Historisches Buch

Historischer Afrika-England-Roman rezensiert: Der Eiskrem-Krieg, von William Boyd (1982) – 7 Sterne

Gut erzählt mit vielen kleinen Details, die das räumlich und zeitlich ferne Szenario fast in Vergrößerung zeigen. Dabei präsentiert William Boyd seine präzisen Einblicke so en passant, dass er nie angeberisch faktenhubernd klingt. Ebenso knapp, aber sehr detailliert schildert Boyd auch männliche Sexualität und Kriegsgreuel, mmmhh. Boyd schreibt unterhaltsam, aber mit reichem Wortschatz und viel…

Rezension Berlin-Roman: Menschen im Hotel, von Vicki Baum (1929) – 7 Sterne

Über weite Strecken eine schwungvolle Satire (von 1929). Schön, wie Vicki Baum die Schicksale verknüpft und einen Reigen wechselnder Begegnungen und Beziehungen auf engem Raum herstellt. Flotte Handlung: Die Handlung schnurrt schwungvoll durch wie ein gut aufgezogener Spielautomat, mit immer neuen Wendungen um die immer selbe Achse herum – das Hotel (weit flüssiger als der…

Rezension zynischer Kriegsroman: Catch-22, von Joseph Heller (1961) -7 Sterne

Zynischer Roman über eine US-Fliegerstation in Italien gegen Ende des zweiten Weltkriegs (dt. und engl. Titel Catch-22). Die Absurdität des Kriegs wird in vielen Facetten durchgespielt – meist nicht im Kampf, sondern im Fliegerhorst oder bei Ausflügen nach Rom. Der Ton ist trocken, nonchalant, sarkastisch, zynisch und unterhaltsam intellektuell. Brillanter Stil: Selten war ein Roman…

Rezension 1950er-Hongkong-Memoiren: Gweilo, von Martin Booth (2004, US-Titel Golden Boy) – 7 Sterne – mit Presse-Links

1952 kommt der Engländer Martin Booth als Siebenjähriger mit seinen Eltern nach Hongkong und bleibt drei Jahre. Er erkundet die Straßen allein und ist bald mit vielen Händlern und Dienstboten befreundet. Er testet Knallfrösche und gebratene Käfer. Alle sind nett zum kleinen Martin, auch weil sein blondes Haar Glück verspricht. Booth (1944 – 2004) beschreibt…

Historischer Afrika-Reisebericht: Travels in West Africa, von Mary H. Kingsley (1897) – 6 Sterne

Kingsley schreibt resolut, kurzweilig und mit sehr viel trockenem Humor. Am liebsten spottet sie über sich selbst: wie sie ins Wasser fiel, durch ein Dach fiel, Leoparden, Nilpferde und Krokodile in die Flucht schlug – jedes Ereignis amüsiert sie scheinbar. Allerdings wählt Mary Kingsley oft nicht die Themen, die mich interessieren – Begegnungen mit den…

Meta-Reisebericht aus Afrika: One Dry Season: In the Footsteps of Mary Kingsley, von Caroline Alexander (1990) – 6 Sterne

Alexander befasst sich wohlgemerkt nur mit dem Gabon-Teil von Mary Kingsleys Reisen; sie verbrachte eine Trockenzeit im Land. Kamerun, Sierra Leone oder Südafrika tauchen im Buch nur en passant auf. Alexander gräbt sich teils tief in Kingsleys Bericht ein, spekuliert seitenlang (zu lang) über Reise-Details und geographische Zusammenhänge. Dann wieder reist sie, wie sie selbst…

Autobiografie: Little Wilson and Big God, von Anthony Burgess (1986) – 6 Sterne

Gleich auf den ersten Seiten bringt Burgess ein paar drastisch ordinäre Witze – ein Vierzeiler kombiniert Pädophilie, Nekrophilie und gleichgeschlechtlichen Sex. Auf den weiteren 440 Seiten kommen dann regelmäßig deftige Schocker, vorgetragen mit präpubertärem Stolz, wenn auch nicht mehr mit der Dichte des Einstiegs. Seitensprünge und Katholizismus: Seine augenzwinkernde Vulgarität kontert Anthony Burgess – der…

Biografie: The Real Life of Anthony Burgess (2006), von Andrew Biswell – 6 Sterne

