Natürlich redet Michael Jürgs nicht nur über den Tag danach, sondern er rafft ganze Biografien auf meist zehn Seiten zusammen, teils mehrere einschneidende Erlebnisse knapp beisammen (z.B. Entlassung und Schlaganfall bei Manfred Bissinger, ebenso zwei getrennte Ereignisse für den Studenten und später für den Journalisten Ulrich Wickert) und teils gleich mehrere Tage danach (wie bei Rainer Barzel) und teils Lappalien wie bei Siegfried Lenz’ Bücherregalen (dessen dramatische Kriegserlebnisse 20 Jahre zuvor gelten ausdrücklich nicht als Hauptereignis).
Weil Michael Jürgs (1945 – 2019) dabei interessante Einblicke liefert und süffig textet, dürften es gern auch 20 oder 40 Seiten pro Portrait sein. Mitunter schreibt Jürgs auch zu selbstverliebt hübschlerisch, mit gleichbleibenden Soundeffekten (s u.).
Die auffällige, monotone 10-Seiten-Taktung lässt vermuten, die Texte erschienen zuerst in einer Zeitschrift mit genauer Längenvorgabe – einen Hinweis dazu fand ich nicht im Buch.
Bei Lothar de Maizière und Erich Loest verzichtet Jürgs auf seine markanten Wortspiele, Erich Loest bekommt sogar einen längeren Text als normal – womöglich aus einer anderen Jürgsschen Schaffensperiode.
Frauen und Männer:
Autor Michael Jürgs redet auch nicht nur über die vermeintliche Hauptfigur, sondern z.B. bei der Augstein-Witwe gutteils über Rudolf Augstein selbst – treuherzig versichernd,
dieser Text ist aber kein Versuch sich über seine Witwe posthum dem unheilbaren Denker zu nähern. Das haben bereits zu viele versucht
(und jetzt auch Michael Jürgs).
Man hätte gern gewusst, was Anna Maria Augstein an ihrem 25 Jahre älteren Mann fand, der nach ihren Worten beim Abendessen ”Gemeinheiten” nicht nur gegen sich selbst austeilte; dazu schweigt Jürgs.
Auch bei mehreren weiteren Frauen geht es gutteils um den plötzlich kranken und schon lange untreuen Mann: der „Tag danach” ist der Tag nach einer niederschmetternden Diagnose des Partners oder nach dessen Tod mit Aufdeckung aller Finanz- und Frauenverstrickungen – mehrfach samt Aufeinandertreffen Witwe-Geliebte am Grab. Auch der Sohn Hanns-Eberhard Schleyer gehört in diese Kategorie.
Sprache:
Michael Jürgs produziert eine schöne Formulierung nach der anderen, manchmal stolzgeschwellt, etwa über die Augstein-Witwe:
Noch einmal trat Anna Maria Hürtgen, verwitwete Augstein, auf als Frau des Verlegers und nahm als amtierende Witwe das Beileid der Großen entgegen. Danach kappte sie alle Leitungen zum “Spiegel” und zog sich in sich zurück.
Gelegentlich rutscht Jürgs aus:
Die Society, deren Sein vom Schein geprägt ist, nahm ihn sich zur silikongeschwollenen Brust.
So viel allerdings steht fest: Ihr Part in dieser Geschichte war auf jeden Fall kein reiner Zufall.
Wortjonglage:
Wiederholt textet Michael Jürgs dergestalt raffiniert, aber überdeutlich, etwas Zurücknahme wäre feiner. Dabei jongliert er auf Dauer vorhersehbar mit Wiederholungen und Sinnspielen:
Das war manchmal bitter, manchmal nötig, manchmal bitter nötig.
Aber er war wohl doch die Liebe ihres Lebens, und jetzt, da ihn das Leben verließ, konnte sie mit dieser Liebe wieder leben.
Von wegen Mensch als Mittelpunkt. In Wirklichkeit der Mensch als Mittel. Punkt.
Er hatte stets Wichtiges zu tun, statt nur wichtig zu tun
Über den früh vaterlosen Björn Engholm:
Der einzige Mann im Haus ging aus dem Haus, und vom Lohn gab er zu Hause ab… Fürs tägliche Brot war durch den Brotberuf gesorgt… Er vertrat nicht mehr den Vater im Haus, sondern das Volk im Hohen Haus.
Über die Witwe eines Selbstmörders produziert Jürgs zu viele vorhersehbare Sentenzen wie den
Anruf, der ihr Leben veränderte, weil er sich seines genommen hatte
Michael Jürgs lobt mehrfach die Sprachgewalt des Predigers Joachim Gauck.
Assoziation:
- einige HansBlog-Protagonisten erscheinen in Nebenrollen, so Willy Brandt, Helmut Kohl, Axel Springer und Johannes Willms
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