Buchkritik: The Sierras of the South, von Alastair Boyd (1992) – 6 Sterne

Boyd erzählt, wie er 1958 mit seiner Frau von England ins andalusische Ronda zieht, um u.a. in Ruhe Romane zu schreiben und in wochenlangen Reitausflügen die Region zu erkunden – bewusst auf den Spuren großer englischer Spanien-Schreiber wie Ford und Borrow (S. 13 Flamingo-TB). Er zieht bald aufs Land, wird Bauer, Lehrer, Wirt, Tourguide und Reisebuchautor, heiratet neu, bleibt jahrzehntelang. Seine literarischen Ambitionen führen nicht weiter.

In seinem Vorwort betont Boyd (Lord Kilnarock), dass er nicht der einzige Ausländer in der fremdartigen Umgebung war, dass er aber in seinem Bericht Ausländer oft wegließ, um sich auf die Hauptsache zu konzentrieren (S. ix). Er interessiert sich für örtliche Kultur und für die einfachen Leute.

Boyd (1927 – 2009) schreibt immer leicht lesbar und anregend, voll interessanter Beobachtungen, gelegentlich mit zu viel Liebe zu örtlicher Dichtkunst und historischem Klein-Klein. Er würfelt manchmal die Jahrzehnte etwas unübersichtlich durcheinander, setzt zu viele Sprach- und Geografiekenntnisse voraus, verzichtet im Rückblick auf die Jahrzehnte auf Stringenz; vielleicht will er auch Überschneidungen mit früheren Spanien-Büchern vermeiden (dass er auf S. 100 Don Manuel einmalig Don Miguel nennt, macht die Sache nicht einfacher).

Zunächst beschreibt Boyd sein Leben in Stadt und Land. Auf der Suche nach einer neuen, komfortableren Bleibe bricht er allein mit dem Auto auf eine mehrhundertseitige Reise durch alle – scheinbar wirklich alle – Dörfer und Städtchen rund um Ronda auf. Boyd schildert mikroskopische architektonische, geografische, historische und folkloristische Einzelheiten, ebenso wie Gastronomisches und Soziales. Wie ein Journalist – oder wie V.S. Naipaul in seinen Reise-Büchern – sucht Boyd immer wieder das Gespräch mit örtlichen Intellektuellen, er schildert es seitenlang mit gutem Blick für Persönlichkeiten. Er liefert auch Einblicke ins Korkschälen, häusliches Schweineschlachten und viel zu ausführlich ins Stierkämpfen – das Ganze fügt sich aber nicht zu einem schlüssigen Buch. Seine Berichte garniert Boyd mit vielen kursivierten spanischen Ausdrücken, darum schließt er mit einem langen Glossar.

Schließlich – ohne sich für ein neues Domizil entschieden zu haben – kehrt Boyd nach Ronda zurück, nimmt an der September-Feria teil, und wie er sich in punkto neue Bleibe entscheidet, verrät er lange nicht.

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