Roman

Rezension komischer England-Roman: Zwei an einem Tag, engl. One Day, von David Nicholls (2009) – 7 Sterne – mit Video & Links

Eine lakonisch romantische Komödie über zwei Jahrzehnte: Nach der Uni-Abschlussfeier verbringen Emma und Dexter eine gemeinsame Nacht; anschließend bleiben sie befreundet, haben aber jahrelang jeweils andere Partner. Dexter ist reich, lässig und wird TV-Moderator; Emma strampelt sich ab und endet als kleine Lehrerin. Die Geschichte verkaufte sich in Deutschland angeblich 1,5 Millionen Mal und wurde…

Rezension Unterhaltungsroman: Die Reisen mit meiner Tante, von Graham Greene (1969, engl. Travels with my Aunt) – 7 Sterne

Henry (Mitte 50, frühpensionierter Bankfilialleiter) und Tante Augusta (75) begegnen sich nach Jahrzehnten wieder. Sie reisen mit dem Zug von London über Paris nach Istanbul; später treffen sie sich in Paraguay erneut. Henry ist dezidiert dröge, die alte Dame flamboyant und etwas rätselhaft. Gepflegtes Parlando: Greene schrieb Die Reisen mit meiner Tante, engl. Travels with…

Roman-Kritik: Towards the End of the Morning – Gegen Ende des Morgens, 1967, von Michael Frayn – 7 Sterne

John Dyson ist unbedeutender Redakteur bei einer Londoner Tageszeitung, langweilt sich dort oft, fühlt sich aber zu Größerem berufen – da wird er zu einer Talkrunde im Fernsehen eingeladen. Sein Ego schwillt, sein Redefluss auch. Autor Michael Frayn karikiert die Eitelkeiten und Banalitäten im Redaktions- und Büroalltag, die Kleinkämpfe und Rangeleien bei der Arbeit und…

Rezension England-Roman: Bordeaux: Ein Roman in vier Jahrgängen – The Irresistible Inheritance of Wilberforce, von Paul Torday (2008) – 8 Sterne

Ein sehr überzeugender Roman mit stets durchgehaltenem, gutem Momentum, wenn man bedenkt, dass es in großen Teilen nur um einen unsympathischen, blassen Alkoholiker und Computerfex geht und dass wenig passiert. Es fiel mir schwer, die Lektüre zu unterbrechen. Reizvoll, wie der Ich-Erzähler seine Weinsucht ummäntelt, negiert, mit immer neuen Erklärungen und Ausflüchten; ganz lässig –…

Rezension Geistreicher London-Roman: The London Embassy, von Paul Theroux (1983) – 8 Sterne

Der Ich-Erzähler arbeitet Anfang der Achtziger in der US-Botschaft in London. Das Buch besteht aus 18 sehr lose bis gar nicht verwobenen Episoden. Die meisten Geschichten haben nicht viel mit der Botschaft zu tun: Der Ich-Erzähler lernt zum Beispiel jemanden bei einem Empfang kennen, fühlt sich zu einem Besuch vor Ort bemüßigt, der Rest spielt…

Rezension Lustiger Roman: Ewig zweiter (2005), von David Nicholls – 8 Sterne

Ein Schauspieler und Drehbuchschreiber, der einen Roman über einen Schauspieler mit Schreibambitionen schreibt – das klingt gefährlich. Man befürchtet distanzlose Insidergeschichten, Egotrips, selbstmitleidige Selbstbespiegelung, Ablästern über Kollegen, Werke und Alphafiguren. Es gibt ja nichts Schlimmeres als Schriftsteller, die Romane über, ausgerechnet, Schriftsteller, schreiben, womöglich noch in Berlin. Doch bei Nicholls (*1966) steigt nie das säuerliche…

Rezension lustiger Roman: Keine weiteren Fragen, von David Nicholls (2003) – 8 Sterne

Viele exzellente Dialoge und Abläufe, für ein lustiges Buch recht realistisch, wenn man auch die Zuneigung der beiden Hauptdarstellerinnen für den männlichen Helden etwas unglaubwürdig finden kann. Die Rolle des verstorbenen Vaters wird etwas überhöht. Ich habe das Buch verschlungen. In meiner Suche nach lustigen, aber nicht doofen Büchern hatte ich zuletzt Matthias Keidtels Ein…

Romankritik: Liebe und andere Parasiten, von James Meek (2012, engl. The Heart Broke in) – 8 Sterne

