Memoiren: Unruhestifter: Erinnerungen, von Fritz J. Raddatz (2003) – 4 Sterne

Ja, doch, ich habe diesen Braten zügig verschlungen, aber nun liegt er schwer im Magen. Was für eine Soße, mit viel Klatsch und Tratsch aus der Feuilletonistenbranche.

Das enthüllt Raddatz über andere Autoren:

Immer wieder verbreitet Fritz J. Raddatz (1931 – 2015) Löbliches über sich selbst als Zitat von anderen – bis hin zur Größe seines Gemächts, die er dann in aller Bescheidenheit doch relativiert, oder dass er als einziger Besucher Blumen zur Familie Grass mitgebracht habe. Und er kredenzt viele kleine Nickeligkeiten über andere: nun hat er Günter Grass so oft bewirtet, und das mit herrlicher Tisch-Deko, doch der Großschriftsteller verlangt für ein Gemälde 600 Mark.

In ihrer offenbar grenzenlosen Selbstsucht werden Günter Grass, Hans Mayer, Augstein und ein paar andere fürchterlich dekonstruiert. Nur wenige Akteure erscheinen in durchweg freundlichem Licht, so etwa Paul Wunderlich, Mary Tucholsky oder Ledig-Rowohlt.

Meine Frage war:

Wir haben über das Berichtete so viel diskutiert wie über das Berichten als solches: darf man so Persönliches gedruckt ausbreiten?

Raddatz‘ Sprache leicht verschwurbelt-kompliziert, gerne auch mit Dativ-e, häufig fehlt (19. Jahrhundert) das Hilfsverb hinterm Partizip Perfekt. Dann wieder benutzt er harte Gossensprache für Intimstes. An beide Aspekte erinnere ich mich nicht aus seinen „Zeit“-Artikeln, da war wohl die Schlussredaktion davor, danke.

So ist das Buch strukturiert:

Sein Buch baut er nicht strikt chronologisch auf: Kommt Raddatz bei einer prägenden Person an, verfolgt er diese Bekanntschaft sofort bis in spätere Jahrzehnte, um – viele Seiten später – den ursprünglichen Faden wieder aufzunehmen; mir hat das so gefallen. Allerdings zitiert er über viele Seiten hin eigene Briefe und Tagebucheinträge; das verstärkt den ohnehin wachsenden Eindruck eines reichlich eitlen Verfassers, viele Mikroereignisse bekommen auf diesem Weg ungefiltert zuviele Zeilen.

Der Mann brannte an beiden Enden und schont sich selbst nicht; nur dass man nicht alle Ups and Downs aus seinen zwei, edel eingerichteten, Wohnungen gar so genau erfahren wollte. Als leicht provokanter Insiderbericht aus hochschwebenden Feuilletonistenzirkeln sicher amüsant-lesenswert. Aber nun bräuchte man ein Gegen-Buch eines Raddatz-Beobachters. Gibt es so etwas?

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