Rezension Bier-Doku Deutschland: Beerland (2013) – 7 Sterne – mit Video & Kritikerstimmen

Der Amerikaner Matt Sweetwood erkundet deutsche Bierkultur u.a. im Kölner Karneval, in Berliner Eckkneipen und immer wieder in Bayern: auf dem Oktoberfest, bei Bierkriegfreilichtspielen in Dorfen und auf fränkischen Brauereiwanderwegen, die man sich abstempeln lässt. Dortmund bleibt außen vor.

Bierdimpfln auf Brauereiwanderwegen:

Sweetwood präsentiert schwer erträgliche Bierdimpfln, peinliche Exzesse, Spießigkeit, militante Vereinsmeier und abstoßenden Kneipenfraß. Mit amerikanischem Akzent und hörbarer Verwunderung erzählt Sweetwood von den deutschen Biersitten.

Gelegentlich mischt sich Sweetwood selbst ins Geschehen und ins Bild. Das fällt weniger unangenehm auf, als wenn übliche Journalisten ins Bild drängen (HansBlog über kamerasüchtige Journalisten), weil Sweetwood so scheinbar naiv und ehrlich neugierig wie ein Kulturtourist auftritt. Mitunter zieht er Vergleiche mit seiner amerikanischen Heimat; es klingt, als ob er Deutschland insgesamt mag.

Schöne Bilder:

Dabei interessiert sich Sweetwood vor allem für die Menschen, die sich ums Bier reihen. Erst im zweiten Teil geht es auch um Reinheitsgebot und um die Herstellung – nicht um deren Details, eher um stimmungsvolle Bilder aus einer Dorfbrauerei.

Überhaupt ist die Doku schön gefilmt. Zusätzlichen Pep bringen kuriose Musik und einige witzige Grafiken und Animationen, zum Beispiel historische Bilder, deren Figuren sich plötzlich bewegen. Diese Grafiken kann man aber auch für unpassende Aufhübschung eines drögen Themas halten (sie erinnern deutlich an Amma und Appa).

Dabei ist die Doku meist mild unterhaltsam. Ich hatte nur unentwegt Angst, dass der Film im Ausland als Deutschland-typisch gelten könnte – und er läuft tatsächlich auch auf Englisch bei der Deutschen Welle; da kann ich nicht mehr hinfahren.

„Nicht viel mehr Tiefgang als ein Bierglas“ – die Kritiken zum Film:

Süddeutsche Zeitung, Rainer Gansera:

Als Ureinwohner kommt man aus dem Staunen – und auch aus dem Kopfschütteln – kaum heraus… Nebensachen (etwa die verschiedenen Formen des Sich-Zuprostens) werden dabei plötzlich zu Hauptsachen, Zufälliges wird zum großen Mysterium erklärt, zentrale Bierkultur-Phänomene dagegen übersieht er: Starkbieranstich, Biergarten, Bierdusche. Er folgt einem von Fremdenverkehrsbüros vorgezeichneten biertouristischen Reiseplan, reiht persönliche Anekdoten an zufällige Begegnungen und hält sich mit der Abarbeitung von Stereotypen auf

Süddeutsche Zeitung, Rainer Gansera erneut:

Könnte ein spannender Blick von außen sein, plätschert jedoch touristisch vor sich hin, reiht Anekdotisches und erzeugt viel Schaum.

Der Spiegel, Julia Daumann:

Mit einem Augenzwinkern trinkt er mit am Kneipenstammtisch, feiert die Wahl einer Hopfenkönigin und besucht Brau-Experten im ganzen Land… Selbst beim Biertrinken stellen sie Regeln auf und tragen penibel Sorge dafür, dass diese eingehalten werden… Ein wohlwollendes – wenn auch analytisch etwas dürftiges – Porträt einer herzlichen Biertrinkernation also. Was „Beerland“ dennoch interessant macht, ist die Perspektive eines Fremden, der über den Rummel des Oktoberfestes hinaus schaut

Deutschlandradio Kultur, Peter Claus:

Historisches und Heutiges wird zu einem farbenreichen Bilderbogen von deutscher Lebensart und auch -unart montiert… „Beerland“ besticht auch formal. Denn die vielen Interviewsequenzen mit Bierbrauern und Biertrinkern werden immer wieder pointiert von kurzen Animationssequenzen illustriert.

