Kritik Kurzgeschichten: Die Einsamkeit der Haut, von Bodo Kirchhoff (1983) – 6 Sterne – mit Video

Fazit:

Die Geschichten spielen im Frankfurter Bahnhofsviertel: auf der Straße, in Peepshow-Kabinen, Kantinen und Puffzimmern. Der Ich-Erzähler ist stets unpersönlich, verklemmt mit kleingeistigen und anwidernd pornografischen Gedanken. Den möchte man nicht in der Verwandtschaft haben. Aber Autor Bodo Kirchhoff (*1948) schreibt solides Deutsch und beobachtet genau – wenn auch wieder und wieder das Gleiche.

Gezwungenermaßen:

Offenbar berichtet immer derselbe Ich-Erzähler ansonsten unverbundene Episoden: ein ehemaliger Bibliotheksangestellter, laut Eigenauskunft ein „Kleinbürgerfreak – durchschnittlich abseits, anspruchslos“ (S. 74). Mehrfach geht es um die verstorbene Mutter, um portugiesische Prostitutierte, um Bodybuilding, um die Kneipe Moseleck (wie trennt der das), schwerverletzte Männer auf der Straße sowie um Infektionsgefahr an Türklinken, „auf dem Deckel des Aborts“ (S. 58) und beim Cunnilingus im Puff. Die Beschreibungen verdrossen mich:

Das Schamfleisch ist dunkel, beinahe schwarz und geschlossen (S. 16)

Zwei Mädchen setzen sich auf das frei gewordene Sofa ((im Theatercafé))… gezwungenermaßen stell ich mir vor, wie sie sich paaren (S. 31)

…ergieße mich…auf die gläserne Platte des Schminktisches…eine nach allen Seiten hin ausufernde Pfütze (S. 72)

Die Buchrückseite hat ein Lob von Schwerenöter Fritz J. Raddatz, und keine Kritik kam auch von Hellmut Karasek im Spiegel.

Themen der Geschichten (Vorsicht, Spoiler):

    • Semi-menschliche Begegnung mit einer portugiesischen Prostituierten im Puffzimmer
    • Eine Contergan-Prostituierte fast ohne Arme auf der Straße
    • Gedanken im Café, Blickkontakt mit einer Peepshow-Darstellerin, halbes Hähnchen in der Gaststätte
    • Ich-Erzähler beobachtet onanierende Frau und im Fenster gegenüber Sex und dann einen Nacktsprung in die Tiefe
    • Ich-Erzähler stromert durch Püffe, Parks und MacDonald’s, denkt an Bodybuilding und seine verwesende Mutter, onaniert
    • Anbahnung einer homosexuellen Romanze und Autounfall

Mein Suhrkamp-Taschenbuch liefert sechs Geschichten auf 100 Seiten. Ich hätte auch keine Seite mehr gelesen. Das ist so kurz, dass man sogar auf ein Inhaltsverzeichnis verzichtet. Oder vielleicht meinte das Lektorat, kein Mensch wolle die Geschichten je wieder finden. Vorn im Buch steht:

Erste Auflage 1983

Gab es eine zweite?

Assoziation:

  • Auch in Bodo Kirchhoffs Drehbuch Manila geht es um Anbieter und Nutzer von Prostitution, jedoch auf den Philippinen

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