Hollywood-Roman: Und was wird aus mir, von Doris Dörrie (2007) – 1 Stern

Die ersten 120 Seiten schmerzten besonders:

  • Da gibt es in der Jetztzeit des Romans zwei parallele Handlungen, und jeder Erzählstrang liefert auch noch eine Rückblende nach der anderen. Nach 30 oder 40 Seiten konnte ich mich auf keine Situation mehr einlassen, denn der nächste drastische Szenenwechsel war ja spätestens nach dem Umblättern zu erwarten.
  • Zudem schildert Dörrie in erster Linie greinende Endvierziger, die jämmerlich der Jugend, der Liebe und dem Erfolg hinterhertrauern; dazu die selbstsüchtige Teenagerin Allegra. Was für ein Bestiarium.
  • Das Ganze erzählt in einer gleichgültigen, nachlässigen Sprache, die nie befriedigt, erfreut oder charmiert, gelegentlich aber falsch ist. Kostprobe von Seite 152 inklusive vermeidbarer Wiederholung (Zitat):

„Marko ist das widerlichste, zynischste, verkommenste Arschloch unter der Sonne, heult Rainer in Johannas Armen. (…) Rainer stinkt nach Wodka, seine nackte Brust klebt unangenehm an Johannas Armen, aber er lässt sich nicht abschütteln.“

Diese Typen, diese Sprache: Ja, das klebt unangenehm. Später im Roman weidet sich Dörrie dann regelrecht an Gossensprache. Danke.

Nach 120 Seiten – immerhin – tut sich was:

Nach 120 Seiten entwickelt sich eine Art Handlung, die Geschichte bekommt Richtung. Dörrie schildert freilich weiterhin Parallelhandlungen samt Rückblenden, die jedes Hineinvertiefen in eine Situation böswillig verhindern und um immer wieder dieselben Momente kreisen. Die Loser greinen weiter, ich mit.

Zu diesen unsympathischen Jammerlappen kommt nun noch ein widerlicher Brutaldynamiker, der sich zudem mit einer toten Japanerin (sic) berät, die von der dicken Deutschen Heidi (sic) mit einem Bluetooth-Telefon gechannelt (sic) wird; manchmal sieht sich diese tote Japanerin aber auch allein seitenlang Opernaufführungen in der High School an (sic) (Rigoletto), und sie greift auch massiv in die Handlung ein.

Das erinnert unerfreulich an die esoterischen Szenen aus Dörries Hanami-Film. Die Kombination von japanischem Selbstmordbalkon und südkalifornischen Städten erinnerte mich auch an den Film Babel.

Das Ende ist einigermaßen filmisch fulminant, die Ereignisse überschlagen sich in parallel laufenden und dann aufeinander treffenden Strängen, mit überraschenden Wendungen und Begegnungen. Nicht realistisch, aber amüsant komödiantisch konstruiert. Dörrie jedoch trägt weiter sauertöpfisch ernst vor, einschließlich der toten Japanerin, ach was soll’s, Hauptsache es geht bald vorbei.

Gibt’s Hollywood-Einblicke? Nein:

Von der einstigen Hollywood-Bewohnerin Dörrie hatte ich mir auch Einblicke ins Filmgeschäft erhofft. Nichts davon. Die Hollywood-Szenen im Buch wirken wie an einem bayerischen Küchentisch erfunden, manch wichtige Wendung erscheint an den Haaren herbeigezogen, nur um den Plot verlängern oder noch mehr private Erlebnisse einflechten zu können.

Einblicke gibt es zwar – aber nur in weibliche Midlife-Depression als Endlos-Schleife: Der hängende Körper, der böse Vater früher, die bösen Männer früher, der sterbende Vater heute, die bösen Männer heute, die bösen schöneren Frauen heute, der traumatische Ladendiebstahl, die traumatische Panne beim Opernjob (Rigoletto), die überdynamischen Amis, ein Elend. Ja, wirklich.

Alle Dörrie-Bücher für Erwachsene und die Mehrzahl ihrer Filme vor Und was wird aus mir haben mir gut gefallen. Ein paar Hollywood-Einblicke liefern immerhin Kurzgeschichten im Dörrie-Band Was wollen Sie von mir.

Wenn es mir nicht grundsätzlich so schwer fallen würde, ich hätte dieses Buch Und was wird aus mir schon nach kurzer Zeit ganz weggelegt. Aber ich hab’s zu Ende gelesen, allerdings die rein esoterischen Seiten und die Opernführer-Seiten etwas flüchtiger betrachtet. Immerhin muss ich jetzt nicht mehr darüber nachdenken, ob ich Dörries Alles inklusive probieren soll.

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