SZ, Verena Auffermann (bei buecher.de):

Keiner seiner Figuren kommt der Erzähler besonders nahe. Salter liebt die Distanz, die das Private verallgemeinert… eine Chronik des Aneinandervorbeischauens

Der Standard, Anna Mitgutsch:

Sprachlich virtuos, aber sterilIn Salters Geschichten scheint es immer Herbst und Abend zu sein

FR, Thomas Laux:

ziemlich lakonische Art, über letzte Dinge zu sprechen, vor allem, wenn es um das Scheitern von Paarbeziehungen geht. Nüchterner, bilanztechnischer geht es kaum

Spiegel, Peter Henning:

erweist sich ((Salter)) nicht nur als souveräner Stilist, sondern auch als mitleidlos genauer Beobachter, der seine Figuren geschickt ins Verderben manövriert

Deutschlandradio Kultur, Katharina Döbler:

Salter ist ein Meister darin, in gut gehenden Ehen und netten Unterhaltungen das Schiefe, das Verzweifelte, das Verräterische herauszufinden

New York Times:

Salter has an inimitable way of entering a story not at the beginning, but in the middle… Not only does he enter midscene, often midconversation, but midlife

Kirkus Review:

Matchless narrative economy and surgically precise prose… Sex, betrayal, aging and death are dominant themes…

Independent:

A beautifully weighted collection, fully the equal of Dusk, and a deeply gratifying reminder of what reading is for.

Chicago Tribune:

difficult to read without becoming agitated with the possibilities of American prose and the beauty and pathetic torpors of American life.

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