Romankritik: Szenen einer Ehe, von Ingmar Bergmann (1973) – 7 Sterne – mit Video

Der Dialogroman gibt intime Einblicke in das seelische Geflecht einer bürgerlich-liberalen Ehe, man fühlt sich wie ein Lauscher hinter der Wand. Verhalten sich die Figuren realistisch oder eher so, wie es ein mondäner Theaterregisseur lässig imaginiert? Auch wenn manche Plotwendungen und Formulierungen sehr verwundern, liest sich das Buch flüssig, und es passt gut zur Verfilmung. Die Dialogform funktioniert bestens.

Wie auch immer, dieser Roman respektiert aktuelle Sensibilitäten nicht und es nimmt kein Wunder, dass ihn der DLF seit Jahren grimmig ignoriert: Die Romanfiguren haben nichts von LGBTXYZ Transmigrasi people of colour TV, nein, der Autor müllt das Buch mit uralten weißen Heteromännern zu. Und der Verfasser nennt sich auch noch Berg*man* statt -frau. Schien ja damals noch legal zu sein.

Die Frauen stellt er als untertänigste Weibchen dar: Die Rechtsanwältin Marianne wird von ihrem weißen Hetero-Alten betrogen und reagiert bei Bergman so:

  • Willst Du ein Omelette haben oder eine Schnitte mit Leberpastete und ein Bier? … Soll ich dir ein paar Spiegeleier braten… Oder soll ich dir eine Suppe aufwärmen? ((S. 79 der Hoffmann und Campe-TB-Ausgabe von 1975))
  • Willst Du, dass ich die Lockenwickler rausnehme? ((S. 81))
  • Manchmal werde ich völlig verzweifelt und denke: Ich muss mich um Johan kümmern. Es ist meine Aufgabe, darauf zu achten, daß es ihm gutgeht. Nur dadurch erhält mein Leben einen vernünftigen Sinn. ((S. 131))
  • So, jetzt leg mir die Hand auf die Brust… Komm jetzt, leg dich auf mich. ((S. 140f))

Die Sprache klingt gelegentlich steif, öfter mal wunderte mich die Übersetzung aus dem Schwedischen von Hans-Joachim Mass:

  • „Berufsfrau“ statt berufstätige Frau
  • „Lutschflecke“ statt Knutschflecke ((S. 84))
  • „beschubst“ statt betrogen ((S. 144))
  • „Ich finde solche nachträglichen Erklärungsversuche unerhört gleichgültig“ statt unerhört belanglos/unbedeutend/unwichtig/egal oder statt Mich lassen solche… ((S. 153))
  • „Groteskerie“ ((S. 156))

Gut möglich, dass diese Formulierungen Konnotationen bergen, die ich nicht erkenne. Ich kenne auch nicht das schwedische Original.

Freie Assoziation:

Einen Dialogroman liefert auch Wolf Haas mit Das Wetter vor 15 Jahren.

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