Kritik Biografie. Johannes Willms: Napoleon. Eine Biographie (2005) – 6 Sterne

Fazit:

Johannes Willms schreibt recht flüssig und eingängig, ohne professorales, verschachteltes Gehuber, häufig aber in der Wortwahl zu elitär gebildet und mit gelegentlich doch zu langen Sätzen (Beispiele unten). Willms konzentriert sich auf den Schlachtenlenker und Politingenieur Napoleon; er liefert keine Alltagsszenen, kein Psychogramm, keine Familiengeschichte, keine allgemeine Geschichte Frankreichs oder Europas.

Die Buchrückseite verspricht eine „Fülle von Anekdoten“ und „das Panorama eines turbulenten Zeitalters“. Das klingt lecker, stimmt aber nicht – nur den Militär und Politiker Napoleon Bonaparte stellt Willms hochdetailliert vor, er sichtete offenkundig immense Literatur und Archive. Der Landkartenschatz dieser Biografie wurde denkbar lieblos eingebunden (in meiner TB-Ausgabe).

Strukturen:

Zu dieser Napoleon-Biografie von Johannes Willms sagt Napoleograf Volker Ullrich, „die Strukturen der napoleonischen Ära bleiben schemenhaft“. Das Urteil klingt nur teils verständlich:

Von 1789 bis etwa 1793 verstrickt sich Napoleon ins Klein-Klein korsischer Regionalpolitik, von Willms ermüdend ausführlich beleuchtet. In Paris taucht Napoleon (1769 – 1821) zu der Zeit nur gelegentlich auf, und von den viel wichtigeren Revolutionswirren in Paris redet Willms kaum. Andererseits erklärt Willms akribisch Napoleons Staatsstreich des 18. Brumaire und die nachfolgenden Verfassungsbasteleien.

Nach meiner Übersicht bringt Willms nur ein nicht chronologisches, sondern analytisches, Jahrzehnte übergreifendes Kapitel; dort erläutert Willms Napoleons „Kriegskunst“, sogar mit einer Grafik zur battaillon carrée. Allerdings liefert Willms keine Kriegskunst-Komparatistik mit Blick auf Preußen, Wien oder Russland. Widersprüchlich erschienen mir teils Aussagen zu Napoleons anfänglicher Fürsorge für seine Soldaten und zur Frage, ob sie im Gegnerland individuell rauben durften, vielleicht habe ich etwas überlesen. In Russland und Ägypten verlässt Napoleon seine Heere vorzeitig – was aus ihnen wurde, hören wir kaum.

  • Ich bespreche wohlgemerkt Willms dickes 2005er-Buch Napoleon. Eine Biographie mit 848 Seiten (ich hatte die broschierte Ausgabe, lt. Impressum „Vierte Auflage Pantheon-Ausgabe 2007“, 2021 gab’s schon die „6. Edition“, hier bei Amazon) – nicht zu verwechseln mit mindestens drei weiteren Willms-Büchern zu Napoleon und Napoleon III. bis 2021: So ist der kleine Willms-Napoleon von 2019 offenbar nur eine auf 127 Seiten gekürzte Fassung des hier besprochenen Dickschiffs (Quelle), und Willms‘ Mythos Napoleon von 2020 hat 384 Seiten.
  • Auf Amazon: Johannes Willms über Napoleon | Napoleon-Bücher allg.

Es menschelt nicht:

Keine Analyse liefert Willms zu Napoleons überraschend heftigen Liebesgefühlen für Josephine. Er belegt die Limerence mit ein paar Daten und mit Briefauszügen (fast so peinlich wie bei Ludwig I., und beide Herrscher lassen ihren Angetrauten verletzende Nachrichten von hochgestellten Dritten überbringen, wie Schlussmachen per WhatsApp); Willms erklärt die politische Bedeutung der Beziehung, psychologisiert aber nicht und hakt die Scheidung kurz ab – vielleicht besser so. Napoleons Brüder Joseph und Lucien, die weit in Politik und Armee aufstiegen, behandelt Willms ebenso knapp, ausschließlich im Zusammenhang mit Napoleons Bedürfnissen – es ist also keine Familienbiografie.

