Romankritik: Heile Welt, von Walter Kempowski (1998) – 7 Sterne

Walter Kempowski (1929 – 2007) liefert reizvolle, detailreiche Einblicke ins norddeutsche Dorfleben Anfang der 1960er Jahre – teils autobiografisch (auch wenn auf der Impressumseite „Alles frei erfunden!“ steht). Die Hauptfigur trifft als Junglehrer ein und lernt alle Bauern, ihre Beziehungen und Tics kennen, natürlich auch Bürgermeister, Krämer, Pfarrer und viele Kollegen und Oberlehrer. Schatten der Nazizeit reichen in die erzählte Jetztzeit.

Gemütliches Platt:

Zwar schreibt Kempowski keine Dialoge, er liefert gleichwohl viel O-Ton in gemütlichem Plattdeutsch. Der Autor suhlt sich dabei in geäußerten Banalitäten und gut abgehangenen Sprüchen, die Behaglichkeit herstellen, wie „Das, was es an Ferien gibt, müßte die Schulzeit sein, da war man sich einig“ (S. 289 meiner 2000er-btb-Taschenbuchausgabe), „das ist nun mal so…Da ist absolut nichts zu machen“ (S. 305), „Vergiß mein nicht, die Postleitzahl“ (S. 293), „Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag!“ (S. 357), „Holzauge, sei wachsam!“ (S. 366), „So etwas kann nicht früh genug eingeschliffen werden“ (S. 367), „fragen kost‘ ja nichts“ (S. 372), „watt mutt, mutt“ (S. 415), „Schaden konnte das jedenfalls nicht“ (S. 433) und „der Faktor Zeit sei nicht zu unterschätzen, der bringe vieles wieder in Ordnung“ (S. 436). Manche Phrasen und manche Fakten wiederholt Kempowski wieder und wieder im Roman, gebetsmühlenartig oder wie das Ostinato-Riff im Bolero.

Kempowski schildert viele eitle Schwätzer – stets Männer – und treibt seine Leser über den Rand einer Fremdschämattacke. Und so, wie die Hauptfigur örtliche Bauernhöfe nach Alltagsantiquitäten abgrast, so konserviert Kempowski in diesem Roman scheint’s sprachliche Antiquitäten aus dem Nachkriegs-Pädagogenalltag, etwa „bejahend zugewandt“ (S. 158) oder  „von freischaffendem Lernen in je offener Behaustheit“ (S. 431); das klingt heute gruselig, ist aber zumindest kein Anglizismus und kein Lehnwort und erhellt den Zeitgeist nicht weniger als die anderen Beobachtungen des Junglehrers. Auch die Wirtschaftswunderkulinarik lebt auf („fettes Kotelett mit Pilzen und Sauerrahmsoße“, S. 311; gebratener Schweinekopf mit Zitrone im Maul, S. 390).

Kein Thriller:

Der Roman kommt auf den ersten 200 Seiten gar nicht in Gang und entwickelt auch danach wenig Spannung. Walter Kempowski war als Neulehrer schon verheiratet, doch sein Romanlehrer gelangt alleinstehend aufs Dorf; er beobachtet Frauen und Mädchen peinlich lüstern: „ihr Hosenboden hing ein wenig, ein Höschen zeichnete sich nicht darunter ab, wahrscheinlich trug sie einen wollenen Apparat“, S. 106; „…gehörte zur Gattung des Spitzpopos… Matthias…bevorzugte eher die liegende Drei“, S. 203; „Ihr Gesäß hatte sich in ihrem Rock ausgeformt…das war etwas peinlich für alle“, S. 258; „mit einer unförmigen Kehrseite… eine groteske Sache“, S. 305; „gewaltige Brüste, die dann im Alterungsprozeß zu hängen beginnen“, S. 306; „Anitas enormes Hinterteil“ S. 362.

Walter Kempowski schreibt ein vollmundiges, knorziges Deutsch, dezidiert altmodisch tönend. Er berichtet zumeist aus Sicht der Hauptfigur und wie als Gedankenfluss der Hauptfigur. Ab und zu schwenkt der Autor jedoch überraschend auf andere Gestalten, schildert Erektionen in Kollegenhosen oder sagt plötzlich über seinen Protagonisten: „Matthias konnte nicht wissen, daß…“ (S. 310) – das klingt wie der unbedachte Perspektivbruch eines sonst personalen Erzählers. Man fragt sich dann, wer dieser Erzähler mit seinem sehr prononcierten Stil ist, und lernt ihn nie kennen.

So enttäuscht Kempowski sprachlich, soziologisch und alltagshistorisch keine Sekunde. Doch die Erzählperspektive befriedigt nicht ganz. Zudem stören einige nie ganz aufgeklärte Andeutungen über Mutter, Ex und frühere Lebensstarts der Hauptfigur und über die Künstlertochter Ellinor von Kallroy – selbst wenn Kempokenner die Hintergründe gewiss im Ärmel haben. Das Romanende erscheint abrupt mutwillig.

Freie Assoziationen:

  • Natürlich erinnert die Erzählstimme vor allem an Kempowskis eigene Werke wie Tadellöser & Wolff – dort redet jedoch ein Ich-Erzähler, das wirkt plausibler als in Heile Welt
  • Die knorzige Erzählstimme erinnert auch an einzelne Bücher von Hans Pleschinski, Arno Schmidt, Günter Grass (wegen der Epoche u.a. Katz und Maus) und Theodor Fontane
  • Einen Erzähler mit markanter Stimme, den man nicht persönlich kennenlernt, gibt es auch in Don Winslows Savages-Reihe und in den Brenner-Romanen von Wolf Haas
  • Ansatzweise die Dorfatmosphäre in einzelnen Tschechow-Kurzgeschichten

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