Über 500 Seiten smarte, coole Dialoge – genauer: Dialoge und viele heikle Hintergedanken – zwischen smarten, modernen Menschen meist zwischen 30 und 40, überwiegend in London. Interessante, moderne, moralische Konflikte im Medien- und Wissenschaftsbereich und in Paarbeziehungen; gut und rund konstruiert, meist sehr spannend. Darum geht es: Einige Konflikte zielen auf speziell englische Sensibilitäten, so…

Rezension Finanzkrise-Roman: Charlie Summers, von Paul Torday (2010) – 8 Sterne

An diesem Roman über die Finanzkrise gefiel mir: solide Konstruktion, sichere Erzählstimme – der Leser ist in guten Händen ordentliche Dialoge mit klar unterscheidbaren, markanten Charakteren (Kleinstadtbetrüger, zynischer Geldadel, lässiger Landadel) (ich hatte die englische Ausgabe) einige Mechanismen der Finanzkrise anschaulich, aber nicht zu simpel dargestellt eher wenig interessante Figuren (meist englische Landedelmänner) in interessante…

Romankritik: Lachsfischen im Jemen, von Paul Torday (2006) – 7 Sterne

Die Idee ist reizvoll – ich meine die interessante Handlungsidee und die Präsentation quasi ohne Erzähler, sondern nur durch Wiedergabe von fiktiven E-Mails, Interviews und Tagebucheinträgen. Der Autor ist offenkundig auf die britische Regierung (wohl ein Blair-Kabinett) nicht gut zu sprechen, und ein paarmal habe ich laut gelacht über die Politsatire. Diese Schwächen fielen mir…

Romankritik englische Medien-Satire: Everyone’s Gone to The Moon, von Philip Norman (1995) – 7 Sterne

1996: Der blasse Louis Brennan, 22, wird Topjournalist bei der schicken Farbbeilage, nein, beim Magazin des Londoner Wochenblattes Sunday Dispatch. Große Teile des Romans beschreiben Leben, Liebe und Intrigen in der Redaktion – und in den Swinging Sixties. Fazit: Norman schreibt mit Insiderkenntnis, spannenden Intrigen, deftiger Satire, ausgeprägten Charakteren und eleganten Worten – umso verblüffender,…

Lustiger England-Roman rezensiert: Das Intimleben des Adrian Mole, 13 3/4 Jahre alt, von Sue Townsend (1982) – 7 Sterne

Nett, lustig, leicht. Kann man einfach so runterlesen, und die Unterteilung in viele viele kleine Tagebuch-Häppchen macht es noch leichter. Mitunter sind die Witze vorhersehbar, das Konstruktionsprinzip von Sue Townsend ist gut, aber zum Schluss etwas abgehangen. Aber es wird nie selbstgefällig, wie bei deutschen Autoren, die heimlich doch nur über sich selbst schreiben. Die…

Historischer Afrika-England-Roman rezensiert: Der Eiskrem-Krieg, von William Boyd (1982) – 7 Sterne

Gut erzählt mit vielen kleinen Details, die das räumlich und zeitlich ferne Szenario fast in Vergrößerung zeigen. Dabei präsentiert William Boyd seine präzisen Einblicke so en passant, dass er nie angeberisch faktenhubernd klingt. Ebenso knapp, aber sehr detailliert schildert Boyd auch männliche Sexualität und Kriegsgreuel, mmmhh. Boyd schreibt unterhaltsam, aber mit reichem Wortschatz und viel…

Roman-Kritik Chinesen in England: Sour Sweet, von Timothy Mo (1982) – 7 Sterne

Gefühlt 65 Prozent des Buchs von 1982 widmet Mo einer Hongkong-chinesischen Kleinfamilie, die sich mit einer Imbissbude eine Existenz im ärmeren Teil Londons aufbaut – unterhaltsam, einfühlsam und mit trockenem Humor, dazu verblüffende Einblicke und Begegnungen. Es klingt, als sei Mo selbst dabei gewesen und hätte doch die nötige Distanz, die Entwicklung allgemeinverständlich und Roman-tauglich…

Lustiger Roman rezensiert: Adrian Mole und die Achse des Bösen, von Sue Townsend (2006) – 7 Sterne

Und schwups hat man hundert Seiten gelesen, so leicht geht das runter, wenn auch anfänglich weniger lustig. Ab der zweiten Hälfte wird es bitterer, aber gleichzeitig auch humorvoller. Es ist ein Roman auf einer sehr geraden Zeitachse mit einem Kapitel pro Tag; es könnte auch ein normaler Roman sein: das Tagebuchschema spielt, anders als in…