Willms zitiert immer wieder ausführlich aus historischen Briefen und Memoiren, mal eingerückt, mal kursiviert, mal nicht typografisch abgesetzt. Solche Auszüge haben kaum historischen Wert, generieren aber Atmo und suggerieren menschliche Nähe.

Über Napoleons „zwei Begegnungen mit Goethe“ schreibt Willms ein paar karge Zeilen auf S. 485, sein SZ-Kollege Gustav Seibt dagegen ein ganzes Buch.

Lächerliche Afferei:

Willms verzichtet zunächst auch auf eigene scharfe Wertungen. Wenn er Napoleon wiederholt als „Lügner“ oder „grausam“ bezeichnet, so hat er das zuvor gründlich belegt; die Urteile klingen dann wie Fakten, nicht grobe Wertung. Ab der Kaiserkröung klingt Willms mehrfach abfälliger: „lächerliche Afferei“ (S. 380),  „abgeschmackte Komödie“ (S. 442) oder (S. 540):

der Kaiser der Franzosen verfolgte phantasmagorische Ziele. Wäre politische Rationalität einer seiner Charakterzüge gewesen ((…))

Solche Wertungen sollte Willms m.E. dem Leser überlassen. Auch die wiederholten Ausrufezeichen hinter normalen Aussagesätzen oder sogar in Klammern in Zitaten passen nicht (u.a. S. 250).

Vorwort, Literaturliste, Zeittafel, Stammbaum, Recherchebericht  :

Sensationell: Willms verzichtet komplett auf ein Vorwort und steigt sofort mit Kapitel 1 über Napoleons Elternhaus ein – atemraubende Selbstrücknahme eines Autors oder auferlegte Beschränkung eines sadistischen lektors? Ein Nachwort gibt’s auch nicht, etwas Gesamtbetrachtung jedoch im letzten Kapitel über St. Helena und immer wieder im ganzen Buch.

Ebenfalls verzichtet Willms auf Quellen- und Recherchebericht, Literaturliste, Zeittafel oder Stammbaum. Viele Literaturhinweise liefern jedoch die endlosen Anmerkungen. Auch Blicke auf napoleonische Orte heute fehlen (Ausnahme S. 673).

Elitepartner:

Regelmäßig streut Willms unübersetztes Französisch und Latein ein (v.a. in den Anmerkungen, aber auch im Haupttext). Dazu kommen zu viele pompöse oder ungebräuchliche Ausdrücke, die ich nicht verstand oder die mich wunderten.

  • Ich verstand u.a. nicht: „Dritter Stand“, „les deux Indes“, „bête noire“, „Artillerie“, „Nulla salus extra Corsicam“, „drôle de guerre“, „enragiert“ (mehrfach, nicht engagiert), „Rodomontaden“ (mehrfach), „Odalisken“, „Dislozierung“ (mehrfach), „Ancien Régime“, „optische Telegraphen“ (Müchler erklärt sie), „avant la lettre“, „Chimäre“; „Tartüfferie“, „Festung entsetzen“, S. 122, „Bulle“ (kein Stier), „amor fati“; „proconsularisch“; „terra ferma“ (nicht firma); „archimedischer Punkt“; „Gambit“; „bonapartistische Epopöe“; „Marasmus“; „Proselyten“; „Portepée“; „Sansculotten“; „Quisquilien“ (mehrfach); „kasuistisch“; „Hors la loi“; „zensitär“; „Präponderanz“; „Embonpoint“; „casus foederis“ (Bündnisfall?); „Aporie“; „Satrapie“; „konsekriert“, „Apotheose“; „solipsistisch“; „Unda fert, nec regitur“; „revolutionäre Kohärenz“; „Kryptoroyalisten“; „malgré lui“.
  • Ich wunderte mich u.a. über: „widerrät“, S. 55; „Vergunst“, S. 717; „die nämlichen“; „die vorwaltende Gedankenlosigkeit“, S. 100; „anheischig“; „Fährnisse“; „Kunde geben“.

