Buchkritik: Gebrauchsanweisung für Andalusien, von Paul Ingendaay (2014, 7 Sterne) bzw. Nikolaus Nützel (2000, 5 Sterne)

Paul Ingendaay plaudert recht locker und informativ dahin; er schwenkt in unvermutete Richtungen und jubelt aus der Hinterhand allerlei Lehrreiches unter, mit persönlichen Reiseerlebenissen angereichert, ungeniert subjektiv, aber sehr lesbar. Bis auf diesen Punkt – Ingendaay klingt öfter mal arrogant (S. 20): „Es ist anzunehmen, dass die meisten Leser dieses Buches kein Spanisch sprechen“ (¡claro!). Er mahnt uns streng (¿skeptisch?), „weder beim Schnellimbiss noch bei der erstbesten Touristenabfütterung haltzumachen“. Überheblichkeit mischt sich mit Fanboytum (S. 175):

Da ich nicht annehme, dass Sie passionierte Lyrikleserinnen sind, unterstelle ich, dass Ihnen die schriftstellerische Klasse des Mannes ((Lorca)) nicht unmittelbar gegenwärtig ist. Glauben Sie mir: Er ist großartig.

Nach einem Lorca-Zitat befiehlt Ingendaay der philiströsen Leserschaft (S. 90):

Geben Sie zu, dass diese Zeilen außergewöhnlich sind!

Ich gebe zu, dass mir solche Ansprache nicht behagt; dass freilich Birgit Vanderbeke in ihrer Gebrauchsanweisung für Südfrankreich (Ausgabe 2002) noch weniger für sich einnimmt.

Doch wenn der mutmaßliche Leser schon kein Spanisch spricht: Warum empfiehlt uns Ingendaay dann, statt teurer Tropfen von der Karte einfach „den Hauswein“ (S. 52) zu bestellen – ohne die erforderliche Vokabel mitzuliefern? Die spanischen Wörter für Absacker, Tresterschnaps und Strandbude rückt er ja schließlich auch raus.

Aber nicht nur beim Leser sieht Paul Ingendaay Defizite. Auch der fesche Jungandalusier auf der Straße erntet Stirnrunzeln: Ingendaay möchte „nicht darauf wetten…, dass jeder dieser jungen Leute in seinem Leben schon einmal ein Buch gelesen hat – ((aber)) ihre Ausgehmontur gefällt mir noch immer“ (S. 26). In den Stierkampfarenen sieht Ingendaay „lärmend-ignorantes Publikum“ (S. 141) und von Marbellas glamouröser Korruptokratie heißt es, S. 135: „Wo sich die Sphäre des Verbrechens mit der Welt der populären Kultur, der Talkshows und Klatschmagazine trifft, kann man das Herz Andalusiens laut schlagen hören.“ Und: „Ohne Radau läuft in Andalusien nichts“ (S. 173). Im Gespräch mit dem Andalusier empfiehlt Ingendaay dem Publikum aus Alemania denn auch (S. 19):

„Beweisen Sie Mut zur flachen Meinung und systematischer Unterkomplexität!“

Tatsächlich erstreckt sich Ingendaays Kritik noch viel weiter, so kommentiert der bekennende Nichtkirchgänger das Gebaren der katholischen Kirche Spaniens seit der Reconquista: „Indoktrination… Gleichmacherei… Gedankenpolizei“(S. 39), „gemacht für Rentner, die der modernen Welt misstrauen“ (S. 103).  Mehr Respekt nötigen ihm Flamencokünstler und Köche ab.

Egal: Die Berichte über Flamenco, Wandern, Semana Santa, Picasso und Velazquez und Gastronomie sind keinesfalls umfassend, eher persönlich, teils offenbar Nebenprodukt von Recherchejobs; aber immer unterhaltsam und auch informativ, meist ohne viel heiße Luft, der Abschnitt über Superreiche kredenzt indes Boulevard (Spanien-Reisemagazin.de hält das ganze Buch für eine überflüssige Klischeesammlung).

Sogar ein kurzes Kapitel über die häusliche Gewalt baut Ingendaay ein. Hier erwähnt er Statistiken, Presse und einen Dokumentarfilm. Dagegen begegnet er im Stierkampfteil persönlich Stierchirurgen, Torerochirurgen, Züchtern, berichtet von eigenen Stierkampfbesuchen, zitiert aber natürlich auch uralte Quellen und Hemingway – eins der stärksten Kapitel. Über einzelne Städte oder Regionen schreibt Ingendaay nur schlaglichtartig, so ein paar Seiten über Sevilla, über das Picasso-Museum von Malaga und Wandergebiete. Über Sherry oder Wein redet er nicht länger, auch nicht über Bauern oder Regionalpolitik.

Die Gebrauchsanweisung für Andalusien von Nikolaus Nützel (2000):

Aus komparatistischer Neugier habe ich noch die 2000er-Ausgabe der „Gebrauchsanweisung für Andalusien“ von Nikolaus Nützel gelesen. Keins der Bücher hat Stichwortverzeichnis oder Fotos. Nur Ingendaays hat eine kleine Landkarte. Beide Autoren haben offenbar nie dauerhaft in Andalusien gelebt, sondern in Madrid oder Deutschland.

Nützel klingt weniger feingeistig und wortreicher; Ingendaay ist dagegen der feuilletonistische Kommentator, dabei normalerweise nicht blasiert, trotz o.g. Bedenken. Nützel bringt etwas mehr Tagespolitik; nur er erwähnt Gibraltar, Ceuta, Melilla, weiße und nordafrikanische Zuwanderer, Tote im Mittelmehr. Und er produziert mehr überflüssige Sätze in zudem flacherem Deutsch – z.B. Reihen von Andalusienklischees, die er schon vorab für obsolet erklärt, seine ausgedehnte Verwirrung über widersprüchliche Autobahnbezeichnungen, das schwierige Autofahren in historischen Ortskernen, die Kosten eines internationalen Handytelefonats oder den Unsinn einer Wahrsagerin. Nur Nützel schreibt eigene Kapitel über Wetter, Alltagsreligiosität und die Stierfiguren am Straßenrand; nur der Kulturmensch und Belletrist Ingendaay schreibt eigene Kapitel über Lorca und Picasso/Velazquez.

Laut Nützel singt Chris de Burgh fälschlich vom Spanish Train „between Guadalquivir and old Seville“, während der Fluss doch „geradewegs durch das alte Sevilla strömt“ (S. 10). Das kann man auch anders sehen.

Nützel behandelt mehr Reisepraktisches wie Hotelkategorien und kommt damit einer „Gebrauchsanweisung“ näher als Ingendaay. Dessen Buch hat aber weit mehr Esprit, und ich fragte mich, warum die Gebrauchsanweisung für Andalusien irgendwann den Autor wechselte – wollte Nützel nicht mehr oder wollte der Verlag Nützel nicht mehr?

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