Buchkritik: Der alte Herr und das schöne Mädchen, von Italo Svevo (1929) – 7 Sterne

Einsamer alter Herr verguckt sich in armes junges Ding, gibt ihr Geld und gutes Essen, sie gibt sich. Doch der Triestiner Zuckerdaddy kann seine zweite Jugend nicht freudig genießen: Denn nicht nur blickt die Haushälterin sehr sauertöpfisch auf das tugendlose Treiben; auch muss der alte Herr unentwegt über sein kurioses Verhältnis theoretisieren und schreiben – das Alter sei keine Krankheit, sondern lediglich die Fortsetzung der Jugend usw. usf.; zudem will/muss der Alte seine Süße vor der bösen Männerwelt schützen; Eifersucht frisst Seele auf.

Italo Svevo (1861 – 1928) schreibt mit dick aufgestrichener, dabei verständnisvoll freundlicher Ironie und verblüffenden Gedanken über Geschlechter und Generationen. Er macht weit mehr aus dem abgedroschenen Thema, als man befürchten könnte, und formuliert ebenso angenehm diskret wie unmissverständlich. FAZ und Zeit priesen die Geschichte. Eine ähnliche Konstellation schildert Svevo in anderer Tonlage auch in Zenos Gewissen, einem weiteren Spätwerk wie auch – wiederum mit eigenen Noten – in der kleinen Zeno-Fortsetzung Mein Müßiggang aus dem gleichnamigen Kurzgeschichtenbändchen sowie als Variation auch in Ein Mann wird älter/Senilità.

Vom Alten Herrn hatte ich die hübsch, vielleicht zu hübsch gemachte 1998er-Ausgabe des Wagenbach-Verlags, eingedeutscht von Barbara Kleiner; sie übersetzte um die Jahrtausendwende auch andere Svevo-Geschichten neu und bewusst textnah; anders als bei Zenos Gewissen klang Der alte Herr und das schöne Mädchen durchweg stimmig.

Die Geschichte selbst belegt nur rund 80 locker bedruckte, schnell gelesene Seiten. Darum folgen in der Wagenbach-Ausgabe noch ein „Autobiografischer Abriss“ (rund 15 Seiten, denkbar unpersönlich in der dritten Person, intensiv zitiert von den Svevo-Biografen Bondy/Gschwend), „Lebensdaten“, „Editorische Notiz“ und „der stimmungsvolle Phototeil des berühmten Fotografen Arturo Giacomelli“ (so der Vorspann zu 16 teils kleinen, teils unscharfen historischen SW-Bildern auf 16 Seiten – nur allgemeines Triest, keine Svevo-Bilder; die SW-Fotos in der Bondy/Gschwend-Monographie geben mehr her). Viel Begleitprogramm für eine einzige kurze Geschichte. Verdient sie diesen Aufwand?

„Die Geschichte vom guten alten Herrn und dem schönen Mädchen“ wurde 1985 für die ARD verfilmt, Regie und Skript Margit Saad, mit Peter Pasetti, Leslie Malton und Klaus Schwarzkopf.

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