Willms erklärt auch nicht, warum die Monate Thermidor, Fructidor, Frimaire, Floréal, Brumaire oder Vendémiare heißen (er nennt dazu die vertrauten gregorianischen Daten in Klammern, aber nicht einheitlich). Für Feldzug oder Krieg schreibt Willms stets „Kampagne“ – für mich hat sich die Bedeutung dieses Wortes im Deutschen und Englischen so gewandelt, dass ich es heute in dem Zusammenhang nicht mehr nutzen würde.

„Soldiers soldier“ (sic, mehrfach) sollte Willms m.E. „soldier’s soldier“ oder „soldiers‘ soldier“ schreiben, sonst sah ich fast keine Schreibfehler. (Wesentlich salopper und im historischen Präsens textet Günter Müchler sein Napoleon, Revolutionär auf dem Kaiserthron; er erklärt auch die Monatsbezeichnungen wie Brumaire etc.)

Satzbildung:

Manche Sätze sind zu lang, mit teils 50+ Wörtern (z.B. S. 14, S. 233 ab „Seine Einsicht…“) oder mit gar 64 Wörtern (S. 85 ab „Neben diesen Varianten…“). Es gibt auch kürzere Sätze, über die ich immer noch nachdenke wie auf S. 190 (nur 27 Wörter):

Folglich hatte die Verschwörung Sieyès, Lucien Bonaparte und Talleyrand den Plan zum Komplott der Direktoren Barras und Reubell, der Bonapartes Flucht aus Ägypten angestoßen hatte, unterdessen ersetzt.

Gelegentlich, nach langen Betrachtungen, kredenzt Willms dann kurze, knappe Sätze, die das Bisherige griffig kompaktieren (S. 237):

Die „Verfassung“ verstand er als die Geschäftsordnung seiner Diktatur.

Oder (S. 262):

Für Bonaparte wie für Napoleon war Frieden stets die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln.

Oder (S. 345):

Bonaparte wusste, dass der europäische Frieden nicht mehr als ein befristeter Waffenstillstand war.

Oder (S. 655):

Nach der Schlacht ist vor der Schlacht.

Landkarten:

Direkt auf dem ungestrichenen Textdruckpapier streut der Verlag ein paar SW-Abbildungen ein, meist in guter Qualität. Allerdings steht unter den großen Bildern an jedem Kapitelanfang kein Bildtext – ein Versäumnis, selbst wenn sie im Anhang erklärt werden.

Erst am Buchende erscheinen en bloc mehr als ein Dutzend kleine historische SW-Landkarten, keine größer als eine halbe Seite. Diese Landkarten (ohne eigene Quellenangabe) müssten größer und in den passenden Buchabschnitten erscheinen (teils zwingen unglückliche Ausschnitte oder Platzierung den Maßstab in die Knie). Der Autor weist im Lauftext gelegentlich auf die passende Kartennummer hin, ohne Angabe der Seitenzahl.

Größe und Grafik der Landkarten erinnern an den dtv-Atlas Weltgeschichte, der auch zu klein wiedergibt. Insgesamt zeigt der Vergleich mit meinem 2005er-dtv-Geschichtsatlas Bd. 2 keine 1:1-Übernahme, aber ähnliche Anmutung. Zumindest beim Russlandfeldzug sind Willms‘ Karten deutlich genauer.

Allerdings: Der dtv-Geschichtsatlas ist farbig, während die Karten in der TB-Ausgabe des Willms-Napoleons schwarzweiß daherkommen – das erlaubt weniger Differenzierung, und die SW-Karten bei Willms wirken diffus und unübersichtlich. Nach meinem Eindruck wurden hier ursprüngliche Farbkarten einfach SW gedruckt, ohne kompetente Anpassung an ein schwarzweißes Ambiente; so erscheinen die Karten weit kontrastärmer als möglich, manche Elemente sind kaum erkennbar.

