Rezension 3 Malaysia-Romane: The Long Day Wanes, von Anthony Burgess (1956 – 1959) – 7 Sterne

Zahlreiche Exzentriker aller Hautfarben bevölkern den 510-Seiten-Schmöker, der sich aus drei einst einzeln erschienen Romanen zusammensetzt (Time for a Tiger, 1956, The Enemy in the Blanket, 1958 und Beds in the East (1959). Nur Hauptfigur Victor Crabbe, englischer Pädagoge in Malaysia (damals noch  Malaya) kurz vor der Unabhängigkeit Ende der 50er Jahre, begegnet in allen Buchteilen.

Exzentriker aller Hautfarben:

Zwischenzeitlich erzählt Burgess auch aus der Perspektive von Sikhs, Tamilen, Malaien, Chinesen, US-Amerikanern und versoffenen britischen Soldaten. Es gibt viele leicht absurde Situationen und Dialoge, auch wenn ich selten richtig gelacht habe.

Mitunter packt Burgess scheinbar zuviel private Erlebnisse ins Buch, die nicht immer glatt in die Handlung passen. Ein paar Dialoge und Szenen wirken konstruiert, illustrieren allzu direkt bestimmte Denkweisen und ethnische Konstellationen. Offenbar wollte sich Burgess mit diesem Buch als führender Malay(si)a-Autor etablieren, doch ich hatte nie das Gefühl, den ultimativen Malay(si)a-Roman zu lesen – es klingt eher wie verklausiert Selbsterlebtes eines begabten Satirikers, Ethnien- und Vokabelsammlers.

Ich weiß nicht, ob das ultimative literarische Malaysia-Werk existiert (ich sehe es nicht). Die Malaysia-Kurzgeschichten von W. Somerset Maugham klingen ganz anders als dieses Burgess-Buch, viel stärker aus weißer Perspektive, wohlkomponiert und meist auf entlegenen Dschungelposten am Fluss angesiedelt (entstanden freilich auch früher).

Dagegen spielt Burgess‘ Handlung zumeist in der Stadt und der einzige kurze Plantagen-Besuch hebt sich deutlich von typischer Maugham-Ware ab. Shahnon Ahmads Roman Srengenge behandelt nur ein einziges, in jeder Hinsicht beschränktes Dorf. Meine Lieblings- in dieser Region angesiedelten Werke bleiben The Consul’s File und Saint Jack von Paul Theroux.

Mit Musik, Literatur und fremden Sprachen:

Burgess schreibt viele gebildete Vokabeln, die mir noch nie begegneten, die man sich mit Lateinkenntnissen jedoch oft herleiten kann. Im Buch scheint seine Leidenschaft fürs Komponieren und für Musik durch, für Literatur, aber auch seine Offenheit für, ja Gier nach fremden Sprachen und Kulturen (das dreiseitige Glossar liefert Begriffe in Urdu, Arabisch, Chinesisch und Hindi).

Auch andere Leidenschaften tauchen auf – laut Biograph Andrew Biswell schreibt Burgess in allen frühen Romanen sehr autobiographisch (das gilt auch für Devil of a State (Brunei-Zeit auf Ostafrika übertragen) und Der Mann am Klavier (eng. The Pianoplayers, arme Kindheit in England). Das Schriftbild in meiner Norton-Taschenbuchausgabe ist schlecht, es wirkt wie eine Fotokopie.


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