Rezension der einbändigen Churchill-Biografien von Martin Gilbert (1991) und Roy Jenkins (2001) – mit Presse-Links

Die Engländer hatten nicht nur die interessanteste Figur des 19. Jahrhunderts, sie hielten den Titel auch im daran anschließenden Zentennium. Und Winston Churchills (1874 – 1965) ungemein ausgefülltes, langes Leben ist seit frühester Kindheit durch Briefe, Bücher, Fotos und Akten durchgängig dokumentiert – perfektes Biografenfutter. Ich habe diese zwei ähnlich langen, doch äußerst unterschiedlichen Biografien parallel gelesen:

  • Martin Gilbert, Churchill: A Life (1991, 1066 Seiten) und
  • Roy Jenkins, Churchill (2001, nur 1001 Seiten)

Hier meine Eindrücke:

Martin Gilbert : Churchill. A Life (1991)

Gilbert (1936 – 2015) schreibt glasklar, wertfrei und streng chronologisch, ohne dröge zu klingen, wie ein Lexikon, das gelesen werden und nie überraschen will. Jeder Fakt und jedes Wort sitzt an der richtigen Stelle. Gilbert streut gern amüsante Zitate ein und wird dann wieder nüchtern.

Martin Gilbert vermeidet zusammenfassende Vorausschauen auf Kommendes, Vergleiche, Analysen und Wertungen und klingt damit teils etwas steril faktenhubernd. Die NYT dazu:

Throughout Mr. Gilbert’s career, reviewers took issue with his penchant for laying out reams of data with little editorial comment, which left the task of historical interpretation to the reader. He countered that by virtue of selecting, arranging and emphasizing historical facts as he did he was expressing a tacit opinion, an argument that did not persuade every critic.

Über Churchills literarische Produktion erzählt Gilbert deutlich weniger als Jenkins (Gilberts Buch In Search of Churchill hat jedoch ein eigenes Kapitel über Churchill als Autor).

Churchills Geburtstag am 30. November wird jedes Jahr en passant erwähnt (außer um 1943 herum), so entsteht ein guter Eindruck vom Fortschreiten der Zeit. Zudem erscheint Churchills Alter über jeder Doppelseite, ebenso, wie bei Jenkins, das Jahr.

Churchills Lebensabschnitte schildert Gilbert weitgehend mit Zitaten aus Briefen von Familie, Lehrern, Freunden und Politikern. Damit zeichnet Gilbert ein sehr lebendiges, persönliches Bild, man fühlt sich den Akteuren nah, und Churchill erscheint – im ganzen Buch – als Hauptakteur. Gilbert bewundert ihn offenkundig, besonders als Premier im 2. Weltkrieg.

Ich hätte mir deutlich mehr Kritik von außen gewünscht: Als Kommentare zu Churchills Büchern gibt Gilbert nur Lob von Politikern wieder – keine Zeitschriftenrezension und selbstverständlich kein eigenes Urteil. Auch die zitierten Urteile zu Churchills politisichen Leistungen sind fast immer lobend, und Churchills eigene Zitate wecken sofort Zustimmung und Bewunderung.

Es fällt mitunter schwer, die Lektüre zu unterbrechen.

Nicht nur die Politiker um Churchill herum wirken in dieser Biografie sehr blass, auch seine Familie einschließlich Ehefrau und vier Kindern: Gilbert interessiert sich nicht für Menschliches. Die Biografie endet exakt mit Churchills Tod 1965, kein Wort zum weiteren Ergehen der Familie.

Ungewöhnlich für eine große historische Biografie: Es gibt keine hochgestellten Ziffern und Sternchen, keine Fußnoten auf der Seite oder am Buchende, keine drei Pünktchen zur Anzeige einer Zitatkürzung. So erscheint das Druckbild ungewöhnlich geschlossen.

Gilbert zitiert Churchill zwar immer wieder, aber oft nur in halben Sätzen, unterbrochen durch moderierende Wörter des Biografen. Das erinnert manchmal an das Interview-Ausschnitt-Stakkato in Filmdokumentationen. Längere Churchill-Passagen gibt Gilbert nur selten wieder, und wenn, dann Briefe oder gelegentlich Reden – kaum Auszüge aus Churchills Nobelpreis-gekrönten Büchern.