Schade: Viele historische Biografien kranken daran, dass ordentliche Karten fehlen. Hier nun gibt es reichlich Karten, aber sie sind zu klein, falsch platziert, im Lauftext zu selten referenziert und wegen fehlender Farbe und undifferenzierter Graustufenumsetzung zu unübersichtlich. Ich frage mich, ob der *gebundene* große Willms-Napoleon die Karten besser zeigt.

Der lange Weg zu den Endnoten:

Nach beliebter Biografenunsitte lagert Willms immer wieder lange inhaltliche Anmerkungen in die zahllosen Endnoten aus. Wer wissen will, ob eine hochgestellte Ziffer im Lauftext zu einer reinen Quellenangabe oder zu einer interessanten inhaltlichen Vertiefung führt, muss 500 Seiten nach hinten blättern – und wieder zurück. Und weil die für jedes Kapitel neu nummerierten Endnoten nicht durch lebende Kolumnentitel überschrieben sind, dauert die Suche noch länger als nötig.

(Dieses ohnehin lästige Blättern nach hinten fällt noch schwerer, wenn man den Willms-Schinken gerade mühsam in einer Lesestütze stabilisiert hat, um alle drei Hände gemütlich freizuhaben für z.B. 1) Ciabatta-Bergkäse-Remmel, 2) Glaso Tinto, 3) Handy.) Weil auch die Landkarten nicht passend im Text stehen, sondern einen separaten Block belegen, muss man die Landkarten auch eigens ansteuern; man braucht für dieses Buch also drei Lesezeichen – für Haupttext, Karten, Endnoten.

Willms schreibt über Napoleons Josephine (S. 191),

dass sie das „Tier war, das anders roch“, das sich mit List und Verführung eingeschlichen und ((…))

Für dieses kurze Zitat gibt es gar keine Quellenangabe.

Vergleich der Napoleografien von Johannes Willms (2005, 848 Seiten) und Günter Müchler (2019, 624 Seiten):

Im direkten Vergleich klingt Willms (ein-)gebildet-elitär, Müchler lebhaft-eingängig bis umgangssprachlich. Müchler schreibt weit kürzere Sätze und Kapitel als Willms. Müchler klärt Wunderliches und Fremdsprachliches besser (nur er erklärt z.B. Monatsnamen wie Fructidor oder Brumaire) und bringt Dinge kompakt auf den Punkt.

Nur Willms bringt ein langes Extrakapitel über Napoleons „Kriegskunst“ samt Grafik und Karten mit Truppenbewegungen (Müchler schreibt mehrere Seiten allgemein über „Kriegskunst“ direkt unter der Überschrift „Der Erfinder der politischen PR“ ab Seite 116, aber weit weniger ausführlich). Nur Müchler hat ein Extrakapitel über Napoleons Lesen und Schreiben (kurz).

Willms beleuchtet die korsische Innenpolitik der frühen Napoleonjahre weit ausführlicher und bringt mehr lange, zeitgenössische Zitate – aus Memoiren oder Briefen. Müchler zitiert eher und knapper Urteile heutiger etablierter Historiker (u.a. mehrfach Gueniffey, Roberts, Golo Mann, aber nicht Willms). In Historikerurteile kleidet Müchler scheinbar auch seine Meinung über Napoleon – weitaus milder als Willms.

Müchler bespricht deutsche Themen weit ausführlicher und sagt mehr über den Code civil/Code Napoléon (ich hätte mir bei beiden Autoren mehr dazu und zu den Auswirkungen bis heute gewünscht). Müchler erwähnt eher als Willms die Jahrzehnte und Jahrhunderte nach Napoleon. Im Russlandfeldzug 1812 wird Napoleon laut Willms bewusst in die Tiefe des Raumes gelockt, bei Müchler nicht.

Beide Bände zeigen ein paar historische SW-Abbildungen. Willms hat viele zu kleine SW-Landkarten, Müchler zu wenig, wenn auch große (zwei, SW). Jeweils kein Stammbaum, keine Zeittafel, keine Jahreszahlen als Kolumnentitel.

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