Historischer Afrika-England-Roman rezensiert: Der Eiskrem-Krieg, von William Boyd (1982) – 7 Sterne

Gut erzählt mit vielen kleinen Details, die das räumlich und zeitlich ferne Szenario fast in Vergrößerung zeigen. Dabei präsentiert William Boyd seine präzisen Einblicke so en passant, dass er nie angeberisch faktenhubernd klingt.

Ebenso knapp, aber sehr detailliert schildert Boyd auch männliche Sexualität und Kriegsgreuel, mmmhh. Boyd schreibt unterhaltsam, aber mit reichem Wortschatz und viel Umgangssprache, so dass ich – im englischen Original The Ice-Cream War – geringfügig weniger verstand als bei anderen englischen Romanen.

Boyds Schreibtechnik:

Die verschiedenen Handlungsstränge und Hauptpersonen führt Boyd gekonnt ein und dann zusammen; Überblick und Interesse bleiben stets erhalten. Tatsächlich wirkt der Roman recht spannend. Mein Penguin-Taschenbuch enthält eine kleine Kartenskizze mit Marschrouten und Ortsnamen, die auch im Buch auftauchen – wäre die Skizze klar lesbar, hätte ich öfter daraufgeblickt.

Erschienen 1982, ist dies ein Roman über Engländer. Dass größere Teile davon in Afrika spielen, hat nichts zu sagen. Afrikaner tragen kaum zur Handlung bei, fast erfährt man mehr von den Indern (Sepoys), die auf englischer Seite in Afrika kämpfen. Allenfalls könnte man sagen, es ist ein Roman über Engländer im Ausland oder über Engländer im Krieg.

Die afrikanischen Hintergründe:

Boyd kam in Ghana zur Welt und wuchs zeitweise in Nigeria auf – auch zur Zeit des Biafra-Kriegs, und möglicherweise hat er diese Eindrücke im Roman Ice-Cream mitverarbeitet. In Kenya, wo Ice-Cream War spielt, war Boyd jedoch zumindest bis 2004 nicht, wie er in Bamboo schreibt. Auf einem Flug von London nach Lagos las und genoss Boyd als 19jähriger Hellers Catch-22, ein Buch, das noch viel konsequenter als Boyd den Krieg als Farce schildert.

Der Titel Eiskrem-Krieg klingt gut, passt aber nicht wirklich zum Roman: Er bezieht sich auf eine Prognose zu Beginn des Kriegs, dass die Soldaten wegen der afrikanischen Hitze wie Eiskrem schmelzen würden und der Krieg nach ein paar Wochen vorbei sei. Doch die Hitze spielt keine wesentliche Rolle im Buch, eher stören Tiere und Regen.

Im Vergleich mit anderen guten Afrika-Romanen:

William Boyd und T.C. Boyle verwechsle ich gelegentlich nicht nur wegen ihrer ähnlichen Namen, sondern auch weil sie beide das Genre detailgenaue Romanfarce bedienen, das manchmal etwas zu sehr nach Creative Writing-Kurs klingt. In der Regel ist Boyle einen Tick besser als Boyd, und das gilt auch für das Sub-Genre detailgenaue Romanfarce in Afrika, hier triumphiert Boyle mit seiner Wassermusik (Boyds Brazzaville Beach erinnere ich nicht mehr richtig, sein A Good Man in Africa ist zu derb satirisch). Definitiv ist Doolings The White Man’s Grave auch ein gelungenes Stück detailgenaue Romanfarce in (West-)Afrika.

Kennt man nun das Genre detailgenaue Romanfarce und neben Boyle und Boyd auch den vielleicht bekanntesten Vertreter, John Irving, dann wirkt Ice-Cream War gelegentlich etwas vorhersehbar: Die unterschiedlichen Wende- oder Tiefpunkte zeichnen sich 20, 50 oder 200 Seiten im voraus ab.

Dennoch ist es ein spannender Roman – eins der Bücher, das man nach 400 Seiten mit dem Gefühl beiseite legt, dass eine lange Reise zu Ende ging.

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