K.u.k.-Roman: Wandlungen einer Ehe, von Sándor Márai (1941) – 4 Sterne

Plüschiges Kostüm-Melodram, langatmig und larmoyant

Die Konstruktion hat was:

Es geht um die zwei gescheiterten Ehen eines Mannes. Im ersten Buch-Teil erzählt die erste Ehefrau von der ersten Ehe und ihrem Scheitern. Im zweiten Teil berichtet – Jahre später – der Mann vor allem von der zweiten Ehe und deren Ende. In Teil 3 kommt die zweite Ehefrau zu Wort; sie erzählt aber – wieder Jahre später – nicht nur von der zweiten Ehe, sondern auch von der Jugend des Mannes; sie kannte ihn schon, bevor Gemahlin 1 in sein Leben trat.

Die Erzählungen überschneiden sich dabei nur in einigen Details. Überwiegend liefern die Sprecher 2 und 3 völlig neue Informationen. Das Buch erschien im ungarischen Original offenbar 1941, die erste deutsche Übersetzung 1949.

Trotz Vorbehalten – es funktioniert diesmal:

Normalerweise mag ich keine Zeitsprünge und wechselnden Handlungsebenen. Hier aber bleibt das Geschehen jederzeit überschaubar und fügt sich überzeugend zusammen.

Und mag ich es auch nicht, wenn sich ein männlicher Autor eine weibliche Erzählstimme aneignet. Hier funktioniert es aber bei beiden weiblichen Hauptpersonen ganz leidlich.

Der Ton klingt freilich immer etwas überhöht und nicht ganz realistisch – der plüschigen, steifen, melancholisch leidenden Gesamtatmosphäre vielleicht angemessen. Die Übersetzung bleibt unauffällig plausibel – und passend zum gediegenen k.u.k. Ambiente natürlich in alter Rechtschreibung mit „muß“ und „daß“.

Hier wurde es anstrengend:

Der männliche Erzähler im zweiten Teil strapaziert über alle Maße mit abgehangenen Weisheiten und Regeln. Jedem kleinen Faktensatz schickt er rechtfertigend drei verallgemeinernde Sätze hinterher – immer und immer durchschaut er alles und alles ganz und gar grundsätzlich, bestätigt das (knappe, aber wesentliche) Geschehen nur seine allumfassende Lebenskenntnis.

Zusätzlich sondert er witzlose Hypothesen und flache Betrachtungen zu Kunst und Frauen ab. Oft passiert seitenlang nichts, der Erzähler produziert nur seine angesäuerten Ansichten. Über knapp 150 Seiten gestreckt, quält dieser Teil enorm.

Und es ging noch weiter:

Wenn’s ich mir überlege, ist auch der dritte Teil – die zweite Frau erzählt jetzt – ähnlich aufgeblasen. Die Dame räsonniert seitenlang über Standesunterschiede und walzt ihren allgemeinen Bericht über Buda und Pest bei Kriegsende sehr weit über das Erforderliche hin aus.

Auch sie verallgemeinert und kann kein Ereignis einfach so stehenlassen: „Ich habe ihr ein bißchen nachgeforscht, wie eine Frau das tut, wenn sie über einen Mann mit einer anderen Frau verbunden ist.“ Zudem führt sie den Künstler- und Schriftstellermythos, den Marái allen drei Stimmen so penetrant eingibt, fort: „Dieser Mensch war kein Arzt, aber er wußte zu helfen. Wenn die Dinge schiefgehen, können offenbar nur die Künstler helfen. Vielleicht ausschließlich die Künstler…“

Naja, das Fazit:

Fast hätte ich das Buch an dieser Stelle hingeschmissen, doch in all dem ermüdenden, oft larmoyanten Redestrom von Teil 3 laufen recht interessant die erzählerischen Fäden der ersten 400 Seiten zusammen. Für dieses Handlungsgerüst, das mich trotz aller Langatmigkeit bis zur letzten Seite 461 durchhalten ließ, gebe ich 4 Sternchen.

Eine ähnliche Atmosphäre – dabei knapper, ländlicher, entschlackt – liefert Márai im deutlich angenehmeren Das Vermächtnis der Eszter. Wer Kostümdramen aus speziell deutscher oder preußischer Vergangenheit sucht, könnte neben Thomas Mann auch Eduard von Keyserling anlesen.

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