Rezension deutsche Erzählung: Schweigeminute, von Siegfried Lenz (2008) – 7 Sterne – mit Kritikerstimmen

Siegfried Lenz erzählt hauchzart eine Sommerliebe an der Ostsee, nur ein Sommer, zwischen Schüler und junger Lehrerin, vor einigen Jahrzehnten schon. Das Ende erfährt man gleich zu Beginn und Siegfried Lenz wechselt immer wieder die Zeitebene.

Lenz, bei der Niederschrift über 80, erzählt in seiner ersten Liebesgeschichte betont behutsam, achtsam, rücksichtsvoll. Mitunter wirkt er dabei leicht kapriziös betulich, zelebriert dezidiert den Feinsinnigen an der Grenze zum Reaktionären. „Dass“ schreibt er „daß“, Dativ-e jedoch nicht.

Präzise Worte:

Man riecht die Seeluft, hört Möven und Wellen, ahnt die Gefühle. Ich dachte auch an andere Ostseeromane wie Eduard von Keyserlings Wellen oder einige Jünglinge von Günter Grass am Wasser sowie an die untergegangenen Welten Walter Kempowskis.

Auf diesen sehr luftig bedruckten 120 Seiten (dtv-Ausgabe) kommt jedes Wort fast einzeln daher, steht isoliert zur Begutachtung, in dieser eigentlich gleichmütig dahinfließenden Erzählung. Und fast kein falsches Wort erklingt in der Erfolgsnovelle, nur die Metapher „Grammatik des Abschieds“ schien mir zu pompös.

„Man kann alles fühlen, sehen, hören und riechen…“ – die Kritiker:

Marcel Reich-Ranicki in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung:

Sinnliche Prosa ist es: Man kann alles fühlen, sehen, hören und riechen. Es wird geschwommen, gerudert und gesegelt und natürlich geangelt, es gibt Schlauchboote, Lastkähne und Ausflugsdampfer. Aus den sich rasch ablösenden Bildern entstehen wie von selbst Genrebilder. Man sieht es gleich: Lenz weiß da bestens Bescheid… Respekt, Diskretion, Dezenz, Takt: das sind die Vokabeln, die sich mir zunächst aufdrängen… sie sind zart zueinander, so zart, wie der Autor dieser Liebesgeschichte zu seinen Geschöpfen ist. Wir haben meinem Freund Siegfried Lenz für ein poetisches Buch zu danken. Vielleicht ist es sein schönstes.

Noch einmal die FAZ:

Meisterhaft ist sie ((die Erzählung)) in einem ganz handwerklichen Sinne. Und ebendeshalb erreicht sie so sicher jenen Punkt, an dem die stupende Präzision der pièce bien faite umschlagen kann in die Magie des Geschichtenerzählens. Altmodisch? Modern? Die alten Streitvokabeln der Lenz-Liebhaber und -Kritiker verblassen vor dieser souveränen Lakonie.

Der Spiegel:

Noch bevor das Buch auf dem Markt war, lief schon die zweite Auflage durch die Druckmaschinen… ruhig und souverän erzählt: ein Alterswerk, das trotz seines unaufgeregten Tons einen starken Sog erzeugt – selbst wenn manche Frage offenbleibt, vieles nur angedeutet wird.

Poetenladen.de:

Ganz konzentriert und doch voller genauer Details… Das ist so stimmig wie bewegend, so kenntnisreich wie mitfühlend, so überzeugend wie auf jene Kleinigkeiten versessen, aus denen Meisterwerke sich unterm Strich zusammensetzen. Regelmäßig wie die Wellen der See ans Ufer laufen die Sätze der Novelle einer nach dem anderen an… Die berüchtigten Feuchtgebiete übrigens werden souverän links liegen gelassen… das wunderbare Gefühl, wenn Lenz uns einfach mit- und gefangennimmt durch sein zeitlos schönes Erzählen. Ruhig – wie eines der Boote, die in seinem Werk so oft begegnen – trägt einen der glitzernde Spiegel dieses Prosameers, ohne ganz die darunter lauernden Abgründe verbergen zu können.

