Satirischer Diplomaten-Roman rezensiert: Unser Mann in Afrika, von William Boyd (1981) – 7 Sterne

Zeitweise war ich mir nicht sicher: Ist der Autor so pubertär, oder nur seine Hauptfigur? Die niederen Gelüste des Morgan Leafy bekommen viele Zeilen in diesem Westafrika-Roman, unangenehm viele, und gelegentlich geht es sogar saftig ins Urologische – kein guter Lesestoff beim Frühstück, aber ein Anlass, bestimmte venerische Komplikationen einmal nachzuschlagen.

Dann noch derbe, schnell ausgestoßene Flüche. Und bald wieder: Weibliche Oberweiten, weibliche Hinterteile, Schürzenjagd in Afrika.

Die Hormone kochen hoch:

William Boyd schreibt in der Artikelsammlung Bamboo, wie sexbesessen die Insassen in seinem schottischem Jungsinternat waren und dass er damals enorme fünf Pfund für das Foto einer aufregenden Frau im T-Shirt bezahlte; hier gründet offenbar Morgan Leafys unermüdliche Triebsamkeit.

Fast hätte ich A Good Man in Africa nach 50 Seiten weggelegt, weil ich eine erhitzte Tour de Testosteron über 250 weitere Seiten nicht brauchte. Doch die Geschichte nahm Fahrt auf, und Boyd erzeugt mit einem schlichten Trick Spannung: schon bald hören wir von einem wesentlichen, unglücklichen Ereignis in der Vergangenheit, das entscheidend in die erzählte Gegenwart hineinwirkt; doch was da passierte, bleibt lange schleierhaft.

Boyds Schreibstil:

Dabei schreibt Boyd nicht chronologisch, sondern wechselt mehrfach die Zeitebene; dies immerhin so gewandt, dass der Überblick stets erhalten bleibt, und die Zahl der Akteure ist überschaubar. Gelegentlich wirken die Zeitsprünge jedoch auch abrupt – wie nachträgliches Umschichten der Buchteile ohne sorgfältige Anpassung.

Auch in einzelnen Kapiteln baut Boyd immer wieder geschickt Spannung auf, vor allem rund um die Versuche und Versuchungen des Morgan Leafy. Mir hat auch gefallen, wie die wichtigsten Figuren jeweils mit klar erkennbaren Stimmlagen reden. Boyd selbst scheint ab der Buchmitte weniger wortreich und etwas ökonomischer zu schreiben.

Über die afrikanischen Hintergründe:

Veröffentlicht 1981, angesiedelt irgendwo in den späten 1960ern oder frühen 70ern, spielt A Good Man in Africa in einer Provinzhauptstadt des fiktiven westafrikanischen Staates Kinjanja; der erinnert deutlich an Nigeria, dort wuchs der englische Autor Boyd zeitweise auf. Sein Vater war Uni-Arzt in Nigeria – direktes Vorbild für Dr. Murray im Roman, eine der wenigen eher sympathischen Figuren. Tatsächlich ist Murray sogar Teil des Boydschen Familiennamens.

Das Gewese im englischen Konsulat in Afrika weckt Erinnerungen an Das Herz aller Dinge von Graham Greene. Dieser Roman (angesiedelt in Freetown, Sierra Leone) wird in A Good Man in Africa sogar einmal kurz erwähnt. Doch A Good Man in Africa ist eine krasse Satire ohne Ernst, und meine Lieblingsromane über Konsulate in den Tropen bleiben von The Consul’s File von Paul Theroux‚ und Tage in Burma von Aldous Huxley.

Ebenfalls in Good Man in Africa erscheint die Phrase „at ease“, die mich an den lesenswerten Achebe-Roman Heimkehr in ein fremdes Land (engl. No Longer at Ease) erinnerte; der spielt im Lagos der späten 50er und handelt – wie Boyds Good Man – von Korruption und moralischem Verfall. Natürlich erinnern der englische und mehr noch der deutsche Titel auch an Our Man in Havana.

Andere Afrika-Bücher von William Boyd:

Kurz nach A Good Man in Africa veröffentlichte Boyd den Roman Ice-Cream War, der ebenfalls meist in Afrika spielt – im ersten Weltkrieg, im Gebiet des heutigen Kenia und Tansania. Doch während diese beiden frühen Boyd-Romane zwar in Afrika siedeln, handeln sie vor allem von Engländern und ihren Tics und Obsessionen:

Ice-Cream War hat überhaupt keine wichtigen afrikanischen Akteure; A Good Man in Africa bietet schon mehr afrikanische Beteiligung, auch Wetter, Natur und Lebensbedingungen werden plastischer. In Ice-Cream War klingt Boyd dann deutlich ernster und erwachsener.

Unrealistisch, aber knackig:

A Good Man in Africa entwickelt sich an mehreren Stellen sehr unrealistisch. Speziell im letzten Drittel zerrt Boyd seine Hauptfigur lustvoll von einem Desaster zum nächsten, und das Buch wird zunehmend zum erzählten Comic, fast schon an Tom Sharpe erinnernd (der selbst mit zwei antirassistischen  Südafrika-Satiren begann) – aber Good Man klingt damit definitiv auch wie der Stoff für eine knackige Verfilmung.

Das gilt erst recht für die zwei letzten, dramatischen Kapitel. Und tatsächlich lieferte Boyd auch das Drehbuch für die Verfilmung von 1994 – die noch derber und platter wirkt als das Original.

Schade, dass zum Ende ein paar Nebenhandlungen offen bleiben.

Boyds Geschichtensammlung On the Yankee Station bzw. The Blue Moon enthält zwei Kurzgeschichten um Morgan Leafy, die vielleicht einmal Teil des Romans Good Man in Africa waren, aber zurecht nicht darin erscheinen. Es gibt neue Probleme, neue Frauen, neue Hormonstürme und venerische Maleste.

Beide Geschichten liefern keine neuen Hintergründe oder Erkenntnisse. Eine der zwei Morgan-Leafy-Episoden ist ganz unterhaltsam, die andere wirkt wie zu früh ausgemustert und nie verfeinert (und der Inhalt wurde im Buch mit anderem Personal neu untergebracht).


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