Buchkritik: Das Jahrhundert der Manns, von Manfred Flügge (2015) – 5 Sterne – mit Links

Manfred Flügge redet sehr wie ein Eingeweihter mit knappen Anspielungen und vielen offen bleibenden Punkten; er outet meine Bildungslücken gnadenlos. Gelegentlich produziert er auch schlicht unklare Bezüge, vor allem in der zweiten Hälfte; man weiß nicht, wer mit „er“ gemeint ist o.ä. Flügge wechselt häufiger das Thema und bemüht sich nicht um Linearität – kommt von Historischem aufs Biografische, von Romankritik auf Theorie der Ironie, springt zwischen Epochen, und die Motivation zu diesen Wechseln war mir oft nicht nachvollziehbar, immer wieder fehlten mir genau die interessierenden Aspekte eines Themas. Angestrengt homogen will Flügge jedenfalls nicht wirken. Romanentstehung und geistesgeschichtliche Strömungen sind ihm wichtiger als biografische und historische Faktenfaktenfakten – darum belegt er die meisten Zitate auch nicht mit Quellenangaben.

Damit setzt sich Flügge auch deutlich ab von Tilman Lahmes Die Manns (2015), einer streng chronologischen und weitgehend rein Fakten- bzw. Briefzeugnis-orientierten, breiten Familienbiografie. Auch im Personen- und Zeitspektrum gibt es Unterschiede:

Lahme setzt erst nach dem ersten Weltkrieg ein, mit den ersten Briefen der Thomas-Mann-Kinder, und kümmert sich ganz ausschließlich um Thomas Mann, dessen Frau und Kinder. Flügge dagegen beginnt mit Lübeck im 12. Jahrhundert und portraitiert vor allem Thomas Mann und als wichtige Nebenfigur Heinrich Mann. Dann gibt es noch ein paar Seiten über deren Geschwister Clara und Viktor; Thomas Manns Kinder Erika und Klaus erscheinen erst auf Seite 143 von 408 Seiten Haupttext in einem von 27 Kapiteln.

Die vier jüngeren Kinder Thomas Manns spielen in den ersten drei Buchvierteln bis hin zu Thomas Manns Tod praktisch keine Rolle. Erst ab Seite 313 von 408, nach Thomas Manns Tod, liefert Flügge geraffte Kapitel zu den vier jüngeren Kindern samt Ehrenrettung der „verfemten“ Monika Mann. Diese biografischen Abrisse wirken hingehuscht und angeklebt, wie Pflichtübungen, vor allem zu Michael und Elisabeth Mann – sie haben nichts von dem feuilletonisch gelehrten Ton der vielen Kapitel zu Thomas und Michael Mann und lassen das Buch insgesamt disparat erscheinen. Indem Flügge die vier jüngeren Kinder nach hinten räumt und erst nach Thomas Manns Tod bespricht, trennt er sie von der Familie ab, und Thomas Mann steht noch mehr als Solitär da (genau den gegenteiligen Eindruck erzielt Tilman Lahme in seiner Familienbiografie und in Die Briefe der Manns; dort stehen die Familienmitglieder ja unentwegt über Jahrzehnte in Beziehung zueinander).

Bei Golo Mann fällt Flügges Lob für „Stil und Erzähllust“ samt „klugem Gebrauch des Semikolons“ auf. Golo Manns Deutschlandbuch sei „reine Ideen- und Geistesgeschichte“, und dafür hat ja auch Flügge ein Faible, nicht nur bei der Mann-Familie allgemein, sondern auch hier bei Golo Mann: Er diskutiert dessen Bücher über einige Seiten, sagt aber kaum etwas über Golo Manns Aufgaben im Zweiten Weltkrieg und huscht über dessen spätere Karrierestationen sehr flüchtig hinweg; ebenso im kurzen Kapitel über das lange einflussreiche Leben der Erika Mann hält er sich seitenlang mit unwichtigem Literarischem auf.

Fotos, Fuß- oder Endnoten, Zeittafel, Stammbaum, Sekundärliteratur- oder Biodatenliste gibt es nicht. Der Anhang mit verwendeter Primärliteratur und Personenregister belegt 9 Seiten. Offenbar hatte die erste Auflage von 2015 Fehler (dazu Abendzeitung, Tagesspiegel) und ein Errata-Forum auf der Webseite des Autors. Auflagen ab 2016 könnten weniger Fehler enthalten.

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