Bollywood: Dil Chahta Hai (2001, mit Aamir Khan, Saif Ali Khan) – 4 Videos – 2 Sterne

Bombay und Sydney 2001: Drei Yuppie-Jünglinge (Saif Ali Khan, Aamir Khan, Akhshaye Khanna) verlieben und entlieben sich. Zu ihren Opfern gehören die Damen Preity Zinta und Dimple Kapadia. 183 Minuten, US-Titel Do Your Thing.

Bedeutungsschwere Sätze:

Wieder mal ein Drehbuch von jungen Leuten zum Thema Liebe. Das Skript (mit einem Filmfare-Preis gekrönt) enthält viele schwer bedeutungsvolle Sätze über die L. Doch die Charaktere stellen bestimmte Verhaltensmuster allzu plakativ dar: A mag schnelle Affären, B verliebt sich laufend spontan, C grübelt nur.

Die Schauspieler sprechen ergriffen und untermalen ihre Satze mit überdeutlichen Gesten und Gesichtsausdrücken. Besonders quälend, wenn Aamir Khan just während einer Oper von der Liebe ergriffen wird. Das Film-Ende kommt mit der Brechstange. Ich habe kaum gelacht und kein Taschentuch verbraucht.

So landet „Dil Chahta Hai“ (wörtlich: „Das Herz begehrt“) in der Schublade „Jung, echt total ambitioniert – und blutarm hohl“. Dort verstaubt es mit Streifen wie „Jab We Met“, „Kyun…“ oder „Salaam-e-ishq“, ein Vorläufer in gewissem Sinn war „Dil to pagal hai“. „Dil Chahta Hai“ erinnert auch an hohle Jungmännerkumpelstreifen wie 3 Idiots und Man lebt nur einmal – Zindagi Na Milegi Dobara.

Teure Statussymbole:

Und wie für jede Produktion dieser Ablage gilt auch für „Dil Chahta Hai“: Alle Yuppie-Akteure wohnen in weitläufigen Luxusvillen, süffeln Hochprozentiges in Edeldiskos, fliegen nonchalant um die Welt (hier sogar Business Class), nach Goa geht’s im offenen Benz. Ganz reizend.

Akhshaye Khanna, aber auch Aamir Khan zeigen oft einen unsympathisch verkniffenen Gesichtsausdruck. Aamir Khan soll in der ersten Filmhälfte den Spaßvogel geben, doch man nimmt ihm die Lockerheit nie ab (war er je irgendwo locker?).

Der demonstrativ vergrübelte Akhshaye Khanna passt gar nicht; er jongliert nur mit einer Mundhälfte und den Augenbrauen, der Rest des Gesichts bleibt statisch und seine Liebe zur älteren Frau (Dimple Kapadia) ist keine Sekunde plausibel; Khanna spielte besser Zyniker, die still denken und dann etwas anderes sagen, so wie sein Lokalpolitiker in „Aaja Nachle“ oder sein heiratsunwilliger Komiker in „Jab we Met“.

Khanna war ohnehin nicht erste Wahl als vergrübelter Maler Sid: Regisseur Farhan Akhtar hatte ursprünglich Aamir Khan für die Khanna-Figur vorgesehen, doch der entschied sich für eine andere Rolle. Danach wurde Abhishek Bachchan angefragt, der aber nicht so viele Neben-Stars um sich sehen wollte.

Lichtblicke:

Preity Zinta, Dimple Kapadia und Saif Ali Khan geben „Dil Chahta Hai“ dennoch etwas Leben und Bodenhaftung und stemmen die Gesamtnote vom Kellerboden weg. Zinta – hier mit Ringellöckchen – spielt über längere Strecken ihre Standardnummer als gutgelaunte Städterin, Saif Ali Khan kommt als kernig-jungenhafter Sonnyboy mit viel Gefühl und einem weit echteren Lächeln als seine Männerfreunde.

Veteranin Dimple Kapadia zeigt nach über einjähriger Spielpause die tief verletzte, alkoholkranke Geschiedene sehr ehrlich, sehr verletzlich, doch ohne melodramatische Übertreibung – vielleicht die beste Leistung in einem Film voll bekannterer Darsteller. Aber auch mehrere Eltern-Akteure wissen zu gefallen.

Die Musik:

Die Musik von Shankar-Ehsaan-Loy klingt modern, elektrisch, man könnte auch sagen: blutarm und mangels akustischer Instrumente reichlich künstlich. Freilich gibt es kaum große Tanznummern (Farah Khan, Cousine des Regisseurs, choreographierte die Ausnahme in der Disko) und alle Stücke passen sich gut ins Filmgeschehen ein.

Ich frage mich, ob Shankar-Ehsaan-Loy ihre Musik in verschiedenen Preisklassen anbieten. Mitunter liefern sie exzellente Filmlieder, so etwa in „Kal Ho Naa Ho“, „Khabi Alvida Na Kehna“ oder „Taare Zameen Par“. Dann wieder enttäuschen sie bitter in billigeren Produktionen, etwa in „Kyun…! Ho Gaya Na“ (auch die Musiker Vishal-Shekar überraschen durch sehr unterschiedliche Qualitäten je nach Film).

Die Akhtars:

Regisseur und Ko-Autor Farhan Akhtar ist der Sohn des berühmten Drehbuchautors Javed Akhtar, eine Hälfte von Salim-Javed. Farhan Akhtar verarbeitete in DCH auch eigene Erinnerungen ans unbeschwerte Yuppieleben in Bombay, Goa und New York; später wurde er auch Schauspieler, etwa in „Don – Das Spiel beginnt“ oder „Rock on“.

Farhan Akhtars Schwester Zoya Akhtar machte bei „Dil Chahta Hai“ Regieassistenz. 2009 leitete sie mit „Luck by Chance“ ihren eigenen Streifen, wieder über junge Leute in Bombay, wieder mit Musik von Shankar-Ehsaan-Loy, wieder mit einer starken Dimple Kapadia in einer Nebenrolle. In der Hauptrolle diesmal: ihr Bruder Farhan Akhtar, Regisseur und Autor von Dil Chahta Hai.

In „Luck by Chance“ hatte Farhan Akhtar wohl nichts mit dem Buch zu tun. „Luck by Chance“ gefällt auch darum weit besser. Später inszenierte Zoya Akhtar das öde Man lebt nur einmal – Zindagi Na Milegi Dobara.

Ein Erfolgsfilm:

„Dil Chahta Hai“ wird allseits hochgelobt, bekam einige Preise und gehört zu den wenigen Bollywood-Streifen, die in der Leserwertung auf IMDB.com einen Durchschnitt über 8,5/10 erhielten (bei über 24.00 Stimmen, August 2014). Kennzeichnend: Männer beurteilen „Dil Chahta Hai“ deutlich besser als Frauen (8,7 versus 8,0), Unter-30-Jährige urteilen klar freundlicher als Zuschauer über 30.

Meine DVD des indischen Anbieters T-Series steckte in einem Pappumschlag, hat keine Extras und englische Untertitel mit reichlich Tippfehlern. Englisch gesprochene Sätze werden häufig nicht untertitelt, selbst wenn das gesprochene Englisch nicht immer so deutlich zu verstehen ist.



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