Kritik Indonesien-Roman: In Fesseln, von Armijn Pane (1940) – 5 Sterne

Ein sehr provinzielles Batavia (Jakarta) in den 1930ern. Der Arzt Tono ist lieb- und kinderlos mit der mürrischen, herrischen und stolzen Tini verheiratet. Abends aber täuscht er Krankenbesuche vor und kehrt ein bei der gepflegten Ex-Prostituierten Yah. Die ist handzahm und immer lächelnd, da kann Tono entspannen.

Viel historisch-indonesische Atmosphäre breitet der indonesische Autor Armijn Pane (1908 – 1970) nicht aus, da gibt es mehr bei Ratih Kumala und Pramoedya Ananta Toer. Pane erzählt meist aus Sicht des Arztes, der seine Gefühle sortieren möchte. Die Geschichte spielt weitgehend in den Wohnungen Tonos und Yahs, sie wirkt wie ein nacherzähltes Theaterstück. Es gibt also keine Natur, keine Landwirtschaft und ausschließlich die enge akademische Mittelschichtsphäre des Arztes und einiger Bekannter.

Immerhin schildert Armijn Pane zunächst psychologisch genau: Tinis Nervenkrieg gegen Tono wirkt in der ersten Buchhälfte reizvoll, spannend und momentweise amüsant – auch wenn man sich über einiges sehr wundert beziehungsweise es gar nicht nachvollziehen kann.

Hinzu kommen Zweifel an der Übersetzung aus dem Indonesischen von Renate und Hansheinrich Lödel: Ihr Text klingt manchmal holprig, manchmal sehr verblüffend – als ob sie falsche Vokabeln einsetzten. Wir lesen dt. Wörter wie „Buchzeichen“ (S. 106, gemeint ist Lesezeichen) und „Beispielfall“, wo „Beispiel“ völlig reicht (S. 145). Das indonesische Wort Adat (Kultur, Tradition) erscheint auf S. 129 zweimal unerklärt, es gibt auch kein Glossar (und ansonsten keinen Bedarf für ein Glossar, weil der Roman wie gesagt wenig Indonesisches an sich hat).

Nachprüfen kann ich mögliche Übersetzungsmängel nicht, jedenfalls ist das sprachlich kein Genuss. Hier ein Beispiel für einen merkwürdigen, vollständigen Satz (S. 86 des Horlemann-Hardcovers inkl. fehlenden Leerzeichens), der aber wohl Aufgewühltheit anzeigen soll:

Tinis Liebe war sicherlich erloschen – hätte sie ihn nämlich geliebt– Tonos Gedanken durchbohrten ihm das eigene Herz – sie war eben ein Schmetterling, der es liebte, hin- und herzuflattern.

Ein anderer vollständiger Satz (S. 102):

Har, der nicht zur Betriebsamkeit neigte, schätzte Menge und Aufwand.

Aha? In der ersten Romanhälfte kredenzt Pane zumindest weder aufgebauschte Dramen noch abgehangene Klischees. (Meine Befürchtung war gewesen: Ein gutmütiger Arzt zwischen böser Ehefrau und lieber Hure, diese Konstellation wirkt auch abgeschmackt und lässt Ergüsse nach Art der gut abgehangenen indischen Devdas-Geschichte erwarten;ich weiß, dass die anders geplottet ist; aber trotzdem.)

Die zweite Romanhälfte kippt indes völlig. Hat hier jemand anders geschrieben oder übersetzt? Viele Sätze klingen nach plattestem Groschenroman, es gibt banale Grübeleien über Leben und Verlust, klischierte Monologe, Zaunpfähle mit Elefantiasis vorankündigen vermeintliche Überraschungen. Auf den letzten Seiten hält eine Hauptfigur völlig überraschend eine Radioansprache, die prima in die Handlung passt; die vorherigen 150 Seiten hatten nie von solchen Radioauftritten berichtet, der Autor klebt das neue Element schnell noch an die Handlung an.

Nach meinen Quellen im Internet läutete In Fesseln eine neue Ära der indonesischen Literatur ein, weil erstmals interne Monologe, Ehebruch und sympathische Prostituierte erschienen. Das Original heißt Belenggu (ältere Schreibweise Belenggoe), engl. Titel Shackles. Meine liebsten Schriftstücke aus Indonesien lieferten aber nicht Pane, Kumala oder Toer, sondern Elizabeth Pisani und V.S. Naipaul.

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