Ich habe das entspannt heruntergelesen. Man hat nicht das Gefühl, dass Biswell seinem Sujet sehr nahe kommt (zum Beispiel portraitiert Patrick French V.S. Naipaul schärfer und genauer, konnte allerdings auch noch selbst mit ihm sprechen). Immer wieder diskutiert Biswell philosophische und religiöse Skrupel des Anthony Burgess. Mehrere Burgess-Mythen, die Burgess mit widersprüchlichen Aussagen nährte, klärt…

Sachbuch: The East, the West, and Sex: A History of Erotic Encounters, von Richard Bernstein, 2009 – 6 Sterne

Bernstein schreibt flüssig und leicht lesbar, aber ohne besonderen Reiz. Mitunter klingt er säuerlich missbilligend, so beim Thema Kolonialismus und bei allzu entschlossenen Ausschweifungen historischer Reisender; dabei erinnert Bernstein fast an die viktorianische Moral, die immer wieder zitiert wird, und im Fazit scheint er christlich geprägte Monogamie zu bevorzugen. Um diese Länder geht es: Bernstein…

Buch: Briefe zwischen Vater und Sohn, von V.S. Naipaul – 6 Sterne

V.S. Naipaul ist soeben zum Studieren nach England gegangen, das Buch zeigt den Briefwechsel zwischen ihm und seinem indisch-stämmigen Vater auf Trinidad. Eins wird klar nach der Lektüre: So ein armseliger Tropf wie der Buch-Mr.-Biswas ist dessen lebendes Vorbild, V.S. Naipauls Vater Seepersad Naipaul, bei weitem nicht. Naipaul senior arbeitet bei einer Zeitung als Journalist…

SO-Asien-Memoiren: Distant Archipelagos: Memories of Malaya (2004), von Peter Moss – 6 Sterne

Das Buch enthält viele zauberhafte Passagen über Malaysia in den späten 50ern und frühen 60er Jahren (zuerst hieß es noch Malaya). Expat-Leben beschreibt Peter Moss genauso wie die Verhältnisse der Einheimischen, wenn auch ohne Fotos. Ich habe oft gelacht, gestaunt, geträumt. Reporter im Malaya vor der Unabhängigkeit: Moss arbeitete als Reporter für die Tageszeitung Malaya…

Biografie: Die Karrieren der Vicki Baum, von Nicole Nottelmann (2007) – 6 Sterne

Ganz genau kann ich es nicht erklären, warum mich diese Biografie zu Vicki Baum nicht recht begeistert hat. Eine Rolle spielt sicher Nottelmanns lieblose Sprache, hier und da fehlerhaft; auch betont sie bestimmte Leitmotive im Leben der Vicki Baum zu oft. Eigentlich müsste das Buch hochinteressant werden, denn die Voraussetzungen für eine spannende Lebensgeschichte sind…

Historische Malaysia-Geschichten: More Far Eastern Tales, von W. Somerset Maugham – 6 Sterne

Da sind sie wieder: Die Distriktverwalter, natürlich im einsamen Haus auf dem Hügel am Fluss; die Plantagenverwalter, verstrickt in Eheprobleme (mit Engländerinnen) oder Eheverweigerungsprobleme (mit Asiatinnen); Frauen insgesamt als „pretty little things“; Alkohol und Zigaretten 24/7; Einheimische als blasser Zierrat. Die Kurzgeschichten dauern 30 bis 50 Seiten, bieten Rahmenhandlung und ausgiebige Rückblende, spielen oft im…

Indonesien-Roman: Liebe und Tod auf Bali, von Vicki Baum (1937) – 6 Sterne

Baums Sprache klingt altmodisch, manchmal gestelzt und ein bisschen hilflos, wie eine ungeschickte Übersetzung (1). Trotzdem hat der Roman eine eigene Stimme. Bei Baums etwas gekünstelt kindlichem Ton weiß man nicht recht: Wen findet sie selbst naiv – die Einheimischen, die Holländer, oder die Leser? Wir lernen Sitten, Gebräuche und Verhaltensmuster sehr genau kennen, manchmal…

Karibik-Reise-Bericht: The Middle Passage, von V.S. Naipaul (1962, dt. Auf der Sklavenroute) – 6 Sterne

1960 reist V.S. Naipaul fast sieben Monate lang durch fünf Karibik-Staaten. Alle haben gemischtrassige Bevölkerung mit Wurzeln in Afrika, Indien und Europa, sind von Kolonialherrschaft und Sklaverei geprägt, stehen mit einer Ausnahme vor dem Übergang in die Unabhängigkeit – ideale Naipaul-Themen. Um diese Länder geht es: Trinidad & Tobago, britische Kolonie bis 1962, ca 50…

