Fawn M. Brodie interessiert sich in dieser “intimate history” stark für Thomas Jeffersons Persönlichkeit. Sie spekuliert erklärtermaßen immer wieder heftig über Motivation, Gefühle und über die als Tatsache unterstellte Beziehung zur Sklavin Sally Hemings – lange bevor eine DNA-Analyse die Annahme untermauerte. Sie meint, Jefferson verkörperte
the psychosexual dilemma of the whole nation
Sie erwähnt Goethe und Rousseau, die mit ungebildeten Frauen lebten und sie teils heirateten. Bei Jefferson sei noch die interethnische Kluft hinzugekommen.
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Tiefschürfend oder küchenpsychologisch:
Man kann Fawn M. Brodies Herleitungen für tiefschürfend, originell oder küchenpsychologisch halten – freilich zitiert sie ungewöhnlich gefühlvolle Briefe von Jefferson, seiner Tochter Martha und der angebeteten Maria Cosway. Sie schreibt auch ausführlich über Jeffersons Verwandte, Freunde und Weggefährten, unter anderem die schrillen Schaumschläger Burr und Callender, vergisst die Hauptfigur manchmal seitenlang.
Fawn M. Brodie (1915 – 1981) sortiert ihr Material nicht streng chronologisch, sondern teils thematisch. Dabei bleibt sie leicht und angenehm lesbar, doch sie unterstellt dem Leser einiges Bildungsbürgertum: vielsagende lateinische Zeilen lässt die Autorin in ihrem Erfolgsbuch unübersetzt; sie spielt en passant auf antike Göttersagen an und zitiert Französisches nur im Original; den verwickelten Ärger um den aufsässigen Aaron Burr nennt sie „the Burr imbroglio“.
Ich habe nur die Kapitel gelesen, in denen es vor allem um Persönliches ging, vielleicht 65 Prozent des Haupttexts (bei ca. 455 Seiten Haupttext, Leerseiten an Kapitelenden nicht herausgerechnet, plus Anhang). Für historische Erkenntnisse wie die Unabhängigkeitserklärung oder die Leistungen als Präsident nehme ich lieber eine neuere Biografie, die generell weniger spekuliert. Interessant sind die drei Anhänge in Brodies Buch: zwei längere Aufzeichnungen von ehemaligen Jefferson-Sklaven und Jeffersons berühmter Quasi-Liebesbrief „My Head and My Heart“.
Cheerful:
Innerhalb weniger Seiten verwendet Brody mehrfach das Wort „cheerful“:
Betty Hemings’ childbearing, and the cheerful giving of her body
((Jefferson)) took his slave children cheerfully into his own house
He abandoned ((law practise)) cheerfully for politics and revolution
Quer durchs Buch taucht das Wort immer wieder auf, einmal heißt es zur Abwechslung:
joyfully joined the revolutionary intellectuals
Brodie nennt wie andere Biografen eine Figur im selben Satz mal beim Vor-, mal beim Nachnamen, das stört mich, hier über Maria Cosway:
But Cosway resorted to delay and postponement, and when Maria wrote…
Assoziation:
- Brodie war sicherlich eine wertvolle Quelle für den Sally-Hemings-Roman
- weit weniger spekulativ und weniger an Sally Hemings und an Menschlichem interessiert, aber neuer und politischer ist die Jefferson-Biografie von Jon Meacham
- Brodie tendiert womöglich zu lebensfrohen, tatkräftigen Männern mit “vital sexuality“ (Brodie über Jefferson) plus interkulturellen Interessen; so schrieb sie auch eine psychologisierende Biografie über Richard F. Burton
- die englische Wikipedia über Brodies Jefferson-Buch
- der Biograf der Biografin Brodie über Brodies Jefferson-Buch mit vielen Kritikerstimmen aus Kultur und Wissenschaft und ihre Filmpläne bei PBS (englisch)
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