Süddeutsche Zeitung (via Bücher.de):

Den Gymnasiasten Christian hat er zum Sohn eines Steinfischers gemacht. Und das nicht nur, um das Geschehen in jener Epoche zu lokalisieren, als im Zuge des zunehmenden Tourismus viele kleine Häfe, Molen und Wellenbrecher gebaut wurden. Sondern zugleich und vor allem, um sein Liebespaar ganz in die Sprache der Küste und des Küstenhandwerks einhüllen zu können.

Tagesspiegel:

Ein leichtes und doch ernstes Stück… Vielleicht sind es eher außerliterarische Gründe, die so vehement für dieses kleine, zarte Buch sprechen – Dezenz, Taktgefühl, Einfühlungsvermögen, Atmosphäre, Menschenkenntnis. Aber all das muss man erst einmal beherrschen. Die erzählerische Konstruktion von „Schweigeminute“ hingegen ist recht simpel, geht aber letztendlich auf

Literaturkritik.de:

Keuschheit schön und gut, doch wo ist die Leidenschaft aus der aufkeimenden Beziehung? Etwas unglaubwürdig ist diese Liebesgeschichte deswegen schon. Zwar neigt der Leser dazu, in der Unterkühltheit der Gefühle und der Wortkargheit der Figuren nach einem geläufigen Klischee das eigentlich Norddeutsche an der Geschichte auszumachen, und doch vermisst man wenigstens bei Christian den üblichen Gefühlsüberschwang, den Rausch der ersten Liebe. Unklar bleibt auch, warum Stella zu dem Verhältnis ihr „glückliches Einverständnis“ gibt… Es ist die Gelassenheit und Zuversicht, mit denen Lenz‘ Figuren den Ereignissen des Lebens, kleinen wie großen, guten wie schlechten, begegnen, die den Zauber dieser Novelle trotz kleiner Mängel ausmachen.

Sätze und Schätze:

Die Kuhle im Kopfkissen – das ist das äußerste, was Lenz an den körperlichen Spielformen der Liebe beschreibt. Das mag, wo nichts mehr als unbeschreibbar erscheint, wo Seelen- und Körperstriptease zum täglichen medialen Programm gehört, mit dem wir konfrontiert werden, altmodisch erscheinen. Und dennoch liegt in dieser Kuhle gerade die tiefste Zärtlichkeit, die ein Schriftsteller seinen Figuren widmen kann. Es ist, als rieche man noch den Duft der Liebenden im Kissen.

Die Welt:

Der seltsame Reiz der Betulichkeit… die antiquierte Betulichkeit der ersten Nachkriegsjahrzehnte entfaltet auch einen surrealen Reiz… Gleichwohl erscheint „Schweigeminute“ nicht als historische Novelle über die 50-er oder 60-er Jahre, sondern als Erzählung, die außerhalb unserer Zeit abläuft.

Berliner Literaturkritik (auch in der Frankfurter Rundschau):

Lenz verheddert sich nicht in Beziehungsproblemen oder langen Dialogen… Die Stilform der Novelle schafft Lenz die Möglichkeit, seine sprachliche Meisterschaft voll zu entfalten. Die symbolträchtigen Beschreibungen von Wetter, Meer und Wellen fesseln den Leser, ebenso die Genauigkeit beim Beschreiben der Steinfischer, wie sie große Steine vom Meeresgrund fischen und damit die Wellenbrecher zum Schutz des Hafens bauen. Lenz, der nach dem Krieg bei den Engländern als Hilfsdolmetscher arbeitete, sucht immer wieder englische Wörter, um Gefühle möglichst genau zu beschreiben. Die letzte Postkarte, die Christian von Stella bekam, umfasst nur einen Satz: „Love Christian, is a warm bearing wave.“ Es scheint, als wolle Lenz, der selber seit langem krank ist und vor zwei Jahren seine Frau verlor, mit der Novelle zumindest in der Erinnerung die Jugend vergegenwärtigen – eine Wehmut, die viele treue Lenz-Leser gern mit ihm teilen werden.

Deutschlandradio Kultur:

Staunen lässt einen Lenz’ erzählerische Ökonomie. Mit „schemmernden“ Steinen, einen „Stiem von Funken“, einem „Arbeitsmann“ oder einer „Zudeck“ statt einer Bettdecke ist das Norddeutsche unaufdringlich präsent… Wie wunderbar keusch, jubelten insbesondere ältere Kritikerkollegen, derzeit gerade mit allerlei Feuchtgebieten konfrontiert.

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