Zeitreise-Roman: Plötzlich Shakespeare, von David Safier (2010) – 5 Sterne

Was ist dieser David Safier nur für eine Person? Eine, die begeistert peinlich-vorpubertär-anrüchige Witzchen erzählt und sich dann selber beifallheischend auf die Schenkel klopft? So klingt dieses Buch. Und was sind das für Leute, die diese Trash-Phantasy-Klamotte auf die Spiegel-Bestsellerliste kaufen? Mögen die alle peinlich-vorpubertär-anrüchige Witze? Und was bin ich für einer, dass ich diesen…

Malaysia-Roman: Töchter des Monsuns, von Rani Manicka (2003, engl. The Rice Mother) – 5 Sterne

Malaysia im Krieg (aber nicht nur): Tragisches Schicksal unter Palmen Ein Buch voller Leid, Unheil, Gewalt, Betrug, Niedertracht, Missgunst, Täuschung, Enttäuschung, Kriegsverbrechen, Trauer, Tränen. Geht es zwischenzeitlich friedlicher zu, weisen die verschiedenen Ich-Erzähler doch alle zwei Seiten düster auf ausstehende Tragödien hin. Zusätzlich raunen Wahrsager, dräuen Omen, wabern Traumfiguren. Man denkt zeitweise an einen Groschenroman.…

Asien-Memoiren 1949 – 1979: My House Has Two Doors, von Han Suyin (1980) – 3 Sterne

Dieser vierte Band von Han Suyins Memoiren wurde in späteren Ausgaben auf zwei Bände verteilt: Memoiren 4.1: My House Has Two Doors Memoiren 4.2: Phoenix Harvest (ursprünglich der hintere Teil der ersten Ausgabe von My House Has Two Doors; lt. Innentitel Volume 2 of My House Has Two Doors) Überheblich, aber mit Fehlern: Suyin schreibt…

Historische Malay(si)a-Erzählungen: At the Court of Pelesu and Other Malayan Stories, von Sir Hugh Clifford – 3 Sterne

Eher Zeitdokument als lesbare LiteraturDie Sprache klingt mal omaplüschsesselhaft kommod, öfter aber hölzern oder weitschweifig. Die Erzählungen drehen sich teils um Kolonialpolitik auf Provinzebene oder um junge englische Abenteurer auf der malaysischen Halbinsel – seltener um Malayen selbst. Mitunter liefert Sir Hugh Clifford (1866 – 1941) längere handlungsfreie Beschreibungen. Im Vorwort erzählt William R. Roff…

Südostasien-Roman: The Soul of Malaya, von Henri Fauconnier (1930) – 4 Sterne

Mystisches, Esoterisches, selbstbespiegelnd und fad verallgemeinerndEin Prix Goncourt für diesen „Roman“? Wenn ich die Seiten gar nicht berücksichtige, die ich angeödet überblättert habe, und nur die tatsächlich interessanten Seiten bewerte, dann komme ich auf vier Sterne. Es gibt ein paar bemerkenswerte Einblicke ins malaiische Seelenleben, auch wenn Henri Fauconnier (bzw. Henry Fauconnier) wohl Extreme beschreibt,…

England-Roman: Der Mann am Klavier bzw. The Pianoplayers, von Anthony Burgess (1986) – 5 Sterne

Schnodderiges ParlandoDie ersten zwei Drittel, etwa 140 Seiten, lesen sich gut und sind entspannt erzählt: Es geht um das harte Leben eines armen englischen Klavierunterhalters in den 1920er bis 1940er Jahren; er malträtiert die Tasten in Kinos, Kneipen und Schmierenshows und ist doch eigentlich ein sensibler Beethoven-Freund. Das klingt sehr anschaulich, wirkt oft lustig bis…

Sahara-Kolonial-Roman: Die Wüstenrose, von Henry de Montherlant (1968) – 3 Sterne

Weitschweifiger Roman über trantütigen französischen Sahara-Leutnant Marokko, französische Kolonie, in den 30ern: Oberleutnant Auligny wird auf einen entlegenen Posten in der Sahara versetzt. Bald mietet er sich die 14jährige Marokkanerin Ram zum Kuscheln. Die Beziehung ist erst geschäftsmäßig, bekommt dann aber Dynamik. Amazon-Werbelinks: Ganz Afrika | Südafrika | Kenia | Marokko Sehr weitschweifig: Mit dieser…

Indochina-Berichte: A Dragon Apparent, Travels in Cambodia, Laos and Vietnam, von Norman Lewis (1951) – 5 Sterne

Distanzierte Berichte von Laos, Vietnam und Kambodscha 1950Norman Lewis berichtet in oft leicht mokantem, distanziertem Ton, der bei den US-Missionaren in den französischen Kolonien eine noch spitzere Note bekommt. Fast mehr Respekt klingt durch, wenn er Bergvölker mit vielen unterhaltsamen Bräuchen in Vietnam, Laos und Kambodscha besucht. So trifft er auch die Mois in Vietnam,…

Rezension Burma-Reisebericht: The Gentleman in the Parlour, von W. Somerset Maugham (1930) – 4 Sterne

Onkelhaftes Geplauder ohne viel AtmosphäreMaugham reist 1922 durch Birma (heute Myanmar), Siam (heute Thailand), Kambodscha und Vietnam, zeitweise auf dem Pony durch entlegenste Regionen. Sonderlich viel erfahren wir nicht, er bleibt der distanzierte Kolonialist. Über Einheimische berichtet Maugham, wenn überhaupt, nur herablassend wohlmeinend („pretty thing“, „poor thing“). Über einen amerikanischen Juden: „He was the kind…

Paris-Südsee-Gaugain-Roman: Silbermond und Kupfermünze, engl. The Moon and Sixpence, von W. Somerset Maugham (1919) – 5 Sterne

Romantisierendes KunstgewerbeFiktive, vage Gaugin-Biographie mit den Stationen England, Frankreich und Südsee. Künstler, Lebenskünstler und Kunstgewerbler bevölkern den schmalen Roman. Autor W. Somerset Maugham gehört zur letztgenannten Berufsgruppe. Einige Schwächen: Denn der Roman dräut penetrant melodramatisch, die Hauptfigur zeigt kaum nachvollziehbare Wendungen, die Handlung kleinere Logiklücken und Brüche. Das Leben Paul Gaugins – sehr loses Vorbild…

Nigeria in den 40ern: The Potter’s Wheel, von Vincent Chukwuemeka Ike (1973) – 5 Sterne

Nigeria in den 1940ern: Ein Neunjähriger auf dem DorfDas gesamte Buch von 1973 handelt von einem Neunjährigen in einem Igbo-Dorf in Ostnigeria in den 1940er Jahren. Zunächst wohnt Obu bei den Eltern, wird von der Mutter verwöhnt, von anderen Dorfjungen gepiesackt. Dann kommt er zu einem sadistischen Lehrerehepaar, das Kinder als Diener aufnimmt, sie anbrüllt…

Rezension historischer Nigeria-Roman: Okonkwo oder Das Alte stürzt / Alles zerfällt / Things Fall Apart, von Chinua Achebe (1958) –

Deftige Dorf-Erzählung aus dem Nigeria der 1890er JahreSchön erdige, rauh-rustikale, folkloristische Erzählstimme in reichem, teils lebhaft skurrilem Englisch (ich hatte das englische Original Things Fall Apart, der deutsche Titel ist Alles zerfällt oder auch Okonkwo oder Das Alte stürzt). Man hört Achebe fast am Feuer plaudern. Viele unterhaltsame, bauernkluge Sprichwörter, Lebensweisheiten, Metaphern und Geschichtchen aus…

Historischer Afrika-Bericht: Journey without Maps, von Graham Greene (1936, dt. Der Weg nach Afrika) – 5 Sterne

Eine bizarre Expedition, 1935 zu Fuß durch entlegene Dörfer und Wälder Sierra Leones, Guineas („France“) und Liberias. Oder eher keine Expedition, denn es galt nichts Neues zu entdecken: Es war mehr eine ausgedehnte Wanderung: Graham Greene, seine Cousine Barbara Greene (er etwa 30, sie 23, beide völlig Afrika-unerfahren) und ein paar Dutzend einheimische Träger. Die…

Reisebuch Persien, Afghanistan: Der Weg nach Oxiana, von Robert Byron (1937) – 4 Sterne

Das beste Reisebuch der Dreißiger? Bruce Chatwin huldigt ihm und seinem Autor in einem wenig informativen, aber hymnischen Vorwort meiner englischen Picador-Taschenbuchausgabe. Der große Dalrymple scheint zuzustimmen. Ein Erfolg war das Buch jedoch offenbar nicht. Byron interessiert sich kaum für die Menschen unterwegs. Das sind alles Eseltreiber, Fahrer, bestenfalls Botschaftsangehörige. Die Bewohner eines Landstrichs nennt…