Kritik: Die Dame mit dem Hündchen, Erzählungen 1897 – 1903, von Anton Čechov – 7 Sterne

In diesem vierten und letzten Band seiner gesammelten Erzählungen schreibt Anton Tschechow (Anton Čechov, 1860 – 1904) kenntnisreich und einfühlsam über das Leben geschundener Bauern und Tagelöhner – mit Intrigen und Gaunereien wollen sie das Überleben sichern. Nicht besser sind aber auch die Krämer, die Beamten und die Fabrikanten. Positiv ist wenig. Tier- und Pflanzenwelt, Milieus und Umgebung schildert Tschechow teils liebevoll.

Tristesse rurale:

Kultivierte Städter, die per Zug und Kutsche aufs Land reisen, oft Ärzte wie Čechov, konfrontiert der Erzähler regelmäßig mit bornierten, verkommenen und verelendeten Dörflern. Immer wieder geht es aufs Land im Zug, die letzten Werst im Zweispänner oder in der Troika. Teils treffen die Städter nur auf halbkultivierte Gutsbesitzer und Fabrikanten auf dem Land, das Proletariat taucht dann kaum auf. Mindestens zweimal geht es um vollzogenen oder erhofften Ehebruch.

Čechov führt mühelos in die Handlungen ein, erzeugt Bilder und Persönlichkeiten im Kopf. Unter den 18 Kurzgeschichten von rund 14 bis 40 Seiten Länge – also teils Kurznovellen – findet sich Bekanntes wie Die Dame mit dem Hündchen oder Die Bauern. Die Hündchen-Dame zählt zu den wenigen Geschichten, die komplett in der städtischen Mittelschicht spielen.

Die Geschichten sind überwiegend unverbunden. Der Petschenege und In der Heimat spielen jedoch scheinbar in der selben Region. Einheitliches Personal in der Rahmenhandlung haben Der Mensch im Futteral, Die Stachelbeeren und Von der Liebe; sie palavern über wechselnde andere Figuren.

Teils schildert die erste Ebene der Geschichte keine Handlung, sondern Grübeleien und Dialoge. Packender jedoch klingt Čechov, wenn seine Hauptfiguren nicht nur räsonnieren und reminiszieren, sondern direkt agieren, zum Beispiel in Die Bauern, Das Neue Landhaus und In der Schlucht – diese drei realistischen, kraftvollen Dorfgeschichten sind meine Highlights dieser Sammlung (und sie erscheinen allesamt *nicht* in den Čechov-„Meistererzählungen“ bei Diogenes).

König der Kurzgeschichte?

Čechov gilt manchmal als König der Kurzgeschichte, aber nicht bei mir. Ganz so rund wie sagen wir W. Somerset Maugham komponiert Čechov seine Kurzgeschichten nicht, und auch Hemingways beste Kurze sind natürlich besser. Manche Čechov-Stories enden dezidiert unspektakulär und damit etwas enttäuschend (offenbar kürzte er teils Anfang und Ende weg, ähnlich wie Hemingway später). Čechovs genaue Beobachtungen, realistische Milieus und der unkomplizierte Erzählfluss ergeben aber gleichwohl oft gute Literatur.

Zudem ist Čechovs Milieu – kleine, teils verelendete Leute im Russland der 1890er Jahre, oder mindestens bigotte Gutsherren – nicht gerad mein liebstes. Dass Čechov in diesem Milieu v.a. Not und Niedertracht herauskehrt und auf Humor verzichtet, macht es für mich nicht anziehender. Teilweise fühlte ich mich an Elend und Niedertracht unter den Ärmsten in IndienIndien, Pakistan und Bangladesch erinnert, u.a. an Aravind Adigas Der weiße Tiger und an Mohsin Hamids So wirst du stinkreich im boomenden Asien.

Zur Übersetzung:

Die Übersetzung von Gerhard Dick und Hertha von Schulz klingt überwiegend vollmundig-rund. In der „Futteral“-Geschichte wird jedoch aus „der Direktor“ (S. 115 der Diogenes-TB-Ausgabe) plötzlich „die Direktorin“ (S. 118ff). In „Ionyc“ heißt es mehrfach „nicht unübel“ (S. 159 etc.), wenn eindeutig „nicht übel“ gemeint ist – mir ist nicht völlig klar, ob Tschechow seinen blasierten Protagonisten diese Fehler bewusst in den Mund legt oder ob es ein Übersetzungsfehler ist (in einer englischen Version heißt es „not badsome“, also verballhornt „nicht übel“, demnach liegt die Eindeutschung daneben).

Der Anhang erklärt auf mehreren Seiten russische Ausdrücke, oft aber nur die wörtliche Bedeutung und nicht mögliche Konnotationen. Einige Begriffe suchte ich vergeblich, bei mindestens einem Begriff wird nach knapper Erklärung weiterführend auf einen anderen Band verwiesen – nicht unübel.

Die Geschichten aus Die Dame mit dem Hündchen:

  • Die Dame mit dem Hündchen: Aus flüchtiger Urlaubsaffäre wird ernsthafte, aber heimliche Beziehung (auch Teil der Čechov-Meistererzählungen bei Diogenes)
  • In der Schlucht: Krämer, Fabrikanten, Ehen und Eigennutz in entlegenem Siffkaff (eins meiner Highlights)
  • Das Neue Landhaus: Reicher Ingenieur baut Wochenendhaus am Rand eines armen Dorfs (eins meiner Highlights)
  • Die Bauern: Verarmte Großfamilie in trister Hütte, Niedertracht und Elend (eins meiner Highlights)
  • Der Petschenege: kleiner provinzieller Ex-Kosak labert empfindsamen Städter banal in Grund und Boden
  • In der Heimat: Reiche Erbin kehrt zurück aufs Landgut; dort ist’s vulgär, banal
  • Der Mensch im Futteral: Zwei Bürger reden über skurrilen Eigenbrötler
  • Die Stachelbeeren: Die zwei Bürger aus „Futteral“ und ein Dritter reden über Sehnsucht nach dem Land
  • Von der Liebe: Die drei Bürger Bürger aus „Stachelbeeren“ reden über unerfüllte Liebe zu Verheirateter
  • Ionyč: lediger Kreisarzt verkehrt bei kultiviert-blasierter Provinzfamilie, verehrt blasierte Tochter des Hauses
  • Auf dem Wagen: Verhärmte Dorflehrerin träumt von Verbindung zu leicht liederlichem Landgrafen
  • Bei Bekannten: Städter soll hochverschuldete Landgutsbesitzer retten und Tochter des Hauses ehelichen
  • Ein Fall aus der Praxis: Stadt-Arzt trifft depressive Fabrikanten-Tochter auf dem Land
  • Herzchen: Liebreizende Frau macht sich stets die Ansichten und Themen der ihr angetrauten Männer zu eigen (Teil der Čechov-Meistererzählungen)
  • Der Bischof: Grübelei und Verfall eines resignierten Geistlichen
  • Die Braut: Grübeleien und Entscheidungen vor einer Hochzeit (Teil der Čechov-Meistererzählungen)

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