Deutschlandfunk, Josef Schnelle:

Eine ironische Reise durch Deutschland zu den Quellen der Bierkultur… Diese Dokumentation ist manchmal ein gespielter Witz, dann wieder funktioniert sie nur, weil der Filmemacher, den wir oft im Bild sehen so unglaublich authentisch staunen kann. Das macht das Unternehmen fast ethnografisch.

Der Freitag, Matthias Dell:

Die Harmlosigkeit von Beerland zeigt sich als Scheitern an der Form. Mit putzigen Landkarten-Grafiken zum Recherchereiseverdeutlichen, schicken Animationen von Dioramen oder alten Werbetafeln zur Erzählung kulturgeschichtlicher Exkurse (Kühlschrankerfindung) und dem Vertrauen auf das dezente Sich-anstellen des alles am Leibe seines Ichs erfahrenden amerikanischen Autors (inklusive Schlüsselbeinbruch) ruft Sweetwood eine modische Dokumentarfilmästhetik auf, die er mit seiner Geschichte nicht zu füllen vermag. Die Frage nach einer „Bierkultur“ stellt Sweetwood so allgemein, dass sie banal ist. Und den Erkundungsprozess, den die Form vorgibt, beschließt er in einem alles versöhnenden, alles beantwortenden Schlusswort, das in seiner Bravheit an den Willen zum Rausgefundenhaben erinnert, wie studentische Seminararbeiten ihn behaupten.

Programmkino.de, Oliver Kaever:

In amüsant anmierten Sequenzen legt er die Geschichte des Biers offen… Dabei fördert er Geschichten und Geschichte zutage, die auch vielen Deutschen neu sein dürfte… wie ein passionierter Anthropologe, der einen merwürdigen Volksstamm und seine Rituale beschreibt… Sweetwoods Film ist vor allem durch seine eigene, immer weiter wachsende Begeisterung durchweg sympathisch und sehr unterhaltsam. Vielleicht fehlt am Ende aber doch etwas die kristische Distanz. Ein paar Worte zum extrem hart umkämpften Biermarkt mit seiner wachsenden Konzentration auf einige wenige Konzerne zulasten kleiner Brauereien und damit der Biervielfalt hätten nicht geschadet.

Filmrezension.de, Lida Bach:

Statt trockener Fakten bietet die gefällige Reportage feucht-fröhliche Stimmung… so plump.

TV Spielfilm:

Zwar hat die Doku nicht viel mehr Tiefgang als ein Bierglas, dank Sweetwoods herbem Humor bleibt sie aber süffig.

Cinetastic.de, Frank Schmidke (zitiert wie vorgefunden):

Der dokumentarische Ansatz erinnert ein wenig an Morgan Spurlocks Selbstversuch „Supersize Me“ oder an die Filme von Michael Moore („Bowling for Columbine“). Das ist über weite Strecken sehr unterhaltsam ausgefallen… Ein wenig pflegt und nährt „Beerland“ auch eben jene Klischees, die untrennbar mit der deutschen Bierkultur verbunden sind – Vereinsmeierei und Stammtischtümmelei… Wie gesagt, Fremdschämen inklusive

EPD-Film.de, Silvia Hallensleben:

Sweetwoods Perspektive ist die des unwissenden und neugierigen Außenseiters; der Film selbst kommt mit der vertrauten Mischung aus scheinnaiver Selbstreflexion, ethnographischem Forschergestus und humoristischer Verspieltheit daher. Aha-Erlebnisse dürfte es für Deutsche dabei kaum geben

Kino-Zeit.de, Joachim Kurz:

Dass der Blick auf das eigene Land, dessen Bewohner und Gepflogenheiten um einiges komischer ausfällt, wenn es ein „Ausländer“ ist, der diese Perspektive einnimmt, davon handeln im Prinzip viele Dokumentarfilme… Was Sweetwood auf dieser Reise erlebt, ist oftmals informativ, ohne allzu belehrend zu sein, häufig genug auch skurril, überwiegend sehr sympathisch und zeugt an manchen Stellen von einem Deutschland-Bild, das sich vor allem aus Klischees speist… nicht sonderlich erhellend oder überraschend

Wolfram Hannemann:

Als Zuschauer ist man anfangs noch recht neugierig, welche Facetten der deutschen Bierkultur er ans Tageslicht bringt. Doch schnell merkt man, dass seine Dokumentation recht konzeptionslos zusammengebastelt wurde – sie führt leider zu keinen tiefschürfenden Erkenntnissen und beginnt ab der Hälfte langweilig zu werden.


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