Romankritik: Ein Mann wird älter / Senilità, von Italo Svevo (1898) – 4 Sterne – mit 2 Videos


Jahrhundertwende in Triest: Junger Herr von etwas Stand lacht sich unterfinanziertes Betthupferl als friend with benefit an. Doch die Signorina ist nicht ohne Vergangenheit, ihre Tugend nicht ohne Tadel, es kommt zu Komplikationen.

Der Erzähler klingt in diesem Roman teils altklug, besserwissend und stützt sich mehr auf allgemeine Erklärungen, weniger auf Dialoge und konkrete Handlung. Manchmal agieren Svevos Darsteller scheinbar ein gedankliches Experiment durch – wie funktioniert eine Beziehung, wenn der Mann Emotionen unbedingt vermeiden will, dann aber Gefühle entstehen -, der Autor schiebt seine Figuren mit Kalkül über einen Wegplan der Gefühle. Graue Tugendhafte und schillernd Tugendlose, Egozentriker und Empathen konterkariert Italo Svevo (1861 – 1928) dabei aufdringlich.

Die meisten Hauptakteure sind unverheiratet und hormonell-pubertär. Immer kreiseln die Akteure in einem Zirkel von vier, fünf Personen um sich selbst, beobachten sich unentwegt fiebrig; Arbeit, Familie, Alltag etc. spielen keine Rolle (einer will sich „sich selbst, der eigenen Leidenschaft widmen“, S. 152, ihn plagt „grausamer Schmerz… aus verletzter Eigenliebe und bitterster Eifersucht“, S. 241). Dabei bringt Italo Svevo viele nacherzählte Gedankengänge, auch Spekulation, und wenig Dialog. Insgesamt nicht so saftig; blutarme Kopfgeburten. Ein langer Abschnitt handelt nur von weinerlichem Fieberdelirium, kein Push fürs Lesergemüt. James Joyce soll das gelobt haben; hohes Lob kam auch von der FAZ und von Svevo- und Italien-Kennerin Maike Albath.

Nach dem kaum beachteten Ein Leben war Senilità (1898) Svevos zweiter Roman, den die Kritik abermals ignorierte – verständlich. Italo Svevo veröffentlichte daraufhin jahrzehntelang nichts Großes. Doch sein deutlich späterer Roman Zenos Gewissen (1923) klingt dann viel runder und lebenssatter als Senilità, ebenso späte Svevo-Erzählungen wie Mein Müßiggang oder Der alte Herr und das schöne Mädchen.

Die Senilità-Figur Angiolina setzen die Svevo-Biografen Bondy und Geschwend gleich mit Italo Svevos erster Liebesbeziehung zu Guiseppina Zergol (1). Die männliche Hauptfigur und ihr Freund haben viele Züge von Autor Italo Svevo und dessen Freund in Triest. Der Roman wurde 1962 mit Claudia Cardinale verfilmt, dt. Titel Hörig, engl. Titel Careless (Video unten).

Freie Assoziationen:

  • Hochmögender Herr begehrt&belehrt verfügbares junges Ding, das semi-prekär bei Muttern domiziliert, in punkto Moral – das gibt es häufiger bei Italo Svevo, u.a.a. in Der alte Mann und das Mädchen, in Zenos Gewissen und in dessen Fortsetzung, Mein Müßiggang.
  • Betont mausgraue Nebenfigur: Svevo schildert wieder und wieder die unscheinbare, öde Amalia und „ihr übliches Kleid, das grau war wie ihre Gestalt und ihr Schicksal“ (S. 216), „traurig und erschöpft mit ihren grauen Augen“ (S. 366); eine vergleichbar aufdringlich graue Frau schildert aufdringlich auch Peter Stamm in Sieben Jahre
  • Werner Schandors Roman Thomas Feigl will die Kunst des Liebens lernen: beide Romane setzen amouröse Gedankenspiele in unrealistische Romanhandlung um, die Autoren sonnen sich teils altklug in clever gewollten Sätzen und Figurenmanövern

Zur Diogenes-Ausgabe:

Ich hatte das 2017er-Diogenes-Taschenbuch mit Barbara Kleiners Neuübersetzung, die zuerst 2002 im  Manesse-Verlag herauskam; es heißt auf Deutsch wie auf Italienisch Senilità; eine frühere Übersetzung hieß Ein Mann wird älter. Kleiners Übertragung klingt nüchtern und in einzelnen Momenten – wie schon bei Kleiners Eindeutschung des Zeno-Cosini-Romans – wunderlich bis schwer verständlich. Zumindest beim Zeno-Roman wollte Kleiner betont textnah und nicht gewollt elegant übertragen. So wirkt ihr Deutsch auch in Senilità. (Maike Albath liefert interessante Vergleiche zwischen dem italienischen Original, der älteren Übersetzung von Piero Rismondi und Barbara Kleiners Neu-Eindeutschung; sie moniert auch einige Kleinersche Entscheidungen.)

Das etwa 20seitige Nachwort von Ute Stempel befasst sich geisteswissenschaftlich mit Italo Svevo allgemein, aber nur knapp mit dem Roman Senilità.

(1) Italo Svevo, von Francois Bondy, Ragni Maria Gschwend (rororo-Monographie 1995), S.56

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