Gilbert bringt 64 nicht-paginierte Fotodruckseiten in Schwarzweiß. Die Wiedergabe erscheint deutlich schlechter als bei denselben Bildern im Jenkins-Band zehn Jahre später (vielleicht weil bei Jenkins‘ Arbeit Photoshop bekannter war?). Gilbert, der auch mehrere Geschichtsatlanten herausgegeben hat, zeigt außerhalb des Bilddruckteils noch 18 Seiten Landkarten in Schwarzweiß, nennt Bornholm dort allerdings Borkum.

Gilbert wurde schon für seine einbändigen Standardwerke zum ersten und zweiten Weltkrieg und zum Holocaust gerühmt. Vor Jahrzehnten arbeitete er mit Churchill-Sohn Randolph an einer achtbändigen Churchill-Biografie, die Gilbert nach Randolphs Tod allein fortführte. Über seine Recherchen berichtet  Gilbert in einem Kapitel des Buchs In Search of Churchill.

Roy Jenkins: Churchill (2001)

Jenkins (1920 – 2003) schreibt mit permanentem Spott und setzt viele Kenntnisse voraus – wie bei einer entspannten Diskussion unter Gelehrten. Jenkins sagt selbst, dass er keine neuen Erkenntnisse liefern kann und verlegt sich wohl deshalb aufs kommentierende, analysierende Erzählen. Er erzählt nicht streng chronologisch und springt gelegentlich Monate oder Jahre vor oder zurück, setzt überraschende Schwerpunkte, gibt umgekehrt der Münchner Konferenz 1938 nur zwei Sätze. Jenkins wirkt oft sprunghaft und willkürlich.

Auf Druck seiner US-Lektorin musste Jenkins der Biografie einige Seiten Grundlagen zum englischen Regierungssystem vorschalten, aber das reicht bei weitem nicht (und ist wiederum eigensinnig formuliert). So liest sich Jenkins zwar unterhaltsam, kann aber auch überfordern – und nerven.

Der renommierte Biograf und einstige Spitzenpolitiker, der im englischen Unterhaus auf Churchill getroffen war, verwendet mehr gelehrte, intellektuelle Vokabeln als andere Biografen und streut noch kapriziös allerlei Französisches, Lateinisches und kurios Metaphorisches ein. Er produziert wiederholt Vergleiche zwischen Churchills frühen Jahren und dem klassischen Griechenland, dem 1990er-England oder Shakespeares Dramen und betrachtet alles mit politischem Ehrgeiz. Jeder originellen Figur widmet Jenkins ein oder zwei Seiten, von Hölzchen auf Stöckchen kommend, liefert aber auch wiederholt längere Churchill-Zitate.

Das Bombardment mit wertenden Adjektiven und Klammerbemerkungen amüsiert, klingt aber auch selbstgefällig und ermüdet. Die Sätze sind gern zu verschachtelt (ähnlich meinungsfreudig, aber flüssiger, schreibt Sebastian Haffner über Churchill).

Jenkins schreibt wie ein Politiker, der selbst dabei war und die Beteiligten nur zu gut kennt, nicht wie ein distanzierter Historiker. Mehr als Gilbert beleuchtet er die britische Innenpolitik speziell im Zweiten Weltkrieg, portraitiert Persönlichkeiten um Churchill herum und versucht ein paar Einblicke in Churchills Eheleben (Jenkins‘ eigenes Eheleben war freilich interessanter).

Jenkins – wie Churchill Politiker und profilierter Autor – liefert auch genauere Einblicke in Churchills literarische Produktionsweisen und Verlagsbeziehungen, bringt aber ähnlich wie Gilbert keine Buchzitate, keine Presserezensionen und tut Churchills Literaturnobelpreis mit zwei Zeilen ab (kein Wort aus der Begründung). Jenkins kommentiert häufig die Qualität der Reden im Unterhaus, fast wie ein Sportjournalist.

Es fällt jederzeit leicht, die Lektüre zu unterbrechen.

