Kritik Sachbuch. Gustav Seibt: Napoleon und Goethe (2008/2010) – 7 Sterne

Napoleon und Goethe trafen sich nur zweimal kurz für „ein paar Viertelstunden“ 1808, so Autor Gustav Seibt im Einstieg. Und laut Nachwort S. 252 ist das „eigentlich gar nichts“.

Damit daraus trotzdem ein Buch wird, muss Seibt tief wühlen und weit ausholen: So schildert er den Überfall französischer Soldaten auf Goethes Weimarer Heim zwei Jahre zuvor; Napoleon war nicht präsent, nur seine Soldaten. Dieses Erlebnis trieb Goethe zur Heirat mit Christiane Vulpius und zur Neuordnung seiner Vermögensverhältnisse – das sagt jedenfalls Biograf Gustav Seibt, und er schildert Goethes Maßnahmen und die Reaktion der Weimarer Bubble sehr ausführlich.

Hat er oder hat er nicht:

Gustav Seibt (*1959) spekuliert zu ausführlich, ob Goethe vielleicht 1806 Napoleon aus der Ferne sah. Oder nicht? Auch Goethes Besuch 1792 auf französischen Schlachtfeldern reminisziert Seibt – ebenso ohne Napoleonkontakt wie Goethes Buchrezensionen oder Urlaubslektüren, teils kaum mit Frankreich oder Politik befasst; hier analysiert Seibt Goethes politische Haltung zwischen Revolution und Royalismus.

Sehr ausführlich schildert Seibt den Erfurter Fürstenkongress 1808 samt Stadtgeschichte, Royals-Klatsch und Tischordnung – großteils ohne Goethe oder Napoleon, aber schließlich treffen sie sich in Erfurt, minutengenau choreografiert von Seibt. Hier hat auch Christoph Martin Wieland einen Auftritt, wir hören kurz von Talleyrand, Metternich und später von Wilhelm von Humboldt.

Monothematisch:

1812 und 1813 zieht Napoleon wieder durch – man tauschte Höflichkeiten aus, spekuliert Seibt beleglos, dann geht er zu ausführlich auf Goethes Dichtung und Wahrheit ein.

Seibt schreibt generell aus Goethes Sicht, Napoleon ist ein Nebendarsteller außer vorübergehend beim Erfurter Fürstenkongress, den er beherrschte. Seibt liefert eine monothematische Biografie und Ideengeschichte in einzelnen, nicht zusammenhängenden Episoden – sicher gut, wenn man sich exakt für das Monothema interessiert, aber kein Garant per se für genussvolle Lektürestunden. Das Buch wurde von vielen Feuilletons und Wissenschaftsseiten hoch gelobt (online zu finden).

Bei Napoleons wohl zu pingeliger Werther-Kritik diagnostiziert Seibt die „Neigung des Dilettanten, sich bei logischen Unstimmigkeiten aufzuhalten“ – hier fühlte ich mich ertappt, und wirklich, wen interessiert die Logik.

Unprätentiös klug:

Seibt erzählt vor allem in der ersten Hälfte unprätentiös leicht lesbar, jederzeit ohne Feuilletonistenschwulst oder professoralen Bombast, aber klug mit Ausnahme des gelegentlichen Dativ-e. Vor allem in der zweiten Hälfte klingt Seibt gelegentlich mild wunderlich („recht eigentlich“, „Klandestinität“, „amical“, „urgiert“ (S.131), „Diatribe“, unübersetztes Französisch, Latein, Kyrillisch). Allerlei Geschichts- und -oethekenntnisse setzt Seibt ohnehin voraus.

Gelegentlich bringt Seibt ein wenig Goethelyrik, die irgendwie mit Politik zu tun hat/-ben könnte – keine Highlights.

Ergänzte Taschenbuchausgabe:

Die Goethe-Napoleon-Rendezvous belegen im dicken Napoleon von Johannes Willms nur wenige Zeilen, ähnlich bei Müchler. Gustav Seibt macht daraus ein ganzes Buch. Meine TB-Ausgabe von 2010 enthielt einige SW-Bilder und einen umfangreichen Anhang, aber keine Zeittafel.

Das Buch erschien zuerst 2008, ich hatte die „Ergänzte Taschenbuchausgabe 2010“ (Buchimpressum). Am Buchende finden sich exakt eine Seite „Ergänzungen zur Taschenbuchausgabe“ – mit drei sehr subtilen Ergänzungen, eher nachgelieferte Überlegungen als neu aufgespürte historische Fakten; man muss das nicht unbedingt kennen. Offenbar blieb der rund 240seitige Haupttext von 2008 in der 2010er-Ausgabe unverändert, auch wenn das nirgends steht.

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