Rezension deutsche Erzählung: Schweigeminute, von Siegfried Lenz (2008) – 7 Sterne – mit Video

Siegfried Lenz erzählt hauchzart eine Sommerliebe an der Ostsee, nur ein Sommer, zwischen Schüler und junger Lehrerin, vor einigen Jahrzehnten schon. Das Ende erfährt man gleich zu Beginn und Siegfried Lenz wechselt immer wieder die Zeitebene.

Lenz, bei der Niederschrift über 80, erzählt in seiner ersten Liebesgeschichte betont behutsam, achtsam, rücksichtsvoll. Mitunter wirkt er dabei leicht kapriziös betulich, zelebriert dezidiert den Feinsinnigen an der Grenze zum Reaktionären. „Dass“ schreibt er „daß“, Dativ-e jedoch nicht.

Präzise Worte:

Man riecht die Seeluft, hört Möven und Wellen, ahnt die Gefühle. Ich dachte auch an andere Ostseeromane wie Eduard von Keyserlings Wellen oder einige Jünglinge von Günter Grass am Wasser sowie an die untergegangenen Welten Walter Kempowskis.

Auf diesen sehr luftig bedruckten 120 Seiten (dtv-Ausgabe) kommt jedes Wort fast einzeln daher, steht isoliert zur Begutachtung, in dieser eigentlich gleichmütig dahinfließenden Erzählung. Und fast kein falsches Wort erklingt in der Erfolgsnovelle, nur die Metapher „Grammatik des Abschieds“ schien mir zu pompös.

Zur Verfilmung:

Die TV-Verfilmung von 2016 zeigt eine kühle, verführerische Julia Koschitz und, interessant, auch hier erfährt man das Ende gleich zu Beginn. Sicher kein schlechter Film, und die Anziehung zwischen Koschitz und Filmpartner Jonas Nay überzeugt.

Aber auf mich wirkten die 50er-Jahre-Kulissen zu „vintage“, zu „Requisite“ – vor allem die klapprigen Hafenbauten, sicherlich Pappmaché; die Elvis- und Rock’n’Roll-Nummern im Museumsstück-artigen, perfekt gewienerten VW Käfer schienen irgendwie unpassend, zumindest in der hinreißenden Klangqualität; Julia Koschitz permanent zu gut und zu anbeißungswürdig angezogen. Die Erzählstimme aus dem Off klingt schmalzig, die Liebesszene ist zu lang und zu ästhetisiert; die mehrfache, überfallartig unerwartete Wiederholung chronologischen Schlussszene erscheint aufdringlich (Regie und Co-Autor Thorsten M. Schmidt).

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