Mein Abwägen

Ich habe die zwei Biographien stückweise abwechselnd gelesen: zuerst ein paar Kapitel Gilbert für die erste Übersicht und dann die entsprechenden Jenkins-Kapitel für subjektive Kommentare und subjektiv ausgewählte Randnotizen. Jenkins wirkt nie wie eine Wiederholung, eher wie ein völlig anderes Buch. Jenkins sagt selbst mehrfach, dass er Gilberts Akribie bewundere (er meint wohl Gilberts achtbändige Biografie); Gilberts Darstellung von Churchills Unfall in New York hält Jenkins jedoch für unplausibel.

Checkliste: Die einbändigen Churchill-Biografien von Gilbert und Jenkins im Vergleich

Autor Martin Gilbert Robert Jenkins
Titel Churchill, A Life Churchill
erschienen 1991 2001
meine Ausgabe Minerva TB Pan Books TB
bei Amazon.de klick klick
insgesamt 1066 Seiten (Pocket Ed. 752 S.) 1001 Seiten
Haupttext 959 Seiten 909 Seiten
Fotodruck-Seiten nicht paginiert 64, nur schwarzweiß 32 schwarzweiß sowie 8 farbig (mit Churchill-Gemälden), inkl. weniger SW-Landkarten, Qualität durchgehend besser als bei Gilbert
Landkarten 18 Extra-Seiten nur wenige, innerhalb des Bilddruckteils
Ton enzyklopädisch klar, ruhig, betont wertfrei, nicht dröge, sehr chronologisch ohne Vorausblick, sehr viele kurze Zitate, maximal zurückgenommen leicht spöttisch kommentierend, laufend wertend, intellektuell anspruchsvoll, viele lateinische + frz. Ausdrücke, mit Zeitsprüngen, nicht-chronologischen Zusammenfassungen, eigenwilligen Klammerbemerkungen, ab ca. 1940 mit persönl. Erinnerungen
Schwerpunkte Entwicklungen weltweit, sofern notwendig Entwicklungen in britischen und US-Politikerkreisen und im Unterhaus
Wertungen Autor selbst wertfrei, jedoch scheinbar bewundernd: zitiert viele positive Wertungen von Politikern und Familie, kaum von Kritikern, Presse, Wissenschaft; zitiert viele bewundernswürdige Churchill-Passagen wertet unablässig selbst, zitiert Wertungen anderer mit eigener Wertung der zitierten Bewertung oder der bewertenden Person
Anmerkungen schreibt wie ein Historiker schreibt wie ein Politiker, der dabei war und gern mitgemischt hätte

Rezensionen zu Martin Gilberts Churchill, A Life (1991)

New York Times:

Magisterial… it bears the stamp of authority. Mr. Gilbert has succeeded in creating a single volume out of his detailed 8 volumes of biography

Publishers Weekly:

Related in strict chronological fashion, it is a full and rounded examination of Churchill’s life, both in its personal and political aspects.

Richard Langworth (vergleicht die Churchill-Biografen Gilbert und Manchester):

Gilbert is fastidious and detailed, putting the reader at Churchill’s shoulder as events unfold. Gilbert takes a chronological, clinical approach

Goodreads-Nutzerin Michele:

There were times I could not put it down… There were times I had to force myself to keep going… I dated a Winston. Maybe I would have been nicer to him, had I read this first!

Rezensionen zu Roy Jenkins, Churchill (2001):

New York Times:

Masterly… the marriage of Jenkins’s wit and Churchill’s is very agreeable amid the tumults of war and peace…

The Guardian, John Charmley:

If this book has no fresh evidence or interpretation, it has something more valuable in a biography – an instinctive feel for the subject

The Guardian, Robert McCrum:

The book’s enduring strength lies in the breadth of its sympathy. So Churchill is a life brilliantly reflected in the mirror of its author’s personality

London Review of Books:

His sources are astonishingly narrowonly biographies, memoirs and the Companion Volumes; no history books, for example

Kirkus Reviews:

thoughtful, comprehensive… His evenhanded analysis demonstrates the damage Churchill’s political ambition wreaked on both his party and his own reputation

Roderick Random (Blog):

Based on copious secondary sources rather than original research, it is an admirable and compendious work of synthesis.

Fuficius Fango, Leserstimme bei Amazon.co.uk:

Jenkins, as another reviewer writes, is fond of public school French and Latin and can come across as pretentious

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