Lustiger England-Roman: Ohne mich, Jeeves!, von P.G. Wodehouse (1947) – 6 Sterne

Wie gern würde man es von Loriot hören: Die gediegenen Herrschaften aus diesem Roman heißen Bertram Wooster, D’Arcy „Stilton“ Cheesewright, Boko Fittleworth, Catsmeat Potter-Pirbright oder Lord Percival Worplesdon. Sie domizilieren nonchalant in Steeple Bumbleigh. Vor strengen Tanten und heiratswütigen Schriftstellerinnen zittern diese Figuren. In schwierigen Lagen konsultieren sie Butler Jeeves, den mit der enormen Hutgröße.…

Roman Chinesin in England: Kleines Wörterbuch für Liebende, engl. A Concise Chinese-English Dictionary for Lovers (2007) – 6 Sterne

Unschuldiges Chinamädel, 23, kommt nach London, um ihr Englisch zu aufzubessern. Zieht bald zu einem älteren Späthippie. Dann per Interrail durch Europa. Die Ich-Erzählerin liefert schöne Vergleiche zwischen westlicher und chinesischer Kultur (Beziehungen, Familie, Mann-Frau, Privatsphäre, Essen, Ausdrucksweisen, Geld). Ein Großteil ist in kaputtem, niedlichem Asien-Englisch geschrieben, erst gegen Ende wird es etwas besser (ich…

Roman: Fremdland, von James Meek (2008) – 6 Sterne

Das Buch hat interessante Situationen, unter anderem den Journalistenalltag im kämpfenden Afghanistan oder die Bestsellerkalküle eines Buchautors. Meek schreibt unterhaltsam scharfe, zynische Dialoge zwischen Verlagsmenschen in London und dann wieder in New York. Er kann schreiben (engl. Titel, We Are Now Beginning our Descent, dt. Fremdland). Aber manche Szenen wirken sehr konstruiert und absurd –…

Rezension England-Nigeria-Roman: Nur ein Teil von Dir, engl. A Bit of Difference, von Sefi Atta (2012) – 6 Sterne – mit Presse-Links

Die Afrikanerin Deola stammt aus reichem Elternhaus in Nigeria, lebt jedoch seit Jahrzehnten in England. Sie hat dort einen guten Job und einen britischen Pass. Deola ist 39, Single und kinderlos, hätte aber gern Nachwuchs. Eine Geschäftsreise nach Lagos verändert ihr Leben. Fazit: Sefi Atta erzählt mit sparsamen Worten, skizziert mit knappen Dialogen Stimmungen und…

Zeitreise-Roman: Plötzlich Shakespeare, von David Safier (2010) – 5 Sterne

Was ist dieser David Safier nur für eine Person? Eine, die begeistert peinlich-vorpubertär-anrüchige Witzchen erzählt und sich dann selber beifallheischend auf die Schenkel klopft? So klingt dieses Buch. Und was sind das für Leute, die diese Trash-Phantasy-Klamotte auf die Spiegel-Bestsellerliste kaufen? Mögen die alle peinlich-vorpubertär-anrüchige Witze? Und was bin ich für einer, dass ich diesen…

England-Roman: Der Mann am Klavier bzw. The Pianoplayers, von Anthony Burgess (1986) – 5 Sterne

Schnodderiges ParlandoDie ersten zwei Drittel, etwa 140 Seiten, lesen sich gut und sind entspannt erzählt: Es geht um das harte Leben eines armen englischen Klavierunterhalters in den 1920er bis 1940er Jahren; er malträtiert die Tasten in Kinos, Kneipen und Schmierenshows und ist doch eigentlich ein sensibler Beethoven-Freund. Das klingt sehr anschaulich, wirkt oft lustig bis…

Lustiger Roman: Die Cappuccino-Jahre: Ein Adrian-Mole-Roman, von Sue Townsend (1999) – 5 Sterne

Ach Adrian……damals, mit 13 3/4, da hast Du ein richtig tolles Tagebuch geschrieben, pubertär erhitzt und aufgeregt, und aufregend zu lesen, alle paar Stunden hast Du Dich ihm anvertraut, in vielen kleinen Audienzen. Und ich hab‘ mit Dir gezittert, Adrian. Und nun? Die Cappuccino-Jahre? Gib’s zu, das hast Du nicht selber geschrieben